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»Übrigens werde ich dich auch weiterhin Ina nennen.«

»Ist das klug?«

»Ich glaube schon«, erwiderte ich. »Ich glaube, die Arer werden sich daran erinnern, daß mich Lady Ina nicht besonders nett behandelt hat, und es als gelungenen Scherz ansehen, daß ich ihren Namen einem kleinen Rencemädchen gegeben habe. Und falls sie doch mißtrauisch sein sollten, möchte ich, daß du sofort und ohne Zögern auf den Namen Ina ansprichst. Es würde sicher Mißtrauen erzeugen, wenn du angeblich eine Feize oder Yasmine wärst und dann auf den Namen Ina reagierst.«

»Ihr sprecht von mir, als wäre ich ein Sleen«, sagte sie, »der auf einen Namen hört.«

»Du bist eine Gefangene«, erinnerte ich sie.

»Das ist wahr.«

»Außerdem gefällt mir der Name Ina. Er paßt zu dir.«

»Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?«

Ich blickte sie an. Ich fragte mich, wie sie wohl in Ketten und mit einem Eisenkragen aussähe. »Ja.« Ob sie wohl wußte, daß ›Ina‹ ein gebräuchlicher Sklavenname war?

»Und ich bin angeblich stumm?« fragte sie.

»Das dürfte für uns beide von Vorteil sein«, sagte ich. »Als einfaches Rencemädchen kannst du schlecht mit dem Akzent einer gebildeten Dame aus Ar sprechen.«

»Das wohl nicht«, gab sie widerstrebend zu. »Aber ich könnte doch in den Sand schreiben.«

»Nein! Rencemädchen können nicht lesen und schreiben.«

»Und wie soll ich mich dann mitteilen?«

»Mit Stöhnlauten, durch Wimmern.«

»Dann werde ich also letztlich nichts anderes als ein Spielzeug sein!«

»Genau«, sagte ich. »Und was das Stöhnen und das Wimmern angeht: In Anbetracht dessen, was man mit dir anstellen wird, wirst du solche Laute vermutlich durchaus angemessen finden.«

»Ich verstehe.«

»Dann gehe ich davon aus, daß du deine Rolle spielen wirst. Dein Leben könnte davon abhängen.«

»Dann werdet Ihr den Arern tatsächlich helfen.«

»Ja.«

Ina schloß ergeben die Augen und gab sich wieder meinen Liebkosungen hin, zuerst verhalten, dann immer drängender, bis sie sich stöhnend und am ganzen Leib zitternd im Sand wand.

Sie war wirklich wunderschön.

14

»Es werden kleine Lager sein«, sagte ich. »Klein, in der Gegend verstreut, gut vor fremden Blicken verborgen, selbst aus der Luft. Sie werden hauptsächlich zum Schlafen dienen. Während des Tages sollen sie wie ausgestorben wirken. Die Augen eines Tarnsmann können selbst die winzigste Bewegung entdecken.«

Die Männer blickten einander an. Ihr Anführer Labienus, der den Rang eines Hauptmannes bekleidete und der der befehlshabende Offizier der Vorhut der Hauptstreitmacht gewesen war, die ins Delta eingedrungen war, saß auf einem Felsen. Ina kniete mit gesenktem Kopf im Hintergrund; die zusammengefesselten Hände waren mit einem Riemen mit den überkreuzten, gebundenen Knöcheln verbunden. Sie trug Sklavenstreifen, ein breites Tau, das um die Taille geschlungen war und zwei Stoffstreifen hielt. Das erleichterte es den Arern, sich in ihrer Gegenwart zu beherrschen. Es wäre nicht gut gewesen, wenn ein paar Augenblicke nach ihrem Betreten des Lagers einige der Männer schon um sie gekämpft hätten. Aber da hatte ich mich gewaltig geirrt. Die Soldaten, die wortkarg, hungrig, besiegt, erschöpft, enttäuscht, zermürbt und krank waren, schienen sie kaum wahrzunehmen. Das überraschte mich.

»Wir werden nachts reisen und uns davon ernähren, was der Sumpf uns zu bieten hat«, fuhr ich fort.

»Er hat nichts zu bieten«, sagte ein Soldat mutlos.

»Das ist deine Entscheidung«, erwiderte ich.

»Und wie sollen wir etwas sehen können?« fragte ein anderer. Er hatte blonde Haare; die Wunde an der Schläfe war verschorft.

»Es gibt das Sternenlicht und die Monde. Die Schwierigkeiten, die ihr haben werdet, wird jeder eurer Jäger auch haben, von denen die meisten sowieso schlafen werden, da sie nicht einmal wissen, daß ihr in der Nähe seid. Außerdem ist es bei einem möglichen Angriff leichter, in der Dunkelheit unterzutauchen.«

Plenius meldete sich zu Wort. »Und da ist der Treibsand.«

»So viele Stellen mit Treibsand gibt es nun auch wieder nicht; wenn ihr wollt, können wir uns anseilen und dicht genug hintereinandergehen, daß man die leisen Rufe des anderen hört.«

Ich schnitt in das kleine Tharlarion, das ich getötet und dessen lederartige Haut bereits abgezogen hatte. Ich hatte es über die Schulter gelegt mitgebracht, als ich mich am Lagerrand zu erkennen gegeben und nach Plenius verlangt hatte, um sicheres Geleit zu erhalten. Ich war davon ausgegangen, daß die Soldaten etwas Eßbares zu schätzen wußten, selbst wenn es sich um solches Essen handelte.

Ich nahm ein Stück rohes Fleisch und hielt es dem Mann hin, der seinen Unglauben darüber zum Ausdruck gebracht hatte, daß das Delta einen ernähren konnte.

Er schüttelte den Kopf.

»Du bist hungrig«, sagte ich.

»Das kann ich nicht essen.«

Ich steckte mir das Stück selbst in den Mund und schnitt einen weiteren Bissen ab.

»Das ist nicht mal gekocht«, sagte der blonde Soldat.

»Ihr werdet kein Feuer anzünden«, sage ich. »Eine Rauchwolke markiert ein Lager. Nachts kann die Flamme einer Tharlarionöl-Lampe noch Hunderte von Metern weit gesehen werden, das gilt sogar schon für einen Feuermacher. Ich versichere euch, daß einem Tarnspäher in der Luft so etwas keineswegs entgehen wird. Wer will diese Köstlichkeit haben?« Ich hielt das Tharlarionfleisch in die Runde.

»Ich nicht.«

»Allein schon der Anblick verursacht mir Übelkeit.«

Wären sie hungriger gewesen, wären sie vermutlich weniger wählerisch gewesen. Aber dann dachte ich daran, daß Männer schon auf tragische Weise verhungert waren, obwohl es um sie herum in Hülle und Fülle zu essen gegeben hatte, vielleicht aus Unwissen, vielleicht auch weil sie Angst gehabt und auf unerklärliche Weise gezögert hatten, die nötigen Schritte zum Überleben zu ergreifen.

»Kannst uns aus dem Delta bringen?« fragte Labienus. Er starrte auf den Sumpf hinaus.

»Ich glaube schon«, erwiderte ich.

»Wir sind fünfzehn Mann.«

»Aber ich glaube auch, daß es nicht einfach wird.«

»Und doch machst du uns Hoffnung.«

»Ja.«

»Es gibt keine Hoffnung mehr«, sagte der Soldat, der so völlig mutlos klang.

»Iß«, erwiderte ich und hielt ihm das rohe Tharlarionfleisch hin.

Er zuckte zurück.

»Wir sind dem Untergang geweiht«, sagte ein anderer Soldat.

»Genau«, stimmte ihm der Mutlose zu.

»Solche Ansichten zeugen nicht von dem Geist, der Ar zur Pracht und zum Schrecken ganz Gors gemacht hat«, meinte ich.

»Ar gibt es nicht länger.«

»Es ist im Delta zugrunde gegangen.«

»Ich bin wirklich überrascht, so etwas von Männern zu hören, die einst Ars Heimstein gehalten und geküßt haben müssen.« Das war eine Bürgerzeremonie, bei der man den Heimstein tatsächlich berührt, nachdem man der Stadt den Treueschwur geleistet hat. Im Leben der meisten Bürger ist es das einzige Mal, daß sie den Heimstein berühren dürfen. Wie in den meisten goreanischen Städten wird auch in Ar die Bürgerschaft mit einer solchen Zeremonie bestätigt. Die Weigerung, an dieser Zeremonie teilzuhaben, kann zur Vertreibung aus der Stadt führen. Dahinter steckt der Gedanke, daß die Gemeinschaft das Recht hat, von ihren Mitgliedern Treue zu erwarten.

Plenius hob den Kopf. »Ar ist nicht tot«, sagte er. »Es ist nicht im Delta zugrunde gegangen.«

»Nein«, erwiderte der Mutlose. »Nicht Ar ist tot. Wir sind es, die tot sind.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ihr seid nicht tot.«

»Ohne seine militärische Macht ist Ar nicht mehr dasselbe«, meldete sich der blonde Soldat wieder zu Wort.

»Ohne seine militärische Macht kann Ar nur wenig mehr als ein kulturelles Signalfeuer sein, eine Erinnerung an eine goldene Zeit, etwas, auf daß man zurückblicken kann, ein Ansporn für andere, eine Lektion.«

»Vielleicht kann es aus der Niederlage heraus seine Eroberer kulturell erobern«, meinte der Mutlose düster.