Henri drehte das Pergament hin und her, aber er sah nirgends ein verräterisches Zeichen. Es musste also echt sein!
»Wenn diese Handschrift bei den christlichen Statthaltern in Toledo bekannt wird, werden alle Juden abgeschlachtet!«
Fassungslos starrte Ferrand Henri an. »Aber begreift Ihr denn nicht? Wenn die Juden ihren Plan verwirklichen, sterben in dieser Stadt alle Christen!«
»Ich kann an die Echtheit dieser Schrift nicht glauben. Es ist doch undenkbar! Auch die früheren Berichte über Verfehlungen der Juden waren doch immer gelogen! Man hat Anschuldigungen gebraucht, um seinen Hass zu stillen. Und um an die Reichtümer der Juden zu gelangen! In Frankreich ist das ein beliebtes Spiel. Auch wir waren davon betroffen. Als der König uns…«
Henri war im Begriff, sich als Templer zu verraten. Im letzten Augenblick wurde ihm das bewusst. Er schwieg und blickte seine beiden Gegenüber ratlos an.
Ferrand sagte verblüfft: »Seid Ihr Jude, Henri? Das würde Eure offensichtliche Sympathie erklären!«
»Unsinn! Ich bin bekennender Christ wie Ihr!«
»Jedenfalls«, sagte Manuel, »werde ich dieses Dokument morgen früh dem Stadtkommandanten von Toledo vorlegen. Er wird die notwendigen Maßnahmen zu treffen wissen.«
»Nein, wartet! Das müssen wir erst noch überlegen! Die Auswirkungen wären verheerend!«
»Worauf warten? Haben die Juden nicht schon genug Unheil angerichtet?«
Henri wurde mutlos. Seine beiden Gegenüber hatten einen Plan geschmiedet, der nur in Blut und Tränen enden konnte. Er musste versuchen, sie davon abzuhalten!
»Ferrand! Ich bitte Euch!«, bettelte Henri, »überlegt doch, was dieses offensichtlich gefälschte Schreiben anrichten würde! Die Frauen und Kinder! Es würde Hunderte von unschuldigen Toten geben!«
Ferrand ließ Henris Flehen kalt. Seine Augen funkelten gierig. Er sah Henri eisig an. »Das wird es! Es ist beschlossene Sache!«
3
Im Jahr des Herrn 1307, Aposteltage
Die Stadt Speyer lag unter Eis und Schnee. Wolfsrudel zogen hungrig durch das Grau und Weiß der weiten Ebene, machten aber weit vor den Stadttoren Halt. Sie steckten die Nasen in die kalte, rauchige Luft, zogen den Schwanz ein und trollten sich – noch. Das Heulen der mächtigen Rudel in den klaren Nächten erinnerte die Menschen in den verstreuten Dörfern daran, wie nahe Glück und Schrecken beieinander lagen. Man duckte sich in der Dunkelheit und rückte in den warmen Stuben zusammen. Und die Lichter des Osterfestes, obwohl es in diesem Jahr früh gefeiert wurde und jetzt vor der Tür stand, durchdrangen mit ihrem hoffnungsvollen Schein noch nicht die Finsternis.
Henri de Roslin wollte dieses schönste Fest der Christenheit, in dem sich Leiden, Tod und Auferstehung verbinden, nicht mitfeiern. Er hatte in einer kleinen Kapelle am Rhein die Petri Stuhlfeier abgehalten, die mit dem antiken Totengedächtnis zusammenhing. Henri hatte für einen ihm nahe stehenden Verstorbenen eine cathedra, den Stuhl, freigehalten und einen Tag lang mit dem Gesicht auf dem Steinboden gebetet. Bei einem Übergriff auf einen jüdischen Freund durch betrunkenen Raubadel in Paris war dieser erschlagen worden. In Frankreich hielten seit dem letzten Jahr die Übergriffe auf die wenigen Juden an, die noch nicht vertrieben worden waren. Er selbst war auf seinem Weg nach Schottland, um der Verfolgung der Tempelritter in Frankreich zu entgehen, von der man bereits überall munkelte. Und deshalb wollte Henri in diesem Jahr mit seinem väterlichen Freund Theophil und den Juden von Speyer das Pessah-Fest begehen. In Deutschland, vor allem aber in Speyer, lebten die Juden noch einigermaßen sicher.
Er erreichte Speyer am Abend, hungrig und durchgefroren. Auf der Kruppe seines Pferdes Barq lag Raureif, sein Atem stand als weiße Wolke in der Luft. Das große Tor zum Judenghetto, zur Rechten des Domes, war schon verschlossen. Als er mit der Faust dagegen schlug, öffnete sich eine vergitterte Luke, und das verknitterte Gesicht eines Alten mit einer gelben, zweigehörnten Mütze kam dahinter zum Vorschein.
»Was wollt Ihr? Ihr seht doch, die Tore sind schon geschlossen!«
»Macht bitte auf. Ich besuche den Gelehrten Theophil. Leider kommt man bei diesem grimmigen Wetter auf den deutschen Wegen nicht recht voran, und so habe ich mich wider Willen verspätet.«
Henri hörte ein Brummein, dann rasselten Schlüssel, knarrend öffnete sich ein Flügel des Tores.
»Gott willkommen, zum guten Festtag«, brummte der Alte und machte ein gutmütiges Gesicht. »Alle unsere Leute sind jetzt in der Synagoge, Ihr kommt eben zur rechten Zeit, um dort die Geschichte von der Opferung Isaaks verlesen zu hören. Das ist eine wichtige Geschichte, denn wenn Abraham den Isaak wirklich geschlachtet hätte und nicht den Ziegenbock, so wären jetzt mehr Ziegenböcke und weniger Juden auf der Welt!«
»Ich kenne die Geschichte. Aber ich suche Theophil. Wo finde ich ihn, guter Mann?«
»Reitet nur einfach weiter. Ihr seht dann schon die Synagoge.«
Henri ritt durch die menschenleere, holprige und glatte Straße. Die Häuser waren hoch und dunkel. Er wusste, die Juden durften ihr Quartier nicht erweitern, also bauten sie ein Stockwerk über das andere. In der Ferne waren jetzt vielfältige und verworrene Stimmen zu vernehmen. Als er den Hof des schönen Gotteshauses erreichte, wusch er sich in dem dort stehenden Brunnen die Hände und trat in den nördlichen Teil der Synagoge, der für die männlichen Betenden vorgeschrieben war. Die Frauen beteten in der Weibersynagoge, die sich im Süden anschloss.
Beim Eintreten erblickte Henri de Roslin hinter hohen Betpulten schwarz gewandete Männer, die spitzen Bärte herabstehend über den weißen Halskrausen, die Köpfe verhüllt von viereckigen, mit den vorgeschriebenen Schaufäden versehenen Tüchern aus weißer Seide und goldenen Tressen. Sein Blick suchte Theophil. Der Gelehrte stand an dem vergoldeten Eisengitter um die viereckige Bühne, wo die Gesetzabschnitte verlesen wurden und wo die heilige Lade stand, getragen von hohen Säulen mit üppigen Kapitellen. Hier hing auch die silberne Gedächtnis-Ampel, stand der siebenarmige Tempelleuchter und sang der Vorsänger mit inbrünstiger Stimme, begleitet von der sehnsüchtigen und melancholischen Stimme eines jungen und dem tiefen Bass eines alten Sängers.
Ja, dachte Henri, der Lobgesang Gottes kann erbaulich aufsteigen, auch wenn er nur aus der Brust von Sängern kommt; ohne jedes Hilfsmittel.
Henri wagte es nicht, Theophil ein Zeichen zu geben, zu sehr war dieser in die Andacht vertieft. Jetzt traten drei alte Männer ehrfurchtsvoll vor die heilige Lade, schoben den glänzenden Vorhang zur Seite, schlossen den Kasten auf und nahmen sorgsam jenes Buch heraus, das in ihrem Glauben Gott mit eigener, heiliger Hand geschrieben hatte. Henri wusste, wie viel die Juden für die Erhaltung dieses Buches schon erlitten hatten. Hass und Tod, ein tausendjähriges Martyrium. Das Buch war eigentlich eine in roten Samt gehüllte große Pergamentrolle, oben, auf den beiden Hölzern, auf denen es aufgerollt werden konnte, steckten silberne Gehäuse mit Glöckchen, und vorn, an silbernen Ketten, hingen goldene Schilde mit bunten Edelsteinen.
Alles verlief vor Henris Augen so innig und sehnsüchtig, wie er es nur selten in einer christlichen Kirche erlebt hatte. Und wieder stiegen die Stimmen der drei Sänger bei einem schönen Psalm empor wie Blumen und Blätter der Kapitelle, die aufzublühen schienen. Das Pergament wurde aufgerollt, und der Vorsänger las die Geschichte von der Versuchung Abrahams.
Henri blickte sich um. Er sah die blassen Gesichter der Frauen hinter der Scheidewand zur Weibersynagoge; nicht wenige Blicke trafen ihn, den stattlichen Fremden, den sie nicht kannten. Aber sie gafften nicht, sie schauten nur freundlich und schüchtern, trotz ihrer Neugier.
Henri blieb einfach neben dem Eingang stehen. Er musste sich jedoch den Pelz ausziehen, der in der Wärme dampfte. Die Fellmütze hatte er schon beim Eintritt vom Kopf genommen und eine mitgebrachte flache Kappe auf sein Haar gelegt. Der Vorbeter stimmte nun das Achtzehn-Gebet an. Alle sprachen es mit, jetzt stehend und die Gesichter gegen Osten gewendet. Und dann durfte auch Henri sich zu Wort melden.