Wenige Augenblicke später kamen der Läufer und seine Verfolger in mein Blickfeld. Seltsamerweise schien keiner von ihnen bewaffnet zu sein. Das erweckte in mir den Verdacht, daß keiner von ihnen ein Cosianer war.
Ich rechnete mir aus, welchen Weg der Flüchtling aller Voraussicht nach nehmen würde, indem ich mir das Gelände ansah und den für ihn einfachsten und am wenigsten beschwerlichen Weg berechnete.
Ich hörte ihn, wie er nur wenige Meter entfernt durch das seichte Wasser trampelte. Ich machte Plenius ein Zeichen, daß seine Männer zu beiden Seiten eines Pfades hinter den Büschen Aufstellung nehmen sollten. Plenius, der jetzt ganz in meiner Nähe halb über einen Strauch gebeugt stand, hielt den Speer mit beiden Händen umfaßt, bereit für einen Vorwärtsstoß. Nahm man die Geschwindigkeit des Läufers und brachte sie in Zusammenhang mit Plenius’ Kraft, würde der Speer vermutlich bis zur Hälfte des Schaftes in seinen Körper eindringen, denn Plenius war ein großer, kräftiger Mann, der aus den Rängen der Speerträger aufgestiegen war.
Ich legte die Hand auf den Speer und drückte ihn hinunter. »Laß ihn vorbei.« Er sah mich erstaunt an, widersprach aber nicht. Er gab den anderen ein Zeichen, noch nicht zuzuschlagen. Ich rechnete nicht damit, daß sie über die Verfolger herfallen würden. Dem Anschein handelte es sich ja um Soldaten aus Ar.
Der Läufer stürzte, kämpfte sich keuchend wieder auf die Beine und lief weiter. Ich lächelte. Er bewegte sich nicht so geschickt, wie es ihm möglich gewesen wäre. Vielleicht hatte er in letzter Zeit nicht genug zu essen gehabt. Andererseits waren seine Verfolger auch nicht besonders gut. Ich glaube nicht, daß ich auch nur einen von ihnen für die Wettläufe auf dem Sardarmarkt angemeldet hätte.
Der Mann in der blauen Uniform stolperte vorbei; soweit ich es beurteilen konnte, bemerkte er uns nicht einmal.
Unmittelbar hinter ihm kam ein Mann in Rot, bei dem ich mir die Freiheit nahm, ihm ein Bein zu stellen. Er stürzte der Länge nach hin, und bevor er wieder aufstehen konnte, hatte ich einen Fuß auf seine flach ausgestreckte Hand gestellt und ihn festgenagelt, während ich ihm die Schwertspitze in den Nacken drückte. Ich sagte: »Keine Bewegung.« Dann stolperten die anderen Verfolger heran, und ich streckte die Hand aus. »Halt!« befahl ich. Sie blieben verblüfft stehen. Ich trug die Uniform von Ar, auch wenn sie mir in Fetzen vom Körper hing.
»Keinen Schritt weiter«, sagte ich, »oder dieser Kerl ist tot.«
»Wir verfolgen einen Cosianer!« keuchte einer.
Ich nahm den Fuß von der Hand des Liegenden und das Schwert aus seinem Nacken, um ihm und den anderen zu zeigen, daß ich keine bösen Absichten hatte – wie beispielsweise einen schnellen Stoß, der die Halswirbel im Nacken durchtrennt. Davon abgesehen waren sie stehengeblieben, hatten also meiner Bitte entsprochen. Der Anführer kroch zu seinen Kameraden zurück. Es waren sieben Mann.
»Wir verfolgen einen Soldaten aus Cos«, sagte er.
»Er kommt nicht aus Cos, sondern aus Ar-Station«, erwiderte ich.
Die Soldaten blickten einander an. Dann tauchten Labienus’ Männer wie Geister auf, kamen hinter Büschen und Schilf hervor, und die Soldaten erschraken erneut. Es hatte so ausgesehen, als sei niemand da, und dann plötzlich, vielleicht sogar allzu plötzlich, hat es den Anschein, als stünden überall Männer. Wenigstens brüllten unsere Jungs nicht wild und ließen Pfeile von ihren kleinen Bogen schnellen oder griffen sie mit Messern und Macheten an.
»Ich bin Plenius, Unteroffizier des Labienus, des Kommandanten der Vorhut«, stellte dieser sich vor.
»Ich bin Claudius, Speerträger des elften Regimentes«, erwiderte der Mann, den ich recht heftig zu Boden geschickt hatte. Das elfte Regiment war eine der wichtigsten Truppenverbände der linken Flanke. Bei dem Versuch, sich zusammen mit dem siebten, dem neunten und dem vierzehnten Regiment aus dem Delta zurückzuziehen, hatte es hohe Verluste davongetragen. Es gab bestimmt Überlebende dieser Katastrophe, die zurück ins Delta geflohen waren und sich so der Gnade der Rencebauern ausgeliefert hatten.
»Ihr habt verhindert, daß wir einen Cosianer schnappen«, sagte der Mann hinter Claudius.
»Er ist kein Cosianer«, sagte ich.
»Und wer bist du?« fragte Claudius.
»Ich bin Tarl aus Port Kar.«
»Der andere Spion!« rief einer der Neuankömmlinge.
»Ergreift ihn!« wandte sich Claudius an Plenius. Da er entwaffnet war, schien es unwahrscheinlich, daß er sich auf mein Schwert stürzen würde.
»Schweig!« erwiderte Plenius. »Es könnten Cosianer in der Nähe sein.«
Claudius sah Plenius verwundert an.
»Tarl aus Port Kar ist ein Freund Ars!« erklärte Plenius.
»Nun«, mischte ich mich ein, »das mit Ar weiß ich nicht, aber zumindest bin ich sein Freund.«
»Wenn du ihm etwas antun willst«, fuhr Plenius fort, »werden wir dich in Stücke hauen.«
Diese Ankündigung dämpfte die Begeisterung der Neuankömmlinge.
»Und der andere Mann ist zweifellos ebenfalls ein Freund von Ar«, stellte Plenius fest.
»Zumindest dürfte er euch persönlich sehr gewogen sein«, stellte ich richtig. Ich bezweifelte doch sehr, daß es viele Bürger von Ar-Station gab, die Ar noch große Zuneigung entgegenbrachten oder gar die Treue hielten, nachdem Ar-Station dem Expeditionsheer von Cos ausgeliefert worden war. Falls es tatsächlich noch welche gab, die so dachten, gehörte der junge Bursche, der eben an uns vorbeigelaufen war, bestimmt dazu.
»Wo ist er?« fragte Titus.
»Bei der Langsamkeit, die er an den Tag legte, ist er bestimmt noch nicht weit gekommen«, vermutete ich.
»Habt ihr Hunger?« fragte Plenius die Neuankömmlinge.
»Ja!« riefen mehrere von ihnen. Das glaubte ich ihnen gern. Es schien die grollenden Geräusche, die an mein Ohr drangen, zu bestätigen.
»Was habt ihr denn zu essen?« fragte Claudius.
»Fragt nicht.«
»Warum trug der Bursche, hinter dem ihr her wart, eine cosische Uniform?« fragte ich.
Als ich Gefangener der Arer gewesen war, hatte man mir nicht soviel Milde gewährt.
»Die hat er von den Rencebauern«, erklärte Claudius. »Sie glaubten uns, daß er ein Cosianer ist, auch wenn er es bestritt.«
»Ihr hattet Kontakte zu den Rencebauern?« fragte Plenius.
Die Neuankömmlinge blickten einander an.
»Nun sagt schon.«
»Wir gehörten zum Elften, das mit den verbündeten Regimentern bei dem Ausbruchsversuch vor ein paar Wochen besiegt wurde. Viele wurden getötet, viele gefangengenommen. Viele flohen so wie wir zurück in den Sumpf. Keiner weiß, was aus den Männern geworden ist. Ich vermute, viele sind im Sumpf umgekommen, entweder durch die Pfeile der Bauern oder durch Ungeheuer oder Treibsand. Ich weiß es nicht. Zweifellos sind einige entkommen.«
»Aber ihr hattet Kontakte zu den Bauern?« wiederholte Plenius seine Frage.
»Die letzten Wochen haben die Bauern den Sumpf nach Überlebenden durchkämmt«, sagte Claudius.
»Und, weiter«, ermunterte Plenius ihn.
»Sie haben uns wie Tiere gejagt«, murmelte Claudius bitter.
»Damit sie euch töten konnten?«
»Wenn sie Lust dazu hatten. Aber es kam auch vor, daß sie uns in eine Falle lockten und überraschten, um uns nackt an die Kette zu legen und den Cosianern als Sklaven zu verkaufen.«
»Und wie sahen eure Kontakte zu den Bauern nun aus?« fragte Plenius. Ihm war bestimmt nicht entgangen, daß sie ohne Waffen waren. Andererseits waren sie bekleidet.
»Wir irrten erschöpft im Rence umher, standen kurz vor dem Verhungern«, sagte Claudius. »Ich glaube nicht, daß wir einen direkten Angriff überlebt hätten. Sie müssen uns gefolgt sein. Wir hingegen wußten nicht einmal, daß sie überhaupt da waren. Wir glaubten, wir seien mit unserem Elend und den Tharlarion allein. Eines Nachts wurden wir aufgeweckt, und man hielt uns Messer an die Hälse. Wenige Ehn später marschierten wir nackt, an Hand und Fuß gefesselt und mit einer Kette um den Hals, in einer Reihe. Unsere Uniformen wurden nicht vernichtet. Sie wurden uns nicht vom Leib geschnitten. Statt dessen zwang man uns, sie auszuziehen. Anscheinend wollten die Cosianer diese Umformen haben, zweifellos für feiges Einschleichen.«