»Ist es weg?« fragte die Frau mit bebender Stimme.
»Ich glaube schon.«
Hätte ich einen Speer gehabt, wäre der Flugechse leichter beizukommen gewesen. Sie hatte keine Angst vor Menschen gehabt und war ungeschützt und zielstrebig auf mich zugekommen. Aber ich hatte keinen Speer. Vielleicht hätte ich auf der von Ar in Beschlag genommenen Sandbank danach suchen sollen, bevor ich die Flucht ergriff. Andererseits hatte ich es aber ziemlich eilig gehabt.
»Befreie mich!« befahl sie jetzt schroff.
»Bist du nicht dankbar für deine Rettung?« fragte ich.
»Es ist die Pflicht der Männer, Frauen zu beschützen!«
»Ach so.«
»Du sollst mich befreien!«
»Aber man hat dich den Tharlarion zum Fraß vorwerfen wollen«, meinte ich.
Sie kämpfte kurz gegen die Fesseln an. »Aber du wirst mich doch sicher befreien.«
Ich schwieg.
»Bitte.«
Ich betrachtete sie. »Du bist hübsch«, sagte ich dann.
Ihre kleinen Füße standen auf dem unteren, abgerundeten Querbalken. Sie hatte hübsche Knöchel. Im Augenblick steckten sie in den Riemen, die sie an den Querbalken und den Pfahl fesselten. Ihre Waden und Oberschenkel waren einfach großartig, während zwischen den ausladenden, wohlgerundeten Hüften süße Geheimnisse auf ihre Erforschungen warteten. Drei Riemen waren um die schmale Taille geschlungen und überkreuzten sich. Sie hatten tiefe Abdrücke in ihrem Bauch hinterlassen, da sie sich von Zeit zu Zeit bewegt hatte. Im Augenblick schnitten sie so tief ein, daß das Fleisch darüberquoll. Von der schmalen Taille, die von den Riemen noch enger zusammengeschnürt wurde, ging es weiter aufwärts zu den unbeschreiblichen Reizen des Oberkörpers mit der weichen und so verletzlichen Brust, den sanft gerundeten Schultern und dem makellosen Hals. Ich betrachtete ihre kurzen, fraulichen Unter- und Oberarme. Ich betrachtete ihr Gesicht, ihr Haar.
»Wirklich hübsch«, sagte ich.
Sie errötete von den Haarwurzeln bis zu den Zehen.
»Bitte, sieh mich nicht so an!« sagte sie.
Ich musterte sie weiter und verspürte dabei großes Vergnügen.
»Bitte!« sagte sie.
Sie war wirklich hübsch. Sie war sogar hübsch genug, um eine Sklavin zu sein.
Ich betrachtete sie weiter.
»Ich appelliere an deine Ehre als Soldat von Ar.«
Richtig, ich trug ja eine Ar-Tunika.
»Kommst du aus Ar?« fragte ich.
»Ja. Ich bin Lady Ina aus Ar.«
»Ich komme aber nicht aus Ar«, sagte ich. Anscheinend erkannte sie mich in der Tunika nicht wieder. Sie hatte mich ja auch nur kurz gesehen, und das bei schlechtem Licht und vor vielen Tagen. Zweifellos hatte sie nicht damit gerechnet, mir jemals wieder zu begegnen. Vielleicht hatte sie unterbewußt auch Angst, mich zu erkennen.
»Dann bist du also ein Rencebauer, der eine Tunika von Ar trägt?«
»Vielleicht.«
»Ich bin gar keine Lady aus Ar«, berichtigte sie sich schnell.
»Was denn dann?«
»Ein einfaches Rencemädchen.«
»Ich glaube, du bist eine Sklavin.«
»Nein!« erwiderte sie empört. »Du siehst doch, daß ich kein Brandzeichen trage.«
Ich nickte. Natürlich trug sie kein Brandzeichen. »Du bist also ein einfaches Rencemädchen.«
»Ja.«
»Wo ist dein Dorf?« fragte ich.
Sie bewegte den hübschen Kopf. »Irgendwo dort hinten«, sagte sie ausweichend.
»Dann bringe ich dich zurück.«
»Nein!« rief sie. »Ich habe das Dorf verlassen.«
»Warum denn?«
»Ich sollte verheiratet werden, mit einem ungeliebten Mann.«
»Und wieso bist du hier angebunden?«
»Wegelagerer haben mich ausgeraubt und hier zurückgelassen.«
»Warum haben sie dich nicht an der Deltagrenze verkauft?«
»Sie haben sofort erkannt, daß ich mich nicht als Sklavin eigne«, antwortete sie hochmütig.
»Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Du würdest sogar eine hübsche Sklavin abgeben.«
»Niemals!« rief sie. »Ich bin eine freie Frau!«
»Das waren die meisten Sklavinnen auch einmal.«
Sie riß an den Fesseln.
»Ich werde dich in dein Dorf zurückbringen«, wiederholte ich. »Vielleicht zahlt man mir ja eine Belohnung dafür.«
»Ich will aber nicht zurück.«
»Das spielt keine Rolle«, meinte ich. »Wo genau ist das Dorf?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wir können uns ja in ein paar der umliegenden Dörfern erkundigen.«
»Nein!« Sie schwieg. »Es waren gar keine Wegelagerer, die mich hier ausgesetzt haben.«
»Das dachte ich mir schon. Sie hätten dich verkauft. Da habe ich dich also bei einer Lüge ertappt.«
Sie drückte sich an den Pfahl. »Ich bin auch kein Rencemädchen«, gestand sie dann.
»Das überrascht mich nicht.«
»Und du bist auch kein Rencebauer!«
»Das ist wahr.«
»Aber du hast auch behauptet, du kämst nicht aus Ar.«
»Das ist ebenfalls wahr.«
»Dann befreie mich!« verlangte sie begierig. »Wir sind Verbündete.«
Ich sah sie abwartend an.
»Ich bin eine Spionin. Ich arbeite für Cos.«
»Und wieso bist du dann hier an diesem Pfahl?«
»Sie haben ein Rencedorf niedergebrannt«, erzählte sie. »Später wurde das Heer auf der rechten Flanke von den Bauern angegriffen. Sie überfielen auch meine Barke. Meine Wächter ließen mich im Stich, flüchteten in den Sumpf. Man ergriff mich und legte mich nackt in Ketten, obwohl ich eine freie Frau bin! Die Barke wurde angezündet. Dann brachten sie mich in ein Rencedorf. Dort wurde ich in einer muffigen kleinen Hütte tagelang gefangengehalten. Überall waren diese schrecklichen Fliegen. Gestern morgen brachten sie mich dann an diese Stelle.«
Ich zweifelte keinen Augenblick lang an dieser Geschichte. Die Stange, die ich im Sumpf gefunden hatte und mit der ich mein Floß anstieß, war vergoldet, auch wenn der größte Teil der Lackierung weggebrannt war.
»Warum haben sie mich nur hierhergebracht?« fragte sie. »Wissen sie denn nicht, wie gefährlich die Tharlarion sind?«
»Na, eben wegen der Tharlarion«, sagte ich kopfschüttelnd. »Das muß dir doch klar gewesen sein.«
»Aber warum?«
»Ein Dorf wurde niedergebrannt.«
»Ich habe ihnen aber doch erzählt, daß meine Loyalität Cos gehört.«
»Du hast ihnen vermutlich viel erzählt.«
»Natürlich.«
»Mit einem Akzent, der klar auf Ar hinweist?«
Sie nickte, ohne zu begreifen.
»Und du hast ihnen gedroht.«
»Natürlich.«
»Und ihnen viele Lügen aufgetischt.«
»Auch das, aber wie sich herausstellte, spielte das alles keine Rolle, denn die Rencebauern können kein Goreanisch.«
»Wieso denn das?«
»Sie haben nicht ein Wort zu mir gesagt.«
»Sie sprechen perfekt Goreanisch«, antwortete ich.
Sie erbleichte.
»Immerhin haben sie deinen Status als freie Frau geachtet und dich hier den Tharlarion überlassen.«
»Aber warum haben sie mich nicht…« Sie verstummte.
»Als Sklavin behalten?« half ich ihr auf die Sprünge.
»Ja!«
»Die Bauern werden ihre Gründe gehabt haben. Die Einäscherung ihres Dorfes, der Wunsch nach Rache, ihr Haß auf Ar.«
»Aber ich bin doch eine Frau!« protestierte sie.
»Schon möglich«, erwiderte ich. »Zumindest hast du den Körper einer Frau.«
»Ich bin eine Frau. Eine richtige Frau, in jeder Beziehung!«
»Wie kann das sein, da du doch keine Sklavin bist?«
Wieder zerrte sie wütend an den Lederriemen.