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Der Mann im Sand trug die Uniform von Ar.

»Hilfe!« rief er plötzlich, als er mich sah, und streckte die Hände nach mir aus. »Hilfe! Hilfe!«

Er war mit Schlamm und Sand bedeckt. »Freund«, rief er. »Kamerad! Hilf mir!«

Ich blieb am Rand des Treibsandes stehen. Er war etwa drei Meter von mir entfernt. Ich betrachtete ihn.

»Ich bin völlig hilflos! Ich stecke in der Falle! Ich kann mich nicht bewegen, ohne tiefer einzusinken.«

Er sprach die Wahrheit.

»Ich versinke!« rief er. »Hilf mir, oder ich sterbe.«

Ich sah keinen Grund, seiner Einschätzung der Situation zu widersprechen. Soweit ich es von meinem Standpunkt aus beurteilen konnte, traf sie zu.

»Kamerad, du kommst doch auch aus Ar!« rief er. »Hilf mir, ich bitte dich!«

»Ich bin kein Soldat von Ar.«

Er starrte mich an.

»Erkennst du mich nicht?«

Er stöhnte entsetzt auf.

In meinem Herzen fühlte ich nur Haß auf ihn. Wäre er in Reichweite meiner Klinge gewesen, hätte ich ihn durchbohrt und dann zu Tharlarionfutter gehackt.

»Hilf mir!« verlangte er.

Der Sand reichte ihm nun bis zur Brust.

Ich sah ihm zu.

»Hilf mir, Freund«, wiederholte Plenius und streckte mir die Hand entgegen.

»Ich bin nicht dein Freund«, sagte ich. »Und du bist kein ehrenwerter Mann.«

»Bitte!« rief er.

In seinen Augen flackerte ein gehetzter Blick. Seine Hand blieb auf mitleiderregende Weise hilflos nach mir ausgestreckt.

Ich drehte mich um und verließ den Treibsandtümpel.

»Sleen!« rief er mir schluchzend hinterher. »Verdammter Sleen!«

Ich schlug wütend den Weg zum Floß ein. Als Ina, die daneben auf der Sandbank kniete, meinen Gesichtsausdruck und den energischen Schritt sah, senkte sie schnell den Kopf. Voller Wut ergriff ich die Ruderstange und stapfte zu der Treibsandfalle zurück. Ich streckte sie dem Soldaten aus Ar entgegen. Plenius, meinem Bewacher. Der Sand reichte ihm bis zum Mund.

Er griff hektisch nach der Stange, konnte sie aber nicht erreichen. Dann gelang es ihm doch, zuerst nur mit einer Hand, dann mit beiden. Ich zog ihn auf festen Boden; er war dreckig, voller Wasser und Treibsand. Er zitterte am ganzen Leib.

Ich zog das Schwert. Er würde mich bestimmt angreifen.

Tatsächlich griff er nach dem Schwert, stieß die Klinge dann aber auf den Knien vor mir liegend in den Sand. Sein Dolch folgte.

»Ich bin dein Gefangener«, sagte er erschöpft.

»Nein«, erwiderte ich. »Du bist ein freier Mann.«

»Du, ein cosischer Spion, schenkst mir das Leben und die Freiheit?« Ich schwieg. »Ich habe mich dir gegenüber ehrlos verhalten, was die Sache mit dem Schlüssel betrifft, als du ihn rechtmäßig gewonnen hattest.«

»Das ist richtig.«

»Du beschämst mich.«

Ich schwieg.

»Wenn du willst, stoße ich mir den Dolch mit eigener Hand in die Brust.«

»Nein«, antwortete ich. »Geh einfach!«

Er griff nach dem Schwert. Ich stand fast über ihm, bereit, ihm den Kopf abzuschlagen.

»Hast du mein Leben nur gerettet, um es mir jetzt zu nehmen?« fragte Plenius.

»Wenn du mit mir kämpfen willst, dann stell dich mir mit dem Schwert in der Hand entgegen.«

Er schob die Klinge in die Scheide. »Du hast mir das Leben gerettet«, sagte er. »Ich will nicht gegen dich kämpfen, ganz egal, was du auch sein magst.«

Ich trat einen Schritt zurück, für den Fall, daß er mit dem Dolch auf mich losging. Plenius stand mühsam auf. Erst jetzt erkannte ich, daß ihm nicht nur der Sand zugesetzt hatte, sondern daß Wochen voller Angst und Hunger ihn schwach und krank gemacht hatten.

»Wie hast du es geschafft, im Delta zu überleben?« fragte Plenius.

»Das ist nicht schwer.«

Er starrte mich überrascht an.

»Hunderte können das«, erklärte ich. »Denk an die Rencebauern.«

»Bist du ihnen begegnet?«

»Nicht in letzter Zeit.«

»Hier gibt es keine Wege, keine Pfade.«

»Zumindest keine, die auf euren Karten verzeichnet wären.«

»Es ist ein Labyrinth«, sagte er müde.

»Da sind die Sonne und die Sterne, der Wind, die Strömungen«, erinnerte ich ihn.

»Wir werden von den Bauern gejagt.«

»Sei zu gefährlich, um gejagt zu werden«, riet ich ihm.

»Wir verhungern.«

»Dann wißt ihr nicht, wo etwas zu essen zu finden ist.«

»Da sind die Haie, die Tharlarion.«

»Das ist doch Nahrung.«

»Wir sind aber zivilisierte Männer«, sagte Plenius. »Wir können im Delta nicht überleben. Wir sind verloren.«

»Die größte Gefahr für euch dürfte wohl in dem Versuch liegen, das Delta zu verlassen.«

»Das Delta hat das mächtige Ar bezwungen.«

»Das Delta ist wie jede Frau zu zähmen«, erwiderte ich. »Ihr wußtet nur nicht, wie ihr ihm die Fesseln anlegen mußtet. Hätte man euch ausreichend informiert und vorbereitet, hättet ihr es bezwungen, es hätte euch wie jede Frau als Sklavin zu Füßen gelegen.«

»Man hat uns verraten.«

»Natürlich.«

»Ich danke dir für mein Leben, für meine Freiheit.«

»Ich nehme an, du bist nicht allein«, sagte ich.

»Es gibt eine Handvoll Überlebender«, erwiderte er. »Aber wir sterben.«

»Was ist mit Labienus?« wollte ich wissen.

»Er überlebt«, sagte Plenius. »Auf seine Weise.«

»Auf seine Weise?«

Plenius zuckte mit den Schultern.

»Du solltest gehen«, sagte ich. »Es soll so sein, als wären wir uns niemals begegnet.«

»Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, daß der Tag kommt, an dem ich mein Leben und meine Freiheit einem cosischen Spion schulde.«

»Ich bin kein cosischer Spion.«

Er sah mich unsicher an.

»Nein«, sagte ich. »Mein Fehler war wohl, daß ich versuchte, Ar zu dienen. Damals, als ich dem jungen Marcus, einem Offizier aus Ar-Station, der für Ar arbeitet, helfen wollte, wußte ich noch nicht, daß Ar seine Freunde mit Peitsche und Ketten belohnt.«

»Du bist kein Bürger von Cos und spionierst auch nicht für die Insel?«

»Nein«, sagte ich. »Das waren falsche Beschuldigungen, von jenen aufgebracht, die tatsächlich im Sold von Cos stehen.«

»Saphronicus?« fragte er.

»Ja.«

»Mittlerweile ist uns klar geworden, daß er uns verraten hat.«

»Es wäre besser gewesen, ihr hättet es früher begriffen.«

»Aber vielleicht wissen nur wir, die wir im Delta sind, was man uns angetan hat.«

»Das ist schon möglich.«

»Draußen hält man Saphronicus möglicherweise für einen Helden«, sagte er verbittert.

»Dem würde ich nicht widersprechen.«

»Und ich kenne noch einen anderen Verräter«, fügte er hinzu.

»Wen denn?«

»Diese Schlampe, die hochmütige Lady Ina aus Ar!«

»Vielleicht hast du recht«, sagte ich.

»Nein, bestimmt sogar«, meinte Plenius. »Sie gehörte zu Saphronicus’ Stab und wußte daher sicherlich von seinem Verrat.«

»Das ist wahrscheinlich.«

»Ich würde sie zu gern in die Finger bekommen.«

»Die Ruderstange, mit der ich dich gerettet habe, stammt von ihrer Barke«, sagte ich. »Wenn du genau hinsiehst, kannst du noch etwas von der Vergoldung erkennen.«

»Also haben sie die Barke überfallen.«

»Ja. Anscheinend haben die Rencebauern sie angegriffen und verbrannt. Hier sind noch Brandspuren.

Ich habe im Sumpf noch andere Wrackteile gefunden.«

»Und was ist mit Lady Ina?«

»Anscheinend haben die Rencebauern sie gefangengenommen.«

»Sie werden sie töten«, sagte Plenius.

»Vielleicht machen sie sie ja auch zur Sklavin.«

Er schüttelte energisch den Kopf. »Nein, sie ist nicht genug Frau, um zu verstehen, was es heißt, eine Sklavin zu sein, geschweige denn um eine zu werden.«

»Vielleicht hast du recht.«

»Wer weiß, vielleicht ist es ja besser so«, sagte Plenius. »Bekämen wir sie in die Hände, würde sie vor dem Kriegsgericht landen.«