»Warum sollten dazu nicht einer oder zwei ausreichen?«
»Wären sie Männer von Ehre, würde es reichen, um die Beute fortzuschaffen.«
»Ich verstehe«, sagte Marcus. »Sie sollen alle dabeisein, wenn die Bezahlung winkt.«
»Ganz genau.«
»Nun haben wir einen Weg aus dem Delta hinaus freigemacht«, sagte Marcus.
»Einen schmalen Pfad, der wenigstens ein paar Ahn lang auch frei bleibt.«
»Das sollte reichen.«
»Es wird noch immer sehr gefährlich sein«, erinnerte ich ihn.
»Ich werde dir helfen, dies alles hier loszuwerden.«
»Nein«, erwiderte ich. »Hol die anderen.«
»Es gilt, keine Zeit zu verschwenden.«
»Richtig.«
»Und was hast du vor?« fragte ich Labienus in der Hütte der Banditen am Deltarand.
Wir hatten das Essen miteinander geteilt – wenig genug für so viele Menschen. Aber wir hatten etwas Warmes gegessen.
»Ich muß Saphronicus in Holmesk Bericht erstatten«, sagte der Hauptmann.
»Natürlich.« Ich bedauerte zutiefst, daß er den Verstand verloren hatte.
»Plenius und Titus werden mich zu den Linien von Ar bringen.«
Die meisten von uns waren nach dem Essen bereits in alle Himmelsrichtungen aufgebrochen. Wir hatten versucht, den Soldaten der anderen Regimenter, die Marcus verfolgt hatten, durch Erklärungen und Beispiele beizubringen, wie man im Feindesland überleben konnte. Viele von ihnen hatten sich entschieden, das Delta mit einem oder mehreren unserer Männer zu verlassen. Auf diese Weise wurden die Aussichten auf ein Entrinnen aus dem Delta größer, besonders wenn sie nach Osten oder Süden zogen. Natürlich wurde jede Gruppe, je größer sie war, anfälliger für eine Entdeckung.
»Du bestehst darauf, deine Uniform mitzunehmen?« fragte ich Labienus. Falls man ihn anhielt und die Uniform in seinem Bündel fand, war das so gut wie sein Todesurteil.
»Ja«, sagte er. »Ich will sie bei meinem Bericht tragen.«
Ich blickte Plenius an.
»Es ist schon in Ordnung«, sagte er.
»Ihr seid alle tapfere Männer«, sagte ich.
»Wir, also Titus und ich«, sagte er, »werden nach Möglichkeit nur bis zu dem Gebiet mitkommen, das von Ar kontrolliert wird. Dort werden wir ihn mit einem Stock auf die Straße schicken.«
»Trotzdem ist es ein beträchtliches Risiko.«
»Er ist unser Hauptmann.«
»Und danach werdet ihr versuchen, euch auf einem anderen Weg nach Ar durchzuschlagen?«
»Das ist die Stadt meines Heimsteines«, erklärte Plenius.
»Was sie vorhaben, geschieht nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe«, sagte Labienus.
»Ja«, sagte ich, »aber ich finde, es liegt auch viel Ehre in ihrem Handeln.«
»Das stimmt«, sagte Labienus. »Es liegt viel Ehre in ihrem Handeln.«
»Nimmst du die Frau mit?« wollte Plenius wissen.
»Ja.«
Labienus erhob sich. »Ich wünsche dir alles Gute.«
»Ich wünsche dir alles Gute, Hauptmann«, erwiderte ich.
Er ergriff meine Hand. Ich schrie nicht auf, fragte mich aber unwillkürlich, ob er wußte, was er seinen Händen angetan hatte. Es war, als hätte er sie aufgegeben, um diesen Teil von ihm in ein schreckliches Werkzeug zu verwandeln, für das es jedoch keinen vorstellbaren Nutzen gab. Er konnte mit Sicherheit keine Dinge mehr erledigen, die Genauigkeit und Feingefühl erforderten. Er konnte keinen Zeigestock mehr ergreifen. Er konnte kein Schwert mehr schwingen. Als er losließ, war meine Hand blutig, obwohl er sie bestimmt nicht fest ergreifen wollte.
Dann verließ Labienus, geführt von Titus, die Hütte. Plenius blieb noch einen Augenblick lang stehen.
»Ich habe mich sehr in dir getäuscht«, sagte ich. »Jetzt weiß ich, daß du ein Mann von Ehre bist.«
»Man hat mich gelehrt, was Ehre ist«, sagte er.
»Labienus ist ein ausgezeichneter Lehrmeister.«
»Er und andere.«
»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte ich. Es freute mich, daß er von seinen Kameraden etwas über Ehre gelernt hatte.
»Ich wünsche dir alles Gute.«
Er verließ die Hütte.
Ich blickte auf Ina hinab. Sie konnte nicht zu mir aufsehen, da ich sie so gebunden hatte, daß sie mit gesenktem Kopf auf den Knien lag. Bei dieser besonderen Fesselung, die auch unter dem Namen Tharnan-Fessel bekannt ist, legt man die Fußknöchel übereinander und fesselt sie; dann wird der Kopf hinuntergebunden, indem man einen kurzen Riemen um den Hals legt und ihn von vorn zu den Knöcheln durchführt. Der Druck dieses Riemens findet im Nacken statt und nicht an dem empfindlichen, verletzlichen Hals. Dies kann man auch mit einer Kette tun. Die Hände werden ganz einfach auf den Rücken gefesselt.
»Wir sollten aufbrechen«, sagte Marcus. Alle waren gegangen.
»Ja«, sagte ich. »Das sollten wir.«
19
»Dort, seht es euch an«, sagte ich.
»Ja«, sagte Marcus.
»Das sind die Mauern von Brundisium«, erklärte ich Ina.
»Ich wußte gar nicht, daß die Stadt so groß ist.«
»Es ist eine der größten Küstenstädte südlich des Deltas.«
Marcus streckte den Arm aus. »Sieh dir die vielen Zelte vor der nördlichen Stadtmauer an.«
»Die meisten gehören sicher zu dem Expeditionsheer«, meinte ich. »Das Heer, mit dem wir damals gereist sind. Man kann Brundisium keinen Vorwurf machen, daß es nicht so viele Männer innerhalb seiner Mauern aufnehmen kann oder will.«
»Nein«, sagte Marcus.
In den Kleidern, die wir uns unterwegs besorgt hatten, sahen wir aus wie verarmte Reisende. Wir hatten sie mit unserem Anteil an der Beute bezahlt, die wir den Banditen abgenommen hatten. Marcus hatte seine cosische Uniform einem von Labienus’ Männern überlassen. Einige hatten die Kleidung der Banditen angezogen. Doch die meisten hatten ihre Reise in der Uniform von Ar begonnen und mittlerweile hoffentlich sicheres Gebiet erreicht.
Marcus und ich hatten zusammen mit Ina den Weg nach Brundisium eingeschlagen. Dafür gab es drei gewichtige Gründe: Es lag in der Richtung, die für uns am ungefährlichsten gewesen war; niemand hätte erwartet, daß Flüchtlinge aus dem Delta diese Route einschlügen. Allerdings mußten wir dafür sorgen, daß Marcus so gut wie nichts sagte, denn sein Akzent – der Akzent von Ar-Station – hätte bei Leuten, die etwas davon verstanden, für Mißtrauen gesorgt. Daß Ina mit ihrem Akzent Aufmerksamkeit erregte, war wiederum unwahrscheinlich, denn sie war eine Frau und gehörte offensichtlich zu uns. Nach dem Fall von Ar-Station und den Erfolgen der Invasoren auf dem Festland hatten sich die Menschen dieser Gegend gewiß an Frauen mit derartigen Akzenten gewöhnt. Die meisten von ihnen trugen wahrscheinlich den Kragen oder waren an Sklavenwagen angekettet.
Zweitens konnte man von Brundisium aus einen Bogen schlagen und eine Route zu den Territorien nehmen, die mit Ar verbündet oder ihm zumindest freundlich gesonnen waren.
Und drittens hoffte ich, hier meinen Freund Ephialtes, den Marketender, zu finden, denn er war mit dem Expeditionsheer nach Brundisium gezogen. Ich wollte aus verschiedenen Gründen mit ihm in Kontakt treten, nicht zuletzt weil er einige Geldmittel für mich aufbewahrte. Nachdem ich dafür gesorgt hatte, daß sich Marcus und Ina in relativer Sicherheit befanden, wollte ich nach Torcodino reisen, wo ich Dietrich von Tarnburg Information über die Lage im Norden überbringen wollte.
»Es ist wunderschön«, sagte Ina.
»Es ist eine schöne Stadt in einer schönen Lage«, bestätigte ich. Man konnte den Hafen sehen und das sich anschließende glitzernde Thassa, das Meer.
Ich sah zu Ina hinunter.
Sie trug ein ärmelloses, bis zum Unterschenkel reichendes Kleid, das aus Hurtwolle gewoben war. Trotz der fehlenden Ärmel war es die Kleidung einer freien Frau. Das verrieten Qualität, Länge, Steifheit und Undurchsichtigkeit. Es war aber auch ein Kleid, wie es nur von einer Frau der unteren Kasten getragen wurde. Es war ein einfaches und alltägliches Kleidungsstück, wie man es bei der Arbeit trug. Ich fand, daß es Ina gut stand, trotz seiner Steifheit und Undurchsichtigkeit. Natürlich war das alles, was sie abgesehen von ihren Sandalen trug.