»Ich verstehe.«
Ina lachte.
Anscheinend begriff sie nicht, daß ihre Auftraggeber sie in der Zwischenzeit als Gefahr für ihre Gruppe halten könnten.
»Vielleicht sollte ich dich auch irgendwelchen Männern aus Brundisium übergeben.«
»Aber für die wäre ich doch nur eine Frau aus Ar.«
»Genau.«
»Und wie würde mein Schicksal dann aussehen?«
»Du hast einen hübschen, gut entwickelten Körper«, meinte ich. »Du könntest Tänzerin werden, in einer Taverne in Brundisium.«
»Ich kann nicht tanzen.«
»Das würde man dir schon beibringen, verlaß dich drauf«, sagte ich.
Wasser spritzte auf, als sie vergeblich gegen ihre Fesseln ankämpfte. Dann folgte sie dem Floß wieder.
»Warum stört dich das?« fragte ich. »Du weiß doch, daß du im Grunde deines Herzens gern dürftig bekleidet oder nackt vor Männern tanzen würdest.«
Die Antwort bestand aus einem wütenden Schnauben. Aber sie stritt es nicht ab.
Im Licht der Monde steuerte ich das Floß weiter nach Süden. Ich hatte diesen Entschluß gefaßt, nachdem ich auf meine schöne Gefangene gestoßen war. In gewisser Weise hatte sie mich an den Krieg und das erinnert, was hier auf dem Spiel stand. Im Süden befanden sich auch die Dinge, die mich noch viel mehr angingen, und ich hatte mich entschlossen, sie nicht länger zu mißachten. Im Süden war Dietrich von Tarnburg in Torcodino eingeschlossen. Und in Ar hatte man mich verraten. Davon abgesehen erinnerte mich Ina an eine ganz bestimmte Frau, deren Name Talena war und die einst die Tochter des Marlenus aus Ar gewesen war.
Ich stemmte mich gegen die Stange.
Es lag noch ein weiter Weg vor uns.
13
»Hör auf zu singen«, sagte ich.
»Tut mir leid«, sagte Ina glücklich. Es war nicht das erste Mal, daß ich sie wegen solcher Dinge verwarnen mußte.
Ina saß am Heck des Floßes. Ihre Beine waren schlammverschmiert. Wir hatten kurz ins Wasser springen müssen, um unser Gefährt durch ein dichtes Rencefeld zu schieben. Auch wenn sie nicht besonders kräftig war, half sie mir sofort und bereitwillig. Es war schon ein seltsamer Anblick, sie, eine Lady aus Ar, dabei zu beobachten, wie sie eifrig in den Sumpf sprang und ihre geringen Kräfte gegen die sperrigen Baumstämme einsetzte, um auf diese Weise zu unserem Fortkommen beizutragen. Meistens fuhr sie jetzt hinten auf dem Floß. Da ihr Gewicht im Vergleich zu dem Floß unbedeutend war, beeinträchtigte dies unsere Reise nicht im mindesten. Ihre Hände waren nicht mehr gefesselt, aber die Leine um ihren Hals war am Floß festgebunden. Natürlich war ihr verboten, sie ohne Erlaubnis zu lösen.
Dies war der zwanzigste Tag unserer Reise. Die Jagd hatte unseren Proviant immer wieder ergänzt. Ina hatte sich in dieser Zeit sehr verändert. Sie war sehr reinlich geworden, tat was sie konnte, damit ihr Haar gewaschen und gekämmt blieb, was im Sumpf bestimmt nicht einfach war. Sie hatte ihre wahre Identität als Frau entdeckt.
Sie blickte auf. »Weißt du, ich bin völlig deiner Gnade ausgeliefert«, sagte sie unvermittelt.
Ich nickte.
»Und du wirst mit mir machen, was du willst, nicht wahr?«
»Natürlich«, erwiderte ich.
»Gut.«
»Was?«
»Nichts«, sagte sie.
Ich steuerte das Floß nach rechts. In einer Entfernung von etwa einhundert Metern befand sich eine kleine Insel, die sich gut als Lager eignen würde.
»Du könntest mich unter Umständen sogar verkaufen, nicht wahr?« fragte sie.
»Ja.«
»Willst du mich denn verkaufen?«
»Vielleicht.«
Ina sah zu mir hoch.
»Der Gedanke beschäftigt dich, stimmt’s?« fragte ich.
»Ja«, flüsterte sie.
»Und du bist neugierig, wie es wohl wäre, die sinnlichste, aufregendste und begehrenswerteste Frau von allen zu sein, eine Sklavin?«
»Eine freie Frau wagt es nicht einmal, an solche Dinge auch nur zu denken.«
»Denk ruhig darüber nach.«
»Ja, Herr«, antwortete sie etwas ängstlich. Dann kam sie heran und küßte mich.
Ich steuerte das Floß auf die Sandbank. Ich wollte Ina gerade von dem Kragen um ihren Hals befreien, als aus der Ferne ein kläglicher Schrei ertönte.
»Das ist ein Tier«, sagte Ina ängstlich.
Ich runzelte die Stirn.
»Ein Tier, das in Treibsand geraten ist.«
Der Schrei wiederholte sich. Es war wirklich nicht zu bestreiten, daß ein seltsamer, unmenschlicher Unterton in ihm lag.
»Ja, genau das ist es«, sagte sie.
»Nein«, erwiderte ich. »Das ist ein Mensch.«
Ich watete in den Sumpf und schob das Floß höher auf die Sandbank.
Der nächste Schrei ertönte.
Ich zog einen Lederriemen hervor und band Ina die Hände auf den Rücken.
»Warum tust du das?« fragte sie.
Sie hatte noch immer etwas von einer freien Frau in sich, wie ich erkannte.
»Du wirst hier sein, wenn ich zurückkehre.«
»Ich laufe nicht weg.«
»Das glaube ich auch nicht.« Ich zog den Knoten zu.
Wieder hallte ein Schrei über den Sumpf.
»Sieh nicht nach«, bat sie. »Es könnte gefährlich sein.«
Ich packte sie an den Schultern und stieß sie herum. Sie sah mich furchtsam an. »Was ist denn?«
»Auf den Bauch!« stieß ich hervor.
Sie war klug genug, sofort zu gehorchen. Ich blickte auf sie hinunter. »Freie Frau!« sagte ich verächtlich.
»Ja, Herr!« schluchzte sie.
»Auf die Knie!«
Sie rappelte sich auf.
Ich brach auf, in die Richtung, aus der die Schreie gekommen waren. Einmal blickte ich zurück. Ina kniete im Sand. Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken. Von dem improvisierten Kragen führte eine Leine zum Floß.
Sie sah hübsch aus, wie sie da kniete.
Aber eines durfte man nicht vergessen: Sie war noch immer eine freie Frau.
Der Mann steckte schon bis zur Taille im Sand. Es ist keine Seltenheit, zufällig auf diese Art Sand zu stoßen. Ohne es zu ahnen steht man unvermittelt mitten drin. Statt das Gewicht der betreffenden Person zu tragen, gibt der Untergrund unvermutet mehrere Zentimeter nach und scheint plötzlich nach ihren Knöcheln zu greifen. Dann beginnt die Schwerkraft ihr langsames Werk.
Für gewöhnlich ist Treibsand nicht besonders gefährlich; normalerweise kann man sich umdrehen und zurückweichen, bis man festeren Boden oder den Rand des Tümpels erreicht. Manchmal ist er auch nicht tiefer als einen oder anderthalb Meter. An einigen Stellen ist er allerdings extrem gefährlich. Wenn man schon mehrere Schritte hineingelaufen ist, bevor es einem auffällt, kann man steckenbleiben, falls der Sand tiefer als das Opfer ist. Lebensgefährlich sind Stellen, die von der Natur selbst getarnt werden, wo der obenliegende Sand von einer Oberflächenspannung gehalten wird und scheinbar an normalen sandigen Boden angrenzt, oder die von Algen oder Sumpfgewächsen bedeckt werden. Diese Stellen unterscheiden sich in ihrer Dichte; in einigen sinkt man relativ schnell, in anderen, in denen der Sand größere Dichte aufweist, kann ein vergleichbares Absinken mehrere Ehn dauern, in manchen Fällen sogar eine halbe Ahn.
Es gibt verschiedene Methoden, um den Gefahren des Treibsandes aus dem Weg zu gehen. Man kann sich an bekannte, erkundete Pfade halten, indem man seinem Vorgänger folgt oder sich an die markierten Wege hält, falls es sie gibt. Man sollte nie allein in solche Gegenden gehen, man sollte zu den anderen einen bestimmten Abstand wahren, immer ein Seil dabeihaben und was es an dergleichen Vorsichtsmaßnahmen noch mehr gibt. Schnelle, aufgeregte Bewegungen lassen einen schneller versinken. In bestimmten Fällen ist es angebracht, die Ruhe zu bewahren und um Hilfe zu rufen. Wenn sich natürlich niemand in der Nähe aufhält und man ansonsten unweigerlich versinken wird, ist es sinnvoll, einen Befreiungsversuch zu unternehmen, indem man auf das feste Land zuwatet oder versucht, sich freizuschwimmen. Stecken die Beine schon im Sand fest, erschwert das die Befreiungsversuche ungemein.
Allem Anschein nach hatte er heftig gegen den Sand angekämpft, was darauf schließen ließ, daß er allein war. Aber jetzt hatte er aufgehört zu kämpfen und rief nur noch um Hilfe, in der Hoffnung, daß trotz allem jemand in der Nähe sein könnte. Ich hatte den Eindruck, daß er seine Bemühungen in der Überzeugung eingestellt hatte, daß sie sinnlos waren. Der Meinung war ich auch.