»Und dann?«
»Ist das nicht offensichtlich? Sie würde gepfählt.«
Ich nickte.
»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte Plenius dann.
Darauf gab es nichts zu erwidern.
»Es tut mir leid, daß du die Soldaten Ars so sehr haßt.«
»Dafür habe ich ausgezeichnete Gründe.«
»Das ist allerdings wahr.«
»Was wolltest du eigentlich hier?«
Plenius verzog das Gesicht. »Ich war auf der Jagd.«
»Aber wohl nicht mit großem Erfolg.«
»Wir können im Delta nicht leben«, erklärte er. »Wir können ihm auch nicht entfliehen.«
»Ar hätte gut daran getan, sich vorher über solche Dinge Gedanken zu machen, bevor es ins Delta einfiel«, sagte ich.
Plenius nickte.
»Ihr seid für mich wie meine anderen Feinde«, sagte ich.
»Dann freue dich, denn wir werden hier alle zugrunde gehen.«
Darauf gab es keine Antwort.
»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte er erneut, und ich schwieg wieder. Er drehte sich um und ging, wobei er diesmal sorgfältig darauf achtete, wohin er den Fuß setzte. Ich blickte ihm nach, bis er in dem Renceschilf verschwunden war.
Und dann überkamen mich Haß und Wut auf die Soldaten von Ar, die mich so grausam behandelt hatten, wie eine Welle. Ich haßte sie, und tief in meinem Herzen verabscheute ich sie. Sollten sie doch im Sumpf zugrunde gehen oder den Söldnerklingen zum Opfer fallen, die an den Grenzen auf sie warteten. Es würde schon einem einzelnen Mann schwerfallen, hier mit heiler Haut herauszukommen, oder einem Mann und einer Frau. Wieviel schwieriger wäre es für eine Gruppe? Ich ging langsam zum Floß zurück.
Bei meinem Näherkommen kniete Ina schnell hin. Sie blickte mich mit einer gewissen Ehrfurcht an.
»Du hast nicht die Erlaubnis zu sprechen«, teilte ich ihr mit.
Gehorsam schwieg sie.
»Dreh dich um«, sagte ich zu ihr. »Leg den Kopf auf den Sand.«
Ich mußte nachdenken.
Sollten die Männer aus Ar doch sterben, dachte ich.
»Oh«, stieß sie plötzlich hervor.
»Sei still«, warnte ich sie.
Sie keuchte auf.
Sie hatten mich mißhandelt. Was spielte es also für eine Rolle, wenn sie bis auf den letzten Mann in der grünen Wildnis des Deltas starben?
»Laß den Kopf unten«, befahl ich Ina geistesabwesend. Was hatte ich mit ihnen zu schaffen?
»Oh, oh«, stieß Ina hervor. Ich duldete ihr leises Stöhnen. Ihre kleinen, auf dem Rücken zusammengebundenen Hände ballten sich zu Fäusten.
Es würde schon für einen Mann schwierig genug sein, dem Delta zu entkommen, oder einen Mann, der bereit war, die Belastung durch eine hilflose, schöne Gefangene in Kauf zu nehmen; wie sollte er sich da noch zusätzlich Sorgen um andere machen, möglicherweise einen ganzen Trupp.
»Oh!« keuchte Ina plötzlich laut auf.
Mit jeder zusätzlichen Person vergrößerte sich die Gefahr, von Rencebauern, einer Patrouille oder Tarnspähern entdeckt zu werden, um ein Vielfaches.
Ina schluchzte nur noch, bereitwillig, hilflos, dankbar.
Ich schrie auf.
Ina stieß ein ungläubiges, langgezogenes Keuchen aus.
Ich legte mich neben sie; sie blieb auf dem Bauch liegen. Sie war sehr hilfreich gewesen. Ich war zu einer Entscheidung gelangt.
»Du darfst sprechen«, ließ ich sie wissen.
Aber es hatte den Anschein, als würde sie es noch immer nicht wagen. Ich schob mich näher an sie heran und stützte mich auf den Ellbogen. Sie blickte mich schüchtern an.
»Es war kein Tier«, sagte ich. »Es war einer der Soldaten. Ich habe ihn gerettet.«
Sie schloß die Augen.
»Willst du wissen, was aus ihm geworden ist?«
»Ja«, flüsterte sie.
»Er ist zu seinen Kameraden zurückgekehrt«, sagte ich. »Anscheinend ist ihr Lager nicht weit von hier entfernt.«
In ihren Augen flackerte Entsetzen auf.
»Er weiß natürlich nicht, daß du bei mir bist.«
»Das ist gut.«
»Er sprach von einer Kriegsgerichtverhandlung, hier im Delta.«
Ina sah mich ängstlich an.
»Der natürlich der Pfahl folgt.«
Sie erschauderte.
»Allerdings glaubt er, die Rencebauern hätten dich erwischt.«
»Gut!«
»Interessanterweise hat er die Möglichkeit deiner Versklavung nicht einmal annähernd in Betracht gezogen. Er hält dich nicht für eine Frau, die auch nur im Ansatz die nötigen Voraussetzungen für eine Sklavin mitbringt.«
Sie warf mir einen ärgerlichen Blick zu.
Ich ließ die Hand über ihren Körper gleiten. Sie biß sich auf die Lippen, stöhnte auf und drängte sich mir sehnsuchtsvoll entgegen, schloß die Augen und gab sich ganz ihren Bedürfnissen hin. Sie war wunderschön, gefangen von ihrer Lust.
»Ich bin da anderer Meinung«, sagte ich. »Darum werde ich dich in eine Sklavinnentunika stecken.«
Sie schlug die Augen auf.
»Sie wird zwar nur das Nötigste bedecken, aber vermutlich wird es reichen.«
»Ich verstehe nicht.«
»Das wäre sonst, als brächte man ein Tablett mit dampfenden, gerösteten Delikatessen in einen Zwinger gezähmter, aber ausgehungerter Sleen bringen.«
»Was sagt Ihr da?«
»Man könnte es ihnen kaum verübeln, wenn sie sich mit hungriger Wildheit darauf stürzen würden und sie auf der Stelle verschlängen.«
»Ich verstehe Euch nicht.«
»Ich spreche von der Schwierigkeit, in Anwesenheit von Dingen, die unglaublich begehrenswert sind, die nötige Zurückhaltung zu üben«, sagte ich, »selbst wenn es sich um abgerichtete Tiere handelt, besonders unter bestimmten Umständen.«
Ina sah mich furchtsam an.
»Sicher, man könnte den Tieren die Delikatessen auch vor die Füße werfen, damit sie fressen. Früher oder später ist das zweifellos das beste.«
»Unglaublich begehrenswert?« stammelte sie.
»Du, liebe Ina, bist dazu geworden.«
»Nein!« protestierte sie. »Nein!«
»Du bist sehr schön«, sprach ich weiter. »Warte, bis du die Folgen davon erlebst.«
»Bitte, nein, Herr!« bettelte sie.
»Die Arer brauchen Hilfe«, sagte ich. »Ich bin nicht scharf darauf, wie du dir denken kannst, aber fest davon überzeugt, daß es mit ihnen ein böses Ende nimmt, wenn man sich ihrer nicht annimmt.«
»Das kann doch nicht Euer Ernst sein!«
»Das ist sogar mein voller Ernst«, erwiderte ich, »obwohl ich es nur ungern zugebe.«
»Und was ist mit mir?« fragte Ina.
»Du, meine Liebe, wirst ein stummes Rencemädchen sein.«
»Ein Rencemädchen!« wiederholte sie und bäumte sich auf.
»Ja«, sagte ich. »Es wird den Soldaten ganz selbstverständlich vorkommen, daß ich ein Rencemädchen erbeutet habe, besonders ein so hübsches wie dich. Das werden sie verstehen. Welcher Mann täte nicht das gleiche, falls sich die Gelegenheit böte? Außerdem hast du kein Brandzeichen, was die Geschichte nur unterstützt. Da du nicht gezeichnet bist, wäre es sehr unwahrscheinlich, daß es mir gelänge, dich als Sklavin auszugeben. Wer würde das schon glauben? Nach allem, was ich Plenius erzählt habe, dem Burschen, den ich aus dem Treibsand gerettet habe, werden sie dich kaum mit der Lady Ina aus Ar in Verbindung bringen. Alle werden glauben, daß sie den Rencebauern in die Hände gefallen ist und vermutlich von ihnen getötet oder versklavt wurde. Also dürftest du in keiner großen Gefahr schweben. Zumindest hoffe ich das. Vergiß nicht, sie haben das Gesicht der Lady Ina nie gesehen, da sie in ihrer Gegenwart immer verschleiert war. Außerdem hast du dich meiner Disziplin unterworfen, die ich auch weiterhin ausüben werde, und da halte ich es für unwahrscheinlich, daß du dich durch die Arroganz und das Gehabe der freien Frau verrätst. Es ist dir vielleicht nicht einmal bewußt, aber du verhältst und gibst dich mittlerweile anders als früher. Was du auch tust, du tust es anmutiger und schöner als zuvor. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es dir gelänge, wieder als freie Frau zu leben. Ich fürchte, das liegt, ob zum guten oder schlechten, nun hinter dir.«
»Es hat den Anschein, als hättet Ihr diese Probleme gründlich durchdacht«, sagte sie.