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Ferrand verfiel in ein kicherndes Lachen. »Auch Manuel spricht Aramäisch, nicht wahr, Manuel?«

»Sehr wohl! Sonst könnten wir ja nicht…«

»Schon gut, Manuel! Also, Henri, du willst die beiden Bücher? Nimm sie! Sie liegen dort. Vielleicht erzählst du mir an den langen Sommerabenden, die uns bevorstehen, was drinsteht! Dann spare ich mir eine umständliche Lektüre in einer schwer zu erlernenden Sprache.«

Henris Blicke wanderten durch den Raum, in dem Ferrand wohnte. Für das Zimmer eines Scholaren war es üppig ausgestattet. Neben dem Lager standen wie üblich Tisch, Sessel und Waschgelegenheit. Aber überraschenderweise hingen an den Wänden Wirkteppiche mit Marienszenen, und in Regalen sah er kleine, kostbare Altaraufsätze, die liturgischen Altargeräte der Vasa Sacra. Sein Blick blieb an einem Vortragekreuz mit Edelsteinen hängen, und er erblickte ein Ciborium aus Gold, in dem Hostien aufbewahrt werden, es hatte einen silbernen Sechspassfuß, einen gedrungenen Turm und gravierte Schindeln aus Silber. Seltsam berührt von der Gegenwart dieser heiligen Dinge, dachte Henri, ob Ferrand hier seine eigenen persönlichen Messen abhielt? Und wäre das nicht frevlerisches Tun?

Henri dankte für die Bücher und zog sich in seine Studierstube im Gasthof zurück. Aber eine innere Unruhe hielt ihn davon ab, sich in die Schriften zu versenken. Er spürte die intensive Nähe des Lebens draußen vor den Fenstern, die Süße der Düfte aus den Gärten Toledos.

Und er ahnte das Näherkommen einer Gefahr.

Und ganz plötzlich überfiel ihn die Erinnerung an eine Szene im Santiago-Palast von Aranjuez. Dort war es gewesen, als er das Korporalskästchen Manuels zum ersten Mal gesehen hatte! Konnte er sich täuschen? Der Großmeister hatte es in Händen gehalten wie einen geheimen Schatz! War es dasselbe? Und wenn ja, was bedeutete das?

Henri fiel gleichzeitig Ferrand ein, der mit Manuel zusammensteckte. Was war Ferrand für ein Mensch? Er wollte das Judentum nicht wirklich verstehen lernen. Führte er nicht etwas ganz anderes im Schild? Aber was?

Henri wünschte sehnsüchtig die Ankunft Joshua ben Shimons herbei. Wo blieb der Freund? Was hielt ihn auf? War etwas geschehen?

Henri ließ die Bücher liegen und ging in die Stadt hinunter. In der Luft lag etwas Betörendes, Schwebendes. Die Menschen blickten ihn an, als seien sie auf der Suche nach etwas.

Aber auch das bunte Treiben vermochte ihn nicht abzulenken, und er kehrte bald wieder in den Gasthof zurück, in dem es an diesem Abend ruhig war.

Und er war froh, dass ihn am nächsten Morgen in aller Frühe die aufgehende Sonne weckte, die durch das durchbrochene Fenster seines Zimmers fiel und deren freundliche Strahlen über den roten Dächern Toledos und den goldenen Kuppeln der Stadt tanzten.

Er sah unten die Menschen zu den Morgengebeten gehen, die Händler zum Markt fahren und die Frauen ihre Einkaufskörbe schultern. Der Duft frisch gebackenen Brotes erinnerte ihn an die kleinen alltäglichen Freuden und die einfachen Aufgaben, die er zu lösen hatte.

Nein, hier galt es keine Schlachten zu gewinnen. Und er vergaß die unguten Gedanken an sich drohend zusammenbrauende Dinge über seinem Kopf, die ihn am Vortag überfallen hatten, und ging frohgemut in die Schule hinüber.

Dort wartete Theophil schon ungeduldig auf ihn. Er machte ein sorgenvolles Gesicht, aber als Henri eintrat, wies er ihm munter seinen Platz zu und sagte, sie sollten anfangen. Und das taten sie sogleich. Denn Henri war begieriger als je zuvor, weiter in die Geheimnisse der Kabbala einzudringen.

»Ich wollte dich etwas fragen, Theophil.«

»Nur zu.«

»Mein Gefährte Joshua ben Shimon sagte mir einmal, Zahlen seien für einen jüdischen Mystiker Ausdrücke für Einzelaspekte des Anfangs, des Ur-Einen. Also von Gott. Zahlen seien Sphären dieses Ur-Einen, und wir versuchen, damit etwas zu erkennen, was eigentlich unerkennbar ist. Hat er Recht?«

Theophil nickte bedächtig. »Joshua ben Shimon ist, wie ich schon sagte, ein bedeutender Zahlenmystiker. Man kennt ihn überall, in Speyer ebenso wie in Toledo. Er kennt die Macht der Zahlen und Buchstaben.«

Henri seufzte. »Wenn er nur schon hier wäre! Ich möchte ihn umarmen!«

»Die fünfte Lektion! Oder willst du deine Liebe nicht auch über deinen Verstand ausgießen?«

»Ihr seid mein Lehrer!«

»Worum geht es den Kabbalisten? Nicht um Zahlenspielereien, wie sie die Gaukler auf den Jahrmärkten aufführen mögen. Es geht um den vollkommenen Menschen. Kannst du diesen Zusammenhang erkennen, Scholar?«

»Ich versuche es.«

»Das ist schon mehr, als die meisten tun! Höre weiter! Was verbindet die Vorstellung vom vollkommenen Menschen mit dem kleinsten Buchstaben oder Zahlzeichen? Alles! Ich gebe dir ein Beispiel, Scholar! Als der Christ Monoimos, der Araber, ein Mystiker des zweiten Jahrhunderts nach der Zerstörung des Tempels, gefragt wurde, wie er zur Erleuchtung kam, antwortete er: Ich betrachtete den kleinsten Buchstaben unseres Alphabets, es ist der Jota. Gleichzeitig ist der Jota das Zahlzeichen Zehn. Es ist nur ein einfacher Strich. Und was bedeutet das? Dieses Jota ist nicht zusammengesetzt. Es ist vollkommen! Eine reine Einzigkeit! Und als Zahlzeichen Zehn ist das Jota der Abschluss einer Reihe von Emanationen.«

»Und auch der Abschluss der Reihe arabischer Zahlen, das weiß ich von meinem Sarazenen.«

»Und wenn du die Null der Zehn auslöschst, was erhältst du dann?«

»Eins. Die Einzigkeit.«

»Den Anfang von Ideen und Zahlen. Das Ur-Eine. Gott!«

»Wir Christen kannten im Abendland die Null als Zahl nicht. Sie ist eine Erfindung der Araber.«

»Siehst du! Und doch ist sie da. Sie ist der verborgene Sinn von Zehn. Denn sie bezeichnet gleichzeitig den Beginn vor dem Beginn! Den Anfang vor der Eins. Also den Moment in der Schöpfungsgeschichte, als Gott beschloss, dass er seine Liebe ausschütten wolle. Als er beschloss, dass es Licht werde und der Mensch erscheine.«

»Mein Gott! Wer soll das verstehen!«

»Du verstehst es nicht?«

»Nein!«

»Dann hast du die fünfte Lektion begriffen, mein Sohn!«

»Was ist der vollkommene Mensch? Es ist der voll erwachte Mensch! Der Mensch, der verstanden hat.«

»Du meinst, jemand, der erleuchtet ist, also die Gnosis besitzt?«

»Das genau ist die Vorbereitung auf unsere sechste Sitzung heute, mein Sohn. Es ist die Schwellensitzung, mit der du die Hälfte der Lektionen angehört hast und dich auf den Abschluss des Verständnisses zu bewegen kannst. Wenn du erkennen willst, musst du dich selbst erkennen. Du begreifst das Wesen Gottes niemals, wenn du nicht weißt, wer du selbst bist und welche Ziele du dir auf Erden setzt.«

»Ich kenne meine Ziele. Ich will meine Feinde besiegen.«

»Das genügt nicht. Das allein ist noch kein Ziel. Es ist ein Instinkt. Ein Ziel ergibt sich nicht einfach durch den Willen, es ergibt sich aus der Summe der vorausgegangenen Vorgänge. Gib also heute besonders Acht!«

»Ich will meine Feinde besiegen!«

»Höre weiter! Ich sagte schon, dass die Kabbala keine Spielerei ist. Sie setzt die Anerkennung einer Unendlichkeit voraus, die vor allem Anfang war und nach allem Ende sein wird. Sie ist der Veränderung unterworfen und gleicht doch einer vollkommenen, unverrückbaren Ordnung. Eine solche Ordnung ist aber nur mit Buchstaben und Zahlen zu verstehen, denn diese sind frei von Gefühlen, von Ideologien und von Absichten. So sehen wir auch die fünf Bücher Mose, die man auf Griechisch das Pentateuch nennt. Um diese Schriften zu verstehen, lesen wir unser Buch des Glanzes, den Sefer ha-Sohar. Hast du es inzwischen ausgeliehen?«

»Ja. Ferrand hatte es, er gab es mir.«