Выбрать главу

Der Priester betete seit Stunden. Und er musste Fragen beantworten.

»Wenn wir jetzt Trinitatis feiern, sind die drei göttlichen Personen doch gleich gestellt. Bleibt diese Gleichheit auch danach noch bestehen?«

»Ja, mein Sohn. Trinitatis ist nur der Höhepunkt dieser Sichtweise. Wir glauben an die Dreieinigkeit Gottvaters. Wir beten gleichermaßen an Gott, Christus und den Heiligen Geist.«

»Zu jeder Zeit?«

»Jetzt und immerdar.«

»Amen.«

Henri beobachtete die gefährliche Stille an Bord mit Sorge. Der Beamte des Königshauses aus Segovia, der zu einem Prozess gegen Häretiker aus Frankreich zurückgerufen wurde, saß zusammengekauert unter dem Segeldach des Kapitäns. Ein junger Matrose aus Mahon schabte ungelenk mit Kohle seinen Namen auf einen Schal und wand ihn sich um den Hals. Einige Männer, die Empfindlichsten, waren unter Deck verschwunden und blieben dort.

Dann flaute der Sturm plötzlich ab. Henri besprach sich mit dem katalanischen Kapitän, und gemeinsam gingen sie auf dem Deck herum und sprachen den Matrosen Mut zu.

Aber am Ende der Nacht, noch war alles schwarz, zeigte die See wieder eine beunruhigende Seite. Ringsherum starrten plötzlich phosphoreszierende, grüne Augen aus dem Wasser auf das Schiff. Es leuchtete und blinkte. Ständig bewegte sich etwas im Wasser, stumpf oder leuchtend, tauchte empor, schmatzte und verschwand, Köpfe erhoben sich und zogen sich wieder zurück. Die Vorstellung, welche Ungeheuer direkt unter dem dünnen Plankenboden des Schiffes herumschwammen, sich vielleicht in ebendiesem Moment daran festsaugten, um es zu vernichten, ließ manchem hart gesottenen Seemann Schnee über den Nacken rieseln.

Danach starrten die Männer wieder hinaus, wo sich schwarzes Wasser mit tintenschwarzem Himmel verschwisterte. Es war tief in der Nacht, und das Schiff lief völlig ohne Kontakt zur bekannten Welt in die Dunkelheit hinaus. An Schlafen dachte niemand. Die meisten Sterne lagen hinter dicken Wolken. Und der Mond war längst verschwunden, der Nachen seiner weißen Sichel in einen unbekannten Hafen eingelaufen.

Der Navigator beschäftigte sich wieder mit seinen Instrumenten, aber sein Gesicht drückte Ratlosigkeit aus. Und die übrigen Männer starrten hinaus, um etwas zu erkennen. Sie lasen, soweit sie es vermochten, den Stand von Georgsharfe, Pegasus, Tigerthier und Berg Maenalus vom Himmel ab, jedes kleinste, sichtbare Ereignis wurde begierig aufgenommen. Jedes winzige Zeichen, konnte entscheidend sein und musste gedeutet werden.

Dies war der Zeitpunkt, an dem sich die Männer, um wieder zu Verstand zu kommen, fragten, woran sie eigentlich glaubten. Henri de Roslin lauschte ihren lebendigen, kehligen Stimmen mit den Akzenten der provenzalischen Küstenregionen, im Brüllen des Meeres und im Schweigen unter diesem befremdlichen Himmel.

Als der Morgen graute, gab es die Karavelle immer noch. Der Priester sprach ein Dankgebet. Selbst die verletzte Seeschwalbe flatterte umher.

Aber noch bevor die Seeleute sich darüber klar werden konnten, warum die spanische Küste unter der aufgehenden Sonne nicht in Sicht kam, nahm der Sturm ohne Vorwarnung wieder zu. Eben noch war das Meer in fast völliger Windstille ölig glatt gewesen. Jetzt sah es grauschwarz aus wie verdorbener Fisch. Ein heimtückischer Wind kroch in Gegenrichtung zum Schatten der am Bug angenagelten Sonnenuhr aus Nordosten nach Südwesten. Der Kapitän war erfahren genug, um zu wissen, dass ein solcher Wind in diesen Breiten einen weiteren gefährlichen Sturm ankündigte. Man beobachtete die Wetterinstrumente.

Der Kapitän vertraute sich Henri an. »Die Wetter laufen gewöhnlich von links nach rechts. Ein trockener Sturm immer, nur ein nasser Sturm in Ausnahmefällen nicht. Dies hier ist so ein verdammter Ausnahmefall!«

Ein Matrose, der neben Henri an der Reling stand, brachte es auf den Punkt: »Es ist ein kranker Wind!«

Der Himmel bedeckte sich, aus dem Meer erhob sich plötzlich ein lautes Brüllen. Die Wasseroberfläche raute auf, als drängten Millionen von Tieren aus dem Meeresgrund herauf ans Licht. Wasserberge türmten sich erneut auf, bauten sich himmelhoch hinter der Karavelle auf und stürzten als Brecher auf sie, um das Schiff zu begraben. Der Abstand, in dem die Wellen kamen, wurde immer kürzer; sie schlugen aufeinander, die zurückrollenden Wellen brachen sich auf den nachdrängenden. Und mittendrin die Karavelle, die nur eines schaffen konnte – nicht querzuschlagen. Alle Matrosen kämpften verbissen dagegen an.

Eine volle Breitseite traf die Karavelle in einem Moment, als die Besatzung an Luv mit der Beseitigung des Wasserschadens beschäftigt war. Das Schiff wurde nach links geschleudert. Nur das beherzte Emporklettern der gesamten Besatzung auf dem sich schon gefährlich neigenden Deck verhinderte das Leckschlagen. Die Karavelle schwankte einen Moment lang zwischen Umkippen und Schwimmen, konnte sich nicht entscheiden – und senkte sich ächzend wieder.

Als die Mannschaft danach durchgezählt wurde, fehlten vier weitere Männer.

Vor ihnen schien nun ein Höllenschlund zu liegen, aus dessen aufgerissenem Rachen heißer Atem und üble Gerüche kamen. Beides fuhr in das Meer und wühlte es wütend auf. Heulend tobte der heiße Atem in der Takelage. Die erfahrensten Seeleute kannten diese Geräusche, sie waren gewohnt, die Stärke eines Sturmes danach zu beurteilen. Ein Heulen bedeutete Sturm. Wenn der Wind sich aber der Orkanstärke näherte, dann schrie er.

Er schrie.

Würde man jetzt den Wracks all jener Schiffe begegnen, die an der Stätte des kranken Windes schon vor ihnen zerschellt waren? Oder traf man sie unversehrt jenseits der Wetterbarriere, im neuen Glanz des unwirklichen Lichtes einer anderen Welt, von der die Schriftkundigen und Geistlichen erzählten?

Henri wünschte sich, die Geheimnisse der Kabbala schon jetzt zu kennen. Denn wenn es stimmte, dass einem die Menschen und die Dinge zu Willen sein mussten, sobald man ihren wahren, ihren geheimen Namen kannte und Buchstabe für Buchstabe aussprach, dann würde er die Unwetter bändigen. Er würde sagen: »Sturm!« Und der Sturm würde ihn anblicken und ergeben auf seine Befehle warten. Henri schüttelte den Kopf. Nein, so einfach war es sicher nicht. Daran glaubten nur die Narren und die Hexen. Vielleicht stimmte überhaupt nichts von dem, was die Kabbalisten behaupteten und was Joshua ben Shimon ihm erzählt hatte.

Aber seine Gefährten Joshua und Uthman hatten die Geheimzeichen der Steinmetze am Donjon des Königssitzes in Fontainebleau gedeutet und damit für ihn den Fluchtweg geöffnet! Sie hatten den wahren Namen der Mauern gekannt und beschworen!

Henri blieb ruhelos. Er vernahm die ganze Nacht über die monoton murmelnde Stimme des Priesters, der sein ganz persönliches Trinitatis zu feiern schien. »Die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den Geist… Er hat die Welt so geliebt… so geliebt… dass er seinen einzigen Sohn hingab. Deshalb glauben wir an Deine Herrlichkeit und bekennen es ohne Unterschied auch von Deinem Sohn, das bekennen wir vom Heiligen Geist…«

Was niemand im Grab seiner hämmernden Herzschläge und der endlosen, todbringenden Minuten sich vorstellen konnte: Auch diese Nacht, wie alle Nächte, hatte schließlich ein Ende.

Es wurde Tag.

Der Sturm ließ nach, obwohl Henri seinen wahren Namen nicht kannte und nicht ausgesprochen hatte.

Die Sonne stach nun derart nieder, dass das Pech in den Planken zu schmelzen begann. In schwarzen Perlen, die in der Sonne schimmerten, trat es aus den Fugen. Die Planken rissen auf, Zwischenräume drohten zu entstehen.

Schnell wurde Pech angerührt, die Flammen unter der Pfanne qualmten und verwehten, verlöschten aber nicht.

Im schwarzen Qualm des Dichtungsmaterials, den der Wind herumwirbelte, sahen die Männer plötzlich, wie sich das Meer mit weiß brodelnder Gischt bedeckte. Sie stürzten nach vorn. Unter dem Kiel kochte eine milchweiße Suppe. Das hatten ihnen die Alten immer wieder für das Weltende dieses Jahres vorhergesagt. Die Meere würden zu sieden beginnen! Jetzt erfüllten sich die Prophezeiungen.