Выбрать главу

Vielleicht würden Engel kommen und sie zum Mond tragen.

Als sie aufbrachen, blieb noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. Sie waren so leise gewesen, daß kein Diener wach geworden war – oder vielleicht waren sie doch wach geworden, aber da niemand ihre Unterstützung verlangt hatte und sie kein Interesse hatten, sich freiwillig für eine verrückte Aufgabe zu melden, drehten sie sich verstohlen auf die andere Seite und schliefen weiter.

Der Rotstein-Pfad war mörderisch gefährlich, doch dank des Mondscheins und Elemaks Anweisungen bewältigten sie ihn. Nafai verspürte erneut Bewunderung für seinen ältesten Bruder. Gab es nichts, was Elja nicht schaffen konnte? Bestand auch nur die geringste Hoffnung, daß Nafai jemals so stark und kompetent werden würde?

Endlich erreichten sie den Gewundenen Pfad, rechts von der Kuppe des höchsten Kamms; unter ihnen dehnte sich die Wüste aus. Im Osten war schon deutlich das erste Licht der Dämmerung auszumachen, doch sie hatten bereits eine gute Strecke zurückgelegt. Nun ging es bergabwärts, ein schwieriges, aber kurzes Stück, und dann hatten sie das große Plateau der westlichen Wüste erreicht. Niemand würde ihnen so einfach hierher folgen – niemand aus der Stadt zumindest. Elemak gab an sie alle Pulsatoren aus und ließ sie mit den Fadenkreuzen auf Felsen zielen, auf die er zeigte. Issib war ziemlich nutzlos – er konnte den Pulsator nicht ruhig genug halten –, doch Nafai war stolz darauf, daß er die Ziele besser traf als Vater.

Doch ob er damit wirklich einen Räuber töten könnte – das war eine ganz andere Frage. Bestimmt würde es nicht dazu kommen. Sie waren doch auf Weisung der Überseele hier in der Wüste, nicht wahr? Die Überseele würde die Räuber von ihnen fernhalten. Genau, wie die Überseele sie Nahrung und Wasser finden lassen würde, wenn ihre Vorräte erschöpft waren.

Dann erinnerte sich Nafai daran, daß diese ganze Sache nur begonnen hatte, weil die Überseele nicht mehr so fähig wie früher war. Woher wollte er wissen, daß die Überseele irgend etwas davon bewerkstelligen konnte? Oder daß sie überhaupt einen Plan hatte? Ja, sie hatte Luet geschickt, damit sie sie warnte, und hatte Nafai geweckt, damit er die Warnung hörte, und die Überseele hatte auch Vater einen Traum geschickt. Aber das bedeutete nicht, daß die Überseele tatsächlich die Absicht hatte, sie zu schützen; vielleicht wollte sie sie nur von der Stadt wegbringen. Wer konnte schon sagen, welche Absichten die Überseele hatte? Vielleicht mußte sie nur den Wetschik und seine Familie loswerden.

Mit diesem grimmigen Gedanken saß Nafai hoch über der Wüste, das Bein um den Sattelknopf verhakt, und suchte in allen Richtungen nach Räubern, nach Verfolgern aus der Stadt, nach irgendwelchen ungewöhnlichen Erscheinungen auf der Straße, nach Zeichen der Überseele. Die einzigen Geräusche bestanden aus Mebbekews Beschwerden, Elemaks Anweisungen und einem gelegentlichen Klatschen, wenn die Kamele ihre Gedärme leerten. Nafais Tier machte sich anscheinend nur Sorgen darum, wohin es seine Füße setzen sollte, und stampfte mit rollendem Gang unablässig in die Hitze des Tages hinein.

9

Lügen und Verkleidungen

Nachdem der Mond aufgegangen war, war es für Luet viel einfacher, den Weg in die Stadt zurück zu finden, als es ihr zuvor gefallen war, zu Wetschiks Haus zu kommen. Außerdem kannte sie nun ihr Ziel; es ist immer einfacher, nach Hause zurückzukehren, als einen fremden Ort zu finden.

Seltsamerweise verspürte sie erst ein Gefühl von Gefahr, als sie wieder in der Stadt selbst angelangt war. Der Wächter am Rauchfang-Tor hatte seinen Posten verlassen – vielleicht hatte man ihn schlafend ertappt, oder vielleicht hatte die Überseele ihm eingegeben, einen plötzlichen Gang erledigen zu müssen. Luet mußte über den Gedanken lächeln, daß die Überseele sich die Mühe machte, einem Menschen das dringende Bedürfnis einzugeben, die Blase zu entleeren, nur damit Luet sicheres Geleit hatte.

Innerhalb der Stadt war der Mond jedoch keine so große Hilfe mehr. Da er noch nicht sehr hoch aufgegangen war, warf er tiefe Schatten, und die von Norden nach Süden verlaufenden Straßen lagen noch in völliger Dunkelheit. Die Überseele allein mochte wissen, wer zu dieser Stunde unterwegs war. Von den Tolschocks wußte man, daß sie sich viel früher in der Nacht herumtrieben, wenn noch zahlreiche Frauen auf den Straßen waren. Nun jedoch, in den einsamsten Stunden vor dem Morgengrauen, mochten viel schlimmere Gestalten als die Tolschocks unterwegs sein.

»Ist sie nicht hübsch?«

Die Stimme erschreckte sie. Aber sie gehörte einer Frau, einer heiseren Frau. Luet brauchte einen Augenblick, um sie in den Schatten zu finden. »Ich bin nicht hübsch«, sagte sie. »In der Dunkelheit trügen dich deine Augen.«

Es mußte eine heilige Frau sein, wenn sie zu dieser Stunde auf der Straße war. Als sie aus der dunklen Ecke trat, in der sie Zuflucht vor dem Nachtwind gesucht hatte, zeichnete sich ihre schmutzige Haut etwas heller als die sie umgebenden Schatten ab. Sie war von Kopf bis Fuß nackt. Als Luet die Frau sah, spürte sie die Kälte der Herbstnacht. Solange Luet in Bewegung geblieben war, hatte die Anstrengung sie warm gehalten. Nun jedoch fragte sie sich, wie diese Frau so leben konnte, ohne eine schützende Hülle zwischen ihrer Haut und der Nachtluft.

Mutter war auch eine Wilde, dachte Luet. Ich wurde von einer solchen Frau geboren. Sie schlief in der Wüste, als ich in ihrem Leib war, und sie trug mich, so nackt wie sie war, in die Stadt, um mich bei Tante Rasa abzugeben. Aber sie ist es nicht. Meine Mutter, wo immer sie nun sein mag, ist keine heilige Frau mehr. Nur ein Jahr, nachdem ich geboren wurde, verließ sie die Überseele, um mit einem Mann zu gehen, einem Bauern, der sich auf dem steinigen Boden des Tals Chalvasankhra einen kargen Lebensunterhalt zusammenkratzen wollte. Zumindest hatte Tante Rasa das gesagt.

»Schön sind die Augen des heiligen Kindes«, intonierte die Frau, »das in der Dunkelheit sieht und in der gefrorenen Nacht mit hellem Feuer brennt.«

Luet gestattete der Frau, ihr Gesicht zu berühren, doch als die kalten Hände an ihrer Kleidung zu zerren begannen, bedeckt Luet sie mit den ihren. »Bitte«, sagte sie. »Ich bin nicht heilig, und die Überseele schützt mich nicht vor der Kälte.«

»Oder vor neugierigen Blicken«, sagte die heilige Frau. »Die Überseele schaut tief in dich hinein, und du bist heilig, ja, du bist es wirklich.«

Vor wessen neugierigen Blicken? Den Blicken der Überseele? Vor denen von Männern, die Frauen wie Pferde taxierten? Vor denen der Klatschbasen? Oder dieser Frau? Und was die Heiligkeit betraf – da wußte Luet es besser. Die Überseele hatte sie ausgewählt, aber nicht, weil sie besonders tugendhaft gewesen wäre. Wenn überhaupt war es eine Bestrafung, immer von Menschen umgeben zu sein, die sie als Orakel statt als Mädchen betrachteten. Huschidh, ihre eigene Schwester, hatte einmal zu ihr gesagt: »Ich wünschte, ich hätte deine Begabung; alles ist dir so klar.« Nichts ist mir klar, hatte Luet sagen wollen. Die Überseele vertraut sich mir nicht an, sie benutzt mich nur, Botschaften weiterzugeben, die ich selbst nicht verstehe. Genau, wie ich nicht verstehe, was diese heilige Frau von mir will, oder warum -falls die Überseele sie geschickt hat – sie mir geschickt wurde.

»Schrecke nicht davor zurück, ihn zum Wasser zu führen«, sagte die heilige Frau.

»Wen?« fragte Luet.

»Die Überseele will, daß du ihn lebend errettest, ganz gleich, welche Gefahren dich erwarten. Es liegt kein Sakrileg darin, der Überseele zu gehorchen.«

»Wen?« fragte Luet erneut. Diese Verwirrung, dieses Entsetzen, daß sie das Rätsel dieser Worte lösen oder aber einen schrecklichen Verlust erleiden mußte – fühlten sich so die anderen, wenn sie ihnen von ihren Visionen erzählte?