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»Verschwinde!«

Offensichtlich nicht.

Vermutlich muß man einer Frau in dieser Situation ein gewisses Maß an Hysterie oder Unvernunft zugestehen. In einer vergleichbaren gefährlichen Lage hätte ich vielleicht ähnlich gehandelt. An meiner Stelle war es leicht, Kritik zu üben.

Das Ul stolzierte zwei, drei Meter näher heran. Sein Kopf befand sich etwa dreieinhalb Meter über dem Boden. Es war nur noch ein kleines Stück von der Frau entfernt.

»Geh weg!« schluchzte sie. »Verschwinde!«

Erneut spreizte das Ul die Schwingen. Sie bestehen aus Haut und erstrecken sich von den klauenbewehrten Hinterbeinen, mit denen sie verwachsen sind, bis zu den außerordentlich langen vierten Fingern der Klauenhände. Es fauchte die beiden Tharlarion in der Nähe des Pfahls an. Eine der Echsen wich zurück. Die andere behauptete ihre Stellung, öffnete den Rachen und fauchte zurück.

Daraufhin spreizte das Ul wieder und wieder die Schwingen. Ich hatte nicht mit den Windstößen gerechnet, die dadurch erzeugt wurden, und wurde rücklings in das Schilf gestoßen. Nachdem ich wieder auf den Beinen stand, kämpfte ich mich schrittweise vorwärts, wie durch einen Sandsturm in der Tahari. Dabei hielt ich mir den Arm vors Gesicht. Das kurzbeinige Tharlarion gab einen seltsamen Laut von sich, dann sah ich durch zusammengekniffene Augen, wie es in die Höhe gehoben und geschüttelt wurde. Etwas in seinem Rücken gab krachend nach. Das Ul erhob sich mit seinen mächtigen Schwingen in die Luft, wobei es durchaus mit dem Gewicht des Tharlarion zu kämpfen hatte, und ließ es dann aus einer Höhe von vielleicht dreißig Metern in den Sumpf fallen. Wegen der riesigen Rencehalme konnte ich nicht sehen, wie es ins Wasser fiel; ich sah nur hundert Meter von uns entfernt das Aufspritzen.

Dann sauste ein gewaltiger Schatten über das Sumpfwasser, einen Augenblick später gruben sich krallenbewehrte Klauen in den Sand, und zwar genau dort, wo sich die Echsen eben noch befunden hatten. Die ganze Sache hatte nur wenige Ihn gedauert.

Ich hatte gar nicht gewußt, daß Ul über derartige Kräfte verfügten oder daß sie solche Lasten heben konnten. Im Vergleich dazu würden sie das Gewicht eines Mannes oder einer Frau überhaupt nicht spüren. Es wunderte mich nicht, daß viele das räuberische Ul als den König des Deltas betrachteten.

Die Bestie näherte sich wieder der jungen Frau.

Sie warf den Kopf zurück, schrie und kämpfte vergeblich gegen die Fesseln an. Man hatte sie den Tharlarions überlassen wollen. Warum sollte ich mich also einmischen?

Sie fing an zu schluchzen.

Das Ul hockte nun vor ihr.

Sie kämpfte. Ja, sie war hübsch. Unglücklicherweise war sie eine freie Frau. Aber eine solche Unsinnigkeit, ein solcher Fehler des Gesetzes und der Gesellschaft war nicht unabänderlich.

Das Ul klappte den Rachen auf.

Ich bezweifelte keinen Augenblick lang, daß es das Mädchen von dem Pfahl pflücken, oder, wegen der Lederriemen, das Mädchen mitsamt dem Pfahl aus dem Sand ziehen konnte.

Ich fragte mich erneut, aus welchem Grund ich mich hier einmischen sollte.

Sie warf verzweifelt schluchzend den Kopf zur Seite.

Das Ul schob den biegsamen Hals nach vorn, um sie von dem Pfahl zu befreien.

»Ho!« brüllte ich. »Ho!«

Die Flugechse drehte den Kopf, blickte in meine Richtung. Die Frau gab einen verblüfften, hilflosen, völlig hysterischen Laut von sich.

Ich hob einen großen Stein auf, warf ihn nach dem großen Körper und traf die linke Flügelhaut zwischen Bein und Arm.

Die Frau verrenkte sich mühsam, um mich besser sehen zu können. »Rette mich! Rette mich!« flehte sie.

Unglücklicherweise schien das Ul nicht besonders von dem Stein beeindruckt zu sein. Dabei hätte er einem Mann den Schädel einschlagen können.

Ich hob noch einen auf und warf. Diesmal traf ich die Brust.

»Verschwinde!« brüllte ich. »Verschwinde!« Erst später fiel mir ein, daß das Ul bestimmt kein Goreanisch verstand. Andererseits, was hätte ich sagen sollen? Vielleicht ›Komm her, alter Freund, laß uns eine Tasse Tee trinken‹? Bestimmt nicht.

Das Ul tat einen Schritt in meine Richtung. Unglücklicherweise hatte es vor Menschen keine Angst. Ich hatte gehofft, es würde sich von meinen Rufen verscheuchen lassen, und wenn schon nicht davon, so zumindest doch von den Steinen. Das war aber nicht der Fall. Ich zog mich einen Schritt ins Schilf zurück. Die Flugechse machte einen Schritt vorwärts. Ich zog das Schwert.

Falls sie mich mit dem von diesen riesigen Schwingen erzeugten Wind umwerfen wollte, hatte ich mitten im Rence eine bessere Position. Dort konnte ich mich auf dem Rücken liegend mit der Klinge verteidigen. Aus dem, was ich bis jetzt beobachtet hatte, schloß ich, daß sie vermutlich versuchen würde, mich mit dem langen Rachen zu packen. Und dagegen würde ich mich zur Wehr setzen können. Meine Kenntnisse über Uls hielten sich in Grenzen, aber ich ging davon aus, daß sie sich nicht mit Menschen und Stahl auskannten.

Aber das Ul schlug nicht mit den Schwingen. Statt dessen verfolgte es mich und stieß plötzlich mit schräg gelegtem Kopf mit dem Schnabel zu. Ich schlug mit dem Schwert zu, Knochensplitter und Zähne sausten durch die Luft. Der Kopf des Uls zuckte zurück. Ich glaube nicht, daß es große Schmerzen verspürte. Plötzlich schlug es mit den Flügeln und stieg einen Meter in die Luft. Es schwebte auf der Stelle, griff mit den Krallenfüßen nach mir. Ich duckte mich, halb geblendet von dem durch die Luft wirbelnden Sand und Rence, schlug nach den Klauen. Die Klinge traf etwas, sie war blutbeschmiert. Das Ul stieg höher in die Luft, außer Reichweite, schwebte ein Stück zurück und landete auf dem Sand. Der Boden in Nähe des linken Fußes war blutig. Die Flugechse hob den Fuß und leckte ihn mit der langen Zunge ab. Dann betrachtete sie mich wieder. Sie schlug mit den Schwingen. Der Windstoß zerrte an der Uniformtunika von Ar. Anscheinend war sie wütend. Vielleicht würde sie jetzt verschwinden. Doch sie machte keinerlei entsprechende Anstalten. Aber hatte ich sie nicht besiegt? Hatte ich sie denn nicht wenigstens entmutigt? Hätte sie nicht den Anstand besitzen können, aufzusteigen und ihren Hunger an einem anderen Ort zu stillen, wo doch das Delta mit einem so reichhaltigen Angebot an Nahrung aufwartete?

Aber die Aufmerksamkeit des Uls war offenbar auch weiterhin auf mich gerichtet. Man hätte es für ein Sleen halten können, ein Raubtier, das für seine Hartnäckigkeit berüchtigt ist. Nun gut, dachte ich, dann soll es den gefährlichsten Verbündeten des Menschen kennenlernen, das geheimnisvolle Feuer.

Ich wollte trockene Rencehalme sammeln und sie mit dem Feuermacher, einem einfachen Werkzeug, das im wesentlichen aus einem Rad und einem Feuerstein bestand und das ich in meiner Gürteltasche trug, entzünden. Doch das Ul kam schnell mit weit aufgerissenem Rachen näher. Ich zog mich in das Schilf zurück. Aber es verfolgte mich, stieg auf und verursachte mit den Schwingen einen derartigen Sturm, daß das Schilfgras niedergedrückt wurde. Ich schlug nach ihm, ohne jedoch etwas Entscheidendes zu bewirken. Einmal stürzte ich, konnte aber hinter einem Baumstamm Zuflucht finden, der vom Vosk angespült worden war.

Überall klebte das Blut des Urs an mir. Zweimal brachte ich einen Treffer an seinem Rachen an. Dann flog es höher und kreiste; ob der Schmerz es zu einem zwischenzeitlichen Rückzug veranlaßt oder ob es den Kontakt zu mir verloren hatte, kann ich nicht sagen. Ich fürchtete, daß es zurück zu dem Mädchen flog.

Also schob ich das Schwert in die Scheide, brüllte, so laut ich konnte, und fuchtelte wild mit den Armen. Zwischendurch sammelte ich eifrig Rencehalme.

Das Ul beschrieb am Himmel eine Kurve.

Ich ließ Funken auf die trockenen Halme hinabregnen.

Dann schoß die Flugechse auf mich zu, die Klauen ausgestreckt. Ich wich ihr aus. Sie zog nach oben. Das Rence brannte. Ich watete los und zündete die trockenen Schilfspitzen an. Für einen kurzen Augenblick, der nicht lange währen würde, brannte das Rencegras. Rauch stieg in die Höhe. Das Ul flog genau in diesen brennenden Willkommensgruß, kreischte schmerzerfüllt auf, stieg wieder in die Höhe und verschwand irgendwo über dem Sumpf. Ich warf die provisorische Fackel fort. Sie war beinahe bis auf meine Hand niedergebrannt. Einen Augenblick lang zischte sie im Wasser, trieb brennend neben mir her und erlosch dann. Ich stand zwischen qualmenden, geschwärzten Rencehalmen. Von dem Ul war nichts mehr zu sehen. Ich watete zurück an Land. Dabei zitterte ich am ganzen Leib. Ich wollte nie wieder etwas mit einem Ul zu tun haben.