Der Flug war ziellos; die Flugechse stieg in die Höhe, wirbelte umher, Wind wehte durch den verletzten Flügel, der zusätzlich mit meinem Gewicht belastet war. Ich wurde hin- und hergeschleudert. Unter mir zog der Sumpf auf schwindelerregende Weise vorbei. Das Krächzen der Bestie hatte sich zu einem wilden, ohrenbetäubenden Kreischen gesteigert. Die Beute des Uls, deren weiße Glieder in seinen Klauen hingen und deren blondes Haar im Wind flatterte, gab schluchzende, verzweifelte Geräusche von sich. Ich glaube, sie bekam wegen des ständigen Auf und Ab kaum noch Luft.
Mein Arm rutschte durch den Riß in der Haut. Ich befürchtete, den Halt zu verlieren und in den Sumpf zu stürzen, der mal dreißig Meter und dann wieder nur fünf Meter unter uns lag. Das Ul wollte mich beißen, mich von seiner Schwinge ziehen, und ich trat nach dem langen Rachen. Dabei geriet meine Hand einmal in den Unterkiefer, und es gelang mir im buchstäblich letzten Augenblick, sie zurückzuziehen, bevor die Kiefer wie eine geöffnete Truhe zusammenschnappten. Dann beschrieb das Ul erneut eine unerwartete Kurve, und die Welt drehte sich.
Als wir wieder eine einigermaßen stabile Lage erreicht hatten, gelang es mir, das Schwert in die linke Hand zu verlagern. Dann stieß ich die Klinge in den Echsenleib, immer wieder. Wegen meiner ungünstigen Position fielen die Stöße eher kraftlos aus, aber ich hörte nicht auf, und das fließende Blut zeigte meinen Erfolg. Dann öffnete sich der Rachen wieder, vielleicht die ganzen anderthalb Meter, und schnappte nach mir.
Ich versuchte zurückzuschwingen, hatte aber keinen Platz zum Ausweichen. Also stieß ich die Klinge waagerecht zwischen die Kiefer. Sie klappten zu, und die Schwertspitze durchstieß den Oberkiefer, während sich der Knauf im Unterkiefer verkantete. Die Zunge züngelte am Stahl vorbei und schnitt sich dabei, bis sie blutend meine Hand traf. Fauchend raste das Ungeheuer durch die Luft und bemühte sich, den Rachen zu schließen. Das trieb die Klinge nur noch weiter durch die lange Schnauze. Meine Hand kam dabei den gnadenlosen Reißzähnen des Oberkiefers zusehends näher, bis die Parierstange sie aufhielten. Die Echsenzunge stieß gegen meine Hand und den Griff.
Plötzlich wirbelte das Ul mitten in der Luft herum, gewann an Höhe und versuchte, den Rachen wieder zu öffnen. Sein linkes Auge starrte mich unheilvoll an. Seine linke Seite blutete an vielen Stellen. Es stürzte in die Tiefe und drehte sich in der Luft, aber irgendwie gelang es ihm, wieder eine stabile Fluglage einzunehmen. Links unter mir befand sich eine helle Fläche, die ich für die Insel aus Sand hielt. Wir waren vielleicht fünfzehn Meter vom Schilf entfernt.
Das Ul bog ruckartig den Kopf zurück, der Kraft seines Körpers hatte ich nichts entgegenzusetzen, und das Schwert, das noch immer in seinem Rachen steckte, wurde mir aus der Hand gerissen. Ich hörte Ina aufschreien. Plötzlich losgelassen, stürzte sie dem Sumpf entgegen. Von dem Gewicht befreit, versuchte die Flugechse an Höhe zu gewinnen, schaffte aber nur wenige Meter. Die riesigen Schwingen schlugen nicht mehr so rasend wie zuvor.
Es versuchte, mich mit den Klauen zu erwischen. Mit dem linken Fuß war das unmöglich, also griff es mit dem anderen Fuß quer über den Körper hinweg. Ich wollte ausweichen, aber die Krallen fuhren über mein Bein.
Die Flugechse schlug eine andere Taktik ein. Sie griff jetzt mit der Klaue nach mir, der Flügelklaue, die sich in der Mitte der Schwinge befindet. Die Klauen sind größtenteils verkümmert, da der Arm so verändert ist, daß er die Hautschwinge hält. Allerdings ermöglichen sie es der Flugechse im Zusammenspiel mit den Klauenfüßen, sich wie eine Fledermaus an Felsklippen oder Bäumen festzuklammern. Sie dienen auch bei Revierkämpfen als Waffe.
Ich stieß die Krallen beiseite. Bei dem Versuch, mich damit zu erreichen, verlor das Ul natürlich seine stabile Fluglage und stürzte dem Boden entgegen. Es erkannte seinen Fehler, ging in den Gleitflug über und bemühte sich, mich nun durch Flügelschlagen abzuschütteln. Doch bei diesem Versuch verlor es erneut das Gleichgewicht und trudelte wieder dem Sumpf entgegen. Es spreizte die Schwingen weit und gewann flatternd erneut an Höhe, um gleich darauf wieder abzusacken. Plötzlich kam es mit der Wasseroberfläche in Berührung, und ich befreite mich von der zerfetzten Hautschwinge und wich sofort zurück.
Die Flugechse griff mit den Flügelkrallen nach mir. Ich sprang noch ein Stück zurück. Sie kippte um und lag mit einem zerrissenen und verstümmelten Flügel zur Hälfte im Wasser. Ihr Kopf wandte sich mir zu. Ich wartete ab. Der Körper sank tiefer. Vorsichtig kam ich näher und befreite mein Schwert aus dem Rachen. Ich stieß dem Ul die Klinge tief in die linke Seite, und es war tot.
Nicht das Ul ist der König des Deltas, dachte ich. Der Mensch, der winzige, kleine Mensch mit seinen Waffen ist der König des Deltas. Es war viel Blut im Wasser, ich watete zu der Insel zurück. Zwei kurzbeinige Tharlarion schwammen wie Schiffe an mir vorbei auf das tote Ul zu.
Ich betrat den Sand. Das Schwert hielt ich noch immer in der Hand.
»Warte«, ertönte da eine leise, zittrige Stimme. Ich drehte mich nicht um. Ich hatte sie für tot gehalten.
»Bitte, warte«, rief Lady Ina.
Ich drehte mich um.
Sie stand einige Meter hinter mir, kam ein paar Schritte näher, blieb dann zitternd und ängstlich stehen. Sie war von oben bis unten verdreckt, voller Sumpfschlamm.
»Ich glaubte, du wärst tot«, sagte sie.
»Und ich glaubte, du wärst tot.«
»Ich fiel ins Wasser.«
»Offensichtlich in einen Kanal.«
»Um ein Haar wäre ich im Schlamm erstickt.«
»Du siehst widerlich aus«, stellte ich fest.
»Ist es tot?« fragte sie furchtsam.
Ich nickte.
»Du bist verwundet«, sagte sie dann. Mein Bein war blutig.
»Es ist nichts.«
»Vielleicht sind ja noch andere in der Nähe.«
»Das ist unwahrscheinlich«, erwiderte ich. Im Gegensatz zu den kleineren Uls, von denen einige Arten nicht viel größer als Jards sind, neigen die größeren dazu, ihr Territorium eifersüchtig zu hüten.
»Aber im Sumpf lauern noch viele andere Gefahren.«
»Das ist schon möglich.«
Plötzlich eilte sie auf mich zu und fiel vor mir auf die Knie. Sie schluchzte unbeherrscht. Am ganzen Leib bebend legte sie den Kopf auf den Sand. Ihre Hände lagen ebenfalls flach auf dem Sand, der zwischen ihren Fingern hervorquoll. Diese Haltung behielt sie für mehrere Ihn bei. Dann blickte sie auf allen vieren flehend zu mir hoch. »Bitte«, sagte sie. »Bitte!«
Ina hatte vor mir die Position der Unterwerfung angenommen.
»Bitte!« schluchzte sie.
Ich betrachtete sie reglos.
Sie kroch auf mich zu, umschlang meine Knie mit beiden Armen und sah mit Tränen in den Augen zu mir hoch. Ich konnte das Beben ihres Körpers spüren. Dann legte sie die Wange an mein blutiges Bein. »Bitte«, flüsterte sie mitleiderregend.
»Zurück«, befahl ich. »Bleib auf den Knien.«
Auf den Knien rutschte sie einen Meter zurück.
Ich hob das Schwert ein Stück. »Heb das Kinn.«
Sie gehorchte.
»Du bist schmutzig.«
»Laß mich mit dir kommen.«
»In deinem derzeitigen Zustand kann man dich nur schwer einschätzen.«
Sie sah mich bestürzt an.
»Geh und mach dich zurecht.« Bestimmt würde sie sich daran erinnern, daß die Soldaten vor unserem kleinen Gespräch mein Äußeres hergerichtet hatten.
Aufschluchzend sprang sie auf, eilte über den Sand und lief ins Wasser. Sie wusch sich Arme und Beine, den ganzen Körper. Tropfen spritzten durch die Luft. Ich sah ihr zu. Es war ganz nett. Eine Sklavin hätte es natürlich viel geschickter angestellt, und zwar auf eine Weise, die ihren zusehenden Herrn verrückt vor Leidenschaft gemacht hätte. Lady Ina hingegen war nur eine freie Frau. Aufgeregt blickte sie gelegentlich zurück, aber das geschah meiner Meinung nach weniger, um mein Interesse und meine Reaktion zu beobachten, als vielmehr um sich zu vergewissern, daß ich sie nicht verlassen hatte. Dann kniete sie sich ins Wasser und wusch sich die Haare. Das geschah mit einem Hauch von Sinnlichkeit, vielleicht weil sie angemessen zuversichtlich war, daß ich nicht im Schilf verschwand. Diese Sinnlichkeit wurde ausgeprägter, als sie sich das Haar mit den Fingern auskämmte und es danach trocknete, indem sie es leicht hin- und herwirbelte und zwischen den Fingern rieb. Schließlich warf sie es zurück über die Schultern, erhob sich und ging langsam auf mich zu.