»So etwas ist in der Vergangenheit oft genug geschehen«, sagte der Blonde. »Auf diese Weise werden wir vielleicht doch noch den Sieg davontragen.«
Das war nicht unbedingt von der Hand zu weisen. Es ist schon oft vorgekommen, daß die Barbaren, die über eine schwächere Zivilisation herfielen, später selbst verweichlichten, um dann von neuen Barbaren mit neuen Peitschen und Ketten unterworfen zu werden. Um diesem Schicksal zu entgehen, legen manche Barbarenstämme großen Wert darauf, ihre Herkunft zu bewahren, ihre jungen Männer Härten zu unterziehen und an den Waffen auszubilden sowie sich von der unterworfenen Bevölkerung fernzuhalten, wie es sich für fremde Herrscher gehört.
»Bei allem nötigen Respekt«, sagte ich, »aber es gibt auf diesem Planeten noch ein paar andere Städte, und einige davon schätzen ihre Kultur wesentlich höher ein, als Ar es tut.«
Einige der Männer blickten mich skeptisch an.
»Ko-ro-ba, Telnus und Jad auf Cos, Turia im Süden«, zählte ich auf. Zugegeben, die Kultur der Stadtstaaten war sich sehr ähnlich. Um wirklich andere Kulturen zu finden, mußte man nach Torvaldsland, in die Tahari, das Land des Wagenvolkes oder in das Land östlich von Schendi reisen.
»Die kann man nicht mit Ar vergleichen«, sagte Plenius.
»Da bin ich anderer Meinung.«
»Was weißt du denn schon?« meinte der Blonde. »Du bist ein Cosianer.«
»Das stimmt nicht.«
»Warum bist du überhaupt gekommen, um uns in unserem Elend noch zu quälen?« beharrte der Blonde.
»Ein Stück Tharlarion?« bot ich ihm freundlich an.
Er blickte angewidert zur Seite.
»Viele Leute, die an Ar denken, denken dann nicht an seine Musiker, seine Dichter und dergleichen, sondern an die Männer der Verwaltung, die Ingenieure und Soldaten.«
»Auch das ist Ar«, gab Plenius widerstrebend zu.
»Tötet ihn«, sagte der Blonde.
»Die Cosianer sagen, daß ihre Gesetze mit ihren Speeren marschieren«, warf der Mutlose ein.
»Das gilt auch für Ar«, sagte Plenius.
»Aber heute ist es Cos, das marschiert«, erwiderte der Mann.
»Ar ist verloren«, sagte der Blonde.
»Nein, nur wir sind es, die verloren sind«, schränkte der Mutlose ein.
»Ihr seid nicht verloren«, widersprach ich.
»Der Heimstein wird überleben.«
»Das können wir nicht wissen.«
»Hier geht es nicht um historische Mutmaßungen«, sagte ich, »sondern um unser Überleben.«
Der Mutlose sah auf. »Das Problem hat das Delta bereits für uns gelöst.«
»Keineswegs«, erwiderte ich. »Nimm ein Stück Fleisch.«
»Nein, danke.«
Labienus starrte weiter auf den Sumpf hinaus. »Trägst du uns etwas nach?«
»Ja«, sagte ich. »Und ob ich euch etwas nachtrage.«
»Warum bist du dann überhaupt gekommen?«
»Meine Gründe, welchen Wert sie auch haben mögen – und ich glaube, es dürfte kein allzu großer Wert sein –, sind allein meine Sache.«
»Bist du ein Krieger?«
»Ja.«
»Hört ihr?« wandte sich Labienus an seine Männer. »Er ist ein Krieger.«
Der Mutlose schnaubte. »Er kann uns viel erzählen.«
»Wie lautet der siebenundneunzigste Aphorismus des Kodex?« fragte Labienus.
»Meine Schriftrollen entsprechen vielleicht nicht denen Ars«, sagte ich. Aber sie würden sich nicht sehr von ihnen unterscheiden.
»Sag ihn«, verlangte Labienus.
»Entfernt die Frau.«
»Er ist ein Krieger«, sagte Plenius.
Einer der Soldaten lud sich die gefesselte Ina auf und trug sie fort. Augenblicke später war er wieder da.
»Die Frau ist außer Hörweite?« fragte Labienus und starrte weiter geradeaus.
Der Soldat setzte sich wieder. »Ja. Und dort wird sie auch bleiben. Sie ist an einen Strauch gebunden.«
»Der siebenundneunzigste Aphorismus, der mir beigebracht wurde«, fing ich an, »hat die Form eines Rätsels. Er lautet: ›Was ist unsichtbar und schöner als ein Diamant?‹«
»Und wie lautet die Antwort?« wollte Labienus wissen.
»Das, was keine Geräusche macht, aber den Donner übertönt.«
Die Soldaten blickten einander an.
»Und was ist das?« fragte Labienus.
»Das gleiche, das keine Waagschale sinken läßt, aber schwerer als Gold wiegt.«
»Und was ist das?«
»Die Ehre!«
»Er ist ein Krieger«, sagte der Mutlose.
Plenius wandte sich beschämt ab.
»Aber es ist mir auch schon widerfahren, daß ich den Kodex gelegentlich verraten mußte.«
Plenius drehte sich wieder mir zu, auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck.
»Meiner Meinung nach ist das nicht besonders schwer.«
Labienus lächelte. »Ja, ich glaube, das hat jeder von uns schon einmal getan.«
»Du bist sehr freundlich«, sagte ich.
»Du glaubst also, du kannst uns von hier wegbringen«, sagte Labienus.
»Ich glaube schon«, erwiderte ich und verzweifelte daran, daß keiner der Kerle auch nur einen Hauch von Appetit auf das Tharlarion zeigte, das ich abgeschnitten hatte, darum schob ich es mir den Mund und kaute.
»Was tust du da?« fragte Labienus.
»Essen.«
»Gib mir ein Stück.«
Ich schnitt etwas ab und drückte es dem Hauptmann in die Hand. Seine Männer beobachteten ehrfürchtig, wie er die einfache Handlung des Kauens durchführte.
»Schmeckt ähnlich wie Vulo«, sagte er.
»Stimmt.« Das war in der Tat richtig. Ich schnitt ein weiteres Stück ab und hielt es Plenius hin. Er nahm es, und die anderen Männer rückten näher heran. Bald waren von dem Tharlarion nur noch die Knochen und die abgezogene Haut übrig.
»Das Fleisch hätte etwas Salz gebrauchen können«, meinte der Mutlose.
»Aber dein Hunger ist jetzt nicht mehr so groß«, bemerkte ich.
»Das ist wahr.«
»Und du besitzt Salz, nicht wahr?« fragte ich.
»Ja, schon, aber wir hatten nichts, das wir damit würzen konnten. Als wir jetzt etwas hatten, haben wir nicht daran gedacht.«
»So ist das mit dem Hunger.«
»In Zukunft werden wir daran denken, da kannst du sicher sein.«
»Du sprichst von der Zukunft«, bemerkte ich.
»Ja«, sagte er nachdenklich. »Ich habe von der Zukunft gesprochen.«
»Das ist der erste Schritt aus dem Delta hinaus.«
Die Männer blickten einander an.
»Das Delta ist voller Leben. Gäbe es nicht die Rencebauern und die Cosianer, könntet ihr für alle Zeiten hierbleiben. In kleinen Gruppen könntet ihr es trotzdem schaffen. Aber so wie ich es verstanden habe, wollt ihr nach Ar zurückkehren.«
»Das glorreiche Ar«, sagte der Blonde voller Sehnsucht. »Glaubst du wirklich, es gibt ein Entkommen?«
»Ja.«
»Vielleicht bist du ja ein Spion«, sagte ein Soldat, der damit beschäftigt war, einen Tharlarionknochen auszusaugen, »der geschickt wurde, um uns in einen Hinterhalt zu locken.«
»Warum sollte ich dann zu euch kommen, nachdem ich euch doch bereits aufgespürt hätte«, gab ich zu bedenken. »Wäre es nicht viel einfacher und sicherer für mich, eure Position einfach den Rencebauern oder Cosianern zu melden? Hätten sie euch nicht schon längst angreifen müssen?«
So einfach war der Bursche nicht zu überzeugen. »Aber vielleicht sind sie noch nicht so weit, und du bist hier, um unsere Position zu markieren und ihren Angriff zu koordinieren. Vielleicht willst du uns ja auch am Deltarand in einen Hinterhalt führen und dann das Kopfgeld kassieren.«
»Das ist eine ausgezeichnete Idee«, meinte ich. »Ich werde darüber nachdenken.«
Der Soldat zeigte mit dem Knochen auf mich. »Solltest du dich dazu entscheiden, hoffe ich doch, daß du uns Bescheid gibst.«
»Du kannst dich darauf verlassen.«
»Das ist ehrenhaft«, meinte er.
»Es gibt viel, das du den Männern beibringen mußt«, sagte Labienus.
»Mindestens ein Mann muß ständig den Himmel beobachten«, bestätigte ich. »Außerdem muß er wie auch alle anderen, sei es Späher oder Vorhut, natürliche Zeichen kennen, mit deren Hilfe er mit den anderen in Verbindung treten kann.«
»Die Rencebauern benutzen solche Signale«, warf Plenius ein.