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Die Nacht war eisig klar. Sie holten ihre Mäntel, hüllten sich darin ein, und als Henri wissen wollte, was Rahel ihm sagen wolle, legte sie ihm den Finger auf den Mund. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in die dunklen Gassen Speyers hinaus. Henri machte eine Geste in Richtung von Theophils Haus. Aber sie waren schon am Tor. Sie befahl dem Wächter, das Tor aufzuschließen. Henri begriff noch immer nicht. Rahel zog ihn zum Rhein hinunter.

Henri spürte, wie eiskalt Rahels Hand war. Und langsam wurde es ihm auch kalt ums Herz. Denn was sie tat, das Haus ihrer Eltern einfach zu verlassen, schien ihm so unverständlich, ja verwirrend, dass er mehrmals stehen bleiben und das Mädchen um Aufklärung bitten wollte. Aber dann blickte sie ihn so flehend an, dass er ihr folgte.

Sie bestiegen ein Boot. Rahel wollte rudern. Henri nahm ihr das Ruder aus der Hand.

»Wohin, schöne Rahel?«

»Nur weiter! Fort von hier!«

»Aber warum? Was habt Ihr nur?«

In ihr blasses Gesicht, auf dem jetzt der kalte Schein des Mondes lag, zog Todesangst. Henri umfasste ihre zitternden Schultern. Er streichelte ihr Haar und sagte noch einmaclass="underline" »Was habt Ihr? Sagt es mir doch!«

Und dann brach es aus ihr heraus.

»Habt Ihr denn nicht den Engel des Todes gesehen? Wir sind ihm gerade noch entkommen! Gelobt sei der Herr!«

»Und die anderen, die zurückblieben?«

»Sie werden sich retten. Es ging nur um mich. Sie haben den Beweis für unsere Schuld nur wegen mir unter den Tisch gelegt.«

»Was haben sie?«

»Mir wurde plötzlich klar, dass einer der beiden Fremden, die als Gäste kamen, der Bruder eines Mannes aus Frankfurt ist, der mich zur Frau haben will. Dieser Mann verfolgt mich seit einem halben Jahr. Er ist verrückt vor Begehren nach mir. Er hat sogar versucht, mir Gewalt anzutun!«

»Aber wir hätten doch nicht weggehen dürfen!«

»Habt Ihr es denn nicht gesehen?«

»Was?«

»Wie Vater Theophil die Haggada sang, schaute ich zufällig unter den Tisch. Und dort, zu seinen Füßen, lag der blutige Leichnam eines winzigen Neugeborenen. Die Fremden haben ihn dort hingelegt. Sie waren keine Glaubensgenossen, sondern Gottlose, sie wollen uns des Kindesmordes beschuldigen und anzeigen und mich dadurch endlich in ihre Gewalt bringen. Denn der Mann, der mir nachläuft, ist einer der Konzilen in Frankfurt.«

Henri packte das Mädchen. »Rahel! Wenn das alles wahr ist, dann müssen wir auf der Stelle nach Speyer zurück. Hört Ihr! Wir dürfen nicht davonlaufen!«

»Aber ich habe solche Angst! Ich geriet völlig in Panik. Ach, ich kann nicht klar denken.«

Henri packte das Ruder fester und wendete das Boot. Mit starken Schlägen teilte er das trübe Wasser. Und bald darauf legten sie wieder an der Anlegestelle vor den Toren der Stadt an. Henri sprang polternd heraus.

»Ich gehe ins Haus zurück. Könnt Ihr irgendwo anders unterkommen?«

»Ja, sicher bei den Großeltern der ben Hiskia.«

»Gut, dann tut das! Verriegelt die Tür und wartet auf mich, bis ich komme!«

Henri zog Rahel mit sich, und sie rannten durch das Tor, der Schließer verstand gar nichts mehr. Rahel wendete sich zur Behausung der ben Hiskias, Henri rannte weiter die menschenleere Gasse hinauf. Voller böser Erwartungen kam er am Haus von Theophil und Alma an.

Die Läden waren noch heruntergelassen. Nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Aber im gleichen Moment traten die beiden Fremden aus der Tür, wieder in ihre Umhänge gehüllt. Henri schnappte einen Wortfetzen auf. »… hat ja geklappt… Truppen des Bischofs warten schon am Rathaus…«

»Halt!«, rief Henri. »Was hat geklappt? Ihr wollt diesen friedlichen Menschen, die Euch nichts getan haben, schaden?«

Verblüfft schauten ihn die beiden an. »Ach, da ist der ja wieder zurück«, entfuhr es dem einen. »Und wo ist die holde Kleine?«

Henri trat kurz entschlossen auf die Männer zu. Er wendete einen Trick an, den er bei seiner ritterlichen Ausbildung im Tempel gelernt hatte. Er griff nach den Köpfen der beiden und schlug sie so heftig zusammen, dass die Männer, wie vom Blitz getroffen, zusammenbrachen.

Henri schleifte die leblosen Körper durch den Schnee ins Haus und legte sie ins Vestibül. Hastig riss er die Tür zum Festraum auf. Dort saßen die beiden Ehepaare unbeweglich auf ihren Stühlen, weit vom Tisch abgerückt. Sie schienen unverletzt zu sein. Aber die Art, wie sie die Köpfe hängen ließen, zeigte Henri, dass sie Bescheid wussten.

Er erblickte das blutige Bündel unter dem Tisch.

Theophil hob den Kopf und sah zu dem eintretenden Henri auf. Ein freudiger Schimmer trat bei seinem Anblick in seine Augen. »Sie waren nicht von der Gemeinde Israels«, sagte er leise.

»Ich weiß!«

»Sie wollen wieder einmal das Volk aufreizen, plündern und morden.«

»Ja, Theophil.«

»Finsternis wird wieder über uns kommen, Henri! Und vor allem über mich, der ich Christ war und nun mit den Juden feiere! Sie werden behaupten, ich sei der Verruchteste von allen!«

»Nein. Diesmal wird es ihnen nicht gelingen! Ängstigt Euch nicht. Und auch Ihr nicht, Alma! Ich bin der Zeuge, der alles Unheil von Euch abwendet. Die Untat wird auf die Gottlosen zurückfallen! Dafür stehe ich ein. Und nun geht Ihr, Theophil, und benachrichtigt alle. Schlagt Lärm! Je mehr, desto besser! Lenkt aller Aufmerksamkeit auf Euch! Tut es vor allem auch in der Christenstadt, und tut es selbst, es wird als Beweis dafür gelten, dass ihr alle unschuldig seid. Rahel ist in Sicherheit. Und ich werde so lange auf Euch aufpassen, bis alles zum Besten geregelt ist!«

»Euch schickt Gott«, stammelte Alma.

»Uns alle hat Gott geschickt«, erwiderte Henri. »Wir müssen es nur endlich begreifen und uns würdig erweisen.«

4 

Ende Juli 1315, Tage der Maria Magdalena

Es fiel Henri zunehmend schwer, sich auf den Kabbala-Unterricht zu konzentrieren. Desto erleichterter war er darüber, dass endlich Joshua ben Shimon eingetroffen war. Er brachte den Knappen Sean of Ardchatten mit, der noch immer in der Seligkeit seines Liebeskummers schwelgte und Reime verfasste. Hin und wieder ließ er auch das Lied seiner Flöte hören, die seine jugendliche Sehnsucht nach der fernen Guinivevre ausdrückte. Joshua, der den Jungen ebenso liebte wie Henri und dieses Gefühl auch besser ausdrücken konnte, lächelte beim Anhören dieser Lieder. Und so hatte Henri das Gefühl, den drohenden Schatten, die über Toledo aufgezogen waren, mit neuer Kraft begegnen zu können, Theophil drängte darauf, den Unterricht fortzusetzen. Er wollte von Henris Warnungen, die Ghettojuden Toledos befänden sich in Lebensgefahr, nichts hören. Und tatsächlich hatte Henri bei Ferrand de Tours bewirkt, dass der das verräterische Pergament noch nicht dem Stadtkommandanten aushändigen wollte. Henri hatte seinen Eingriff damit begründet, dass er die Handschrift noch einmal gründlich auf ihre Echtheit hin studieren wollte. Ferrand gab ihm dafür fünf Tage. Danach wollte er den Alarm auslösen und die Christen auf die Juden hetzen.

Henri hatte also fünf Tage Zeit, um sich einen rettenden Plan auszudenken. Die Handschrift einfach zu vernichten genügte nicht. Denn da er sie für gefälscht hielt, würde es Manuel jederzeit möglich sein, eine neue Anklageschrift zu fälschen und herbeizuschaffen.

Theophil empfing seinen Scholaren zur vorletzten Lektion gleich nach Sonnenaufgang. Über der Stadt lag seit Wochen eine flirrende Hitze. Keine Wolke stand am Himmel, und die kleinen Flüsse waren ebenso wie der mächtige Tajo nun fast ausgetrocknet.

Henri hatte sich in die Bücher versenkt. Und er glaubte, dem Verständnis der Kabbala sehr nahe gekommen zu sein. Abends war er vom vielen Studieren, das für ihn eine ungewohnte Beschäftigung war, so müde, dass er bei brennenden Kerzen über den Seiten einschlief. Am Morgen schmerzte sein Kopf.