»Hm. Ich werde ein Wort für dich einlegen.«
»Was tun wir, Henri, die Zeit drängt!«, wandte Joshua ein.
»Bei Seans Worten ist mir etwas eingefallen. Nun, es ist verrückt, aber ich werde es probieren. Es hat mit meinen Kabbala-Lektionen zu tun. Joshua, hältst du es für möglich, dass man jemanden, dessen Namen und Persönlichkeit man intensiv heraufbeschwört, tatsächlich beeinflussen kann?«
»Du meinst wirklich nur beeinflussen? Auf jeden Fall. Aber meintest du nicht eher töten?«
»Manuel ist eine Ratte, er nimmt den Tod von vielen Unschuldigen in Kauf. Ich weiß nicht, was der Eiferer Ferrand ihm dafür bezahlt. Jedenfalls haben beide keine edlen Motive.«
»Ich kann dich nur warnen, Henri. Wenn du die Kabbala-Lektionen nicht ordentlich abgeschlossen hast, dann ist es gefährlich, mit ihren Geheimnissen zu spielen. Dann gerät vieles durcheinander. Hat Theophil dir das nicht gesagt?«
»Doch. Er sagte, ich müsse noch eine einzige Lektion anhören. Und verstehen. Und damit besäße ich den Schlüssel, Dinge und Wesen in meinem Sinne zu beeinflussen.«
»Dann schließe die zehnte Lektion ab, Henri. Tue es bald, am besten morgen früh.«
»Das geht nicht. Theophil ist verreist. Er reist oft. Diesmal muss ich warten, bis er aus dem südlich gelegenen Burguillos de Toledo zurück ist.«
»Wann wird das sein?«
»In zwei Tagen.«
»Dann kann es schon zu spät sein!«
»Denkt an meinen zierlichen Dolch!«, erinnerte sie Sean. »Ich tausche ihn gern einmal gegen meine Flöte aus, um Ratten zu schneiden.«
Henri verabschiedete seine Freunde. Er wollte allein sein. Lange ging er in der Gaststube umher. Dann schritt er hinaus, verließ Toledo über eine der drei Brücken und setzte sich am Ufer des Tajo nieder. Der Fluss bestand nur noch aus einem dünnen, gelben Rinnsal. Es erschien Henri wie ein Gleichnis. Das Leben versickert, dachte er, wir können seine verschwenderische Kraft nicht ausschöpfen, es entgleitet uns unter den Händen. Alles vertrocknet.
Er beobachtete Vogelschwärme, die in den hohen Himmel ein Zeichen setzten, das Henri aber nicht deuten konnte. Was will uns die Natur sagen?, dachte Henri. Hält sie für uns eine Botschaft bereit? Können wir daraus lernen?
Aber was?
Wieder sah er zum Himmel auf. Er war jetzt leer. Wolkenlos. Unendlich tief.
Wo wohnt der Herrgott?, dachte Henri. Ist er dicht über uns oder weit weg? Hörst Du mich, Herr? Siehst Du mich? Gib mir ein Zeichen, damit ich weiß, ob mein Tun Dir gefällt!
Und mutloser werdend, wartete er.
Immer wieder blickte er zum Himmel auf. Nichts geschah.
Dann soll es so sein, dachte Henri.
Er hatte einen Plan gefasst.
Ferrand schrie herum. »Manuel ist verschwunden! Einfach so! Wie von der Erdoberfläche! Daran sind die verfluchten Juden schuld!«
»Mäßige dich, Ferrand! Was ist mit Manuel?«
»In den engen Gassen des Judenviertels soll seit zwei Tagen ein Unhold umgehen«, sagte der Franzose atemlos. »Direkt neben der Synagoge und dem Friedhof hat ihn einer gesehen. Man sagt, er habe Manuel ermordet. Und dein Lehrer, dieser Theophil, der über magisches Wissen verfügt, hat ihn geschaffen.«
»Du musst verrückt sein, Ferrand«, sagte Henri, »wenn du so etwas glaubst! Theophil ist doch gar nicht in der Stadt. Er reiste vor Tagen nach…«
»Oh ja! Ich weiß! Alles Ausreden. Der Rabbane aus Speyer ist ein übler Lump und Lügner. Er sitzt nachts in seinen Kellern, blättert in seinen Brevieren und ruft Geister und Dämonen an! Einer davon hat meinen Manuel getötet!«
Henri konnte nicht glauben, dass es einen solchen Dämon wirklich gab. Aber wer wusste schon, was in diesen Tagen alles geschah!
Wenig später flüsterte ihm ein Schüler zu, es gäbe tatsächlich ein künstlich erschaffenes Wesen. Die Juden munkelten, der Rabbi habe es aus einer unerwünschten, mit Henri verfeindeten Person geformt.
Henri konnte nicht fassen, was er da zu hören bekam. »Wer soll das sein? Das sind doch Ammenmärchen!«
»Weißt du nicht, Henri de Roslin, dass dein Widersacher Manuel falsche Anschuldigungen gegen uns Juden vorbereitet?«
Henri fragte entsetzt: »Weiß das inzwischen schon jeder?«
»Nein. Zum Glück nur einige Juden.«
»Und weiter?«
»Theophil hat dem einen Riegel vorgeschoben!«
Henri dachte: Dann hat er doch auf meine Warnungen reagiert. Aber er konnte die Geschichte mit dem künstlich erschaffenen Wesen nicht glauben.
»Ist der Rabbi wieder zurück?«, wollte Henri wissen.
»War er fort?«
Düstere Ahnungen überwältigten Henri. Er rannte zur Schule. Als er die Marmortreppen emporsprang, wusste er schon, dass er selbst tiefer verstrickt war in die jetzigen und in die folgenden Geschehnisse, als er wahrhaben wollte. Hatte er Manuel nicht selbst verdammt? Hatte er ihn nicht längst in effiegie erschlagen?
Theophil erwartete ihn. Er sah ihm ruhig entgegen. »Willkommen zur zehnten und letzten Lektion, mein Sohn!«
»Nein, nein, nein! Steht mir Rede und Antwort, Rabbi! Was ist in den letzten beiden Tagen geschehen! Ihr wart gar nicht verreist?«
»Henri, in dieser Schule wird nur gelehrt und gelernt! Für alles andere ist kein Platz. Setzt Euch und stört nicht die letzte Lektion.«
»Ich bin nicht bereit dafür, Theophil! Ich brauche andere Antworten!«
Der alte Rabbi seufzte. »Ihr selbst seid es, Henri de Roslin, der die Dinge ungünstig beeinflusst! Ihr habt den Unterricht nicht abgeschlossen, jetzt irrlichtern Eure halb ausgegorenen Gedanken umher wie Totenlichter in einem schottischen Hochmoor. Beruhigt Euch! Und hört die letzte Lektion an, damit wir die Sitzungen zu einem guten Ende bringen können!«
»Wir haben keine Zeit dafür, Theophil! Über uns braut sich das Unheil zusammen!«
»Du willst nicht bis zum Ende gehen?«
»Ich kann nicht! Ich muss handeln!«
Noch einmal seufzte der Rabbi. Dann sagte er: »Suche mich in einer Stunde noch einmal auf. Dann sind meine Vertrauten hier. Ich muss sie befragen, ob ich dir Rede und Antwort stehen darf!«
»Also in einer Stunde!«
Der Rabbi empfing ihn zur besprochenen Zeit im Kreis seiner Kabbalisten.
»Nehmt Platz, Henri de Roslin, weil Ihr ohne Arg gegen die Kinder Gottes seid«, sagte einer von ihnen.
Henri ließ seinen Blick über die Versammlung schwarz gekleideter, sich ständig vor- und zurückbeugender Männer gleiten, die ihren linken Arm bis zum Ellenbogen mit einem kreuzweise verschlungenen Lederband umwickelt hatten. Vor ihnen auf dem Boden lagen weiße, beschriftete Blätter. Er wusste längst, sie waren »das Volk des Buches«. Was er immer noch nicht wusste, war, ob ihr Glaube an die Magie des geschriebenen Wortes zu Recht bestand. Er hoffte, darauf jetzt eine Antwort zu erhalten.
»Ihr wisst, was mich interessiert, Rabbi«, sagte Henri. »Es ist die Sache mit dem Homunculus, die mir ein Scholar erzählt hat. Sie ist mir dringlich.«
»Was ist damit, Henri?«
»Man munkelt, er geht in den Nächten um. Man munkelt weiter, es sei eine untote Gestalt, der Ihr den Namen Eures Gottes auf die Stirn geschrieben habt. Und nun richtet dieses Wesen – wie soll ich es nennen – in der Stadt Schaden an, und gewisse Menschen, die ich kenne, beginnen damit, mir die Schuld daran zu geben. Ferrand klagt mich an, damit etwas zu tun zu haben. Denn – so sagtet Ihr mir selbst, Rabbi – der Unhold ist mein Feind. Es ist jener Manuel, der Schriftfälscher.«
»Ja.«
»Dann stimmt das also?«
Das Gebetsmurmeln in der Runde schwoll an, die Bewegungen wurden heftiger, man zerrte an den Gebetsriemen. Ein Anwesender sagte laut: »Es gibt den hintergründigen Sinn der Bibel, wir erforschen ihre Geheimnisse, das ist unser Streben. Wir verformen Menschen nicht zu Unholden – nicht wahr, Rabbi? Das wäre Satanswerk.«