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Sie wirkten unverändert seit Urzeiten, wie in den Büchern beschrieben und gezeichnet. Die lebendige Prozession der Väter.

Es wurde ganz still. Nur die Boten des Windes flüsterten sich in den Bäumen zu, dass der Hochbetagte eingetroffen war.

Henri sah, wie die Ornate der würdevollen Gestalten in der Abendsonne ebenso glänzten wie die mächtigen weißen Vögel, die in diesem Moment draußen auf dem See ihr Gefieder im milden Abendwind trockneten. In der Mitte der Männer bewegte sich ein ehrwürdiger alter Mann in einem goldenen Umhang. Und zogen mit ihm nicht die Wesen, die der Priesterkönig in dem Brief beschrieben hatte, den er dem Papst schickte und den Henri beinahe auswendig kannte? Jene weißen und roten Löwen, wilden Pferde und wilden Menschen, Menschen mit Augen vorn und hinten, Zentauren, Satyrn, Pygmäen, Riesen von vierzig Ellen Höhe, Zyklopen, der Vogel Phönix und fast alle Tierarten, die unter dem Himmel lebten?

Nein, das konnte nicht sein. Aber sie brachten Widder und Ziegenbock mit, und in ihrer Mitte schritten wunderschöne Quttu-Frauen und scheue Mädchen der Afar, Bumé-Frauen im schweren Kettenschmuck, Hirtenjungen von den Oromo und weise Alte aus den Steppen von Erer Gota. Schien nicht sogar Menelik in ihrer Mitte? Er brachte die Bundeslade mit den mosaischen Gesetzen aus dem Tempel von Jerusalem in sein neues äthiopisches Reich.

»Siehst du das alles, Uthman?«, flüsterte Henri.

»Ich sehe ein paar Priester und Bettelmönche.«

Henri rieb sich die Augen. Die Vision fiel von ihm ab. Draußen gingen Bettelmönche vorbei.

Irgendetwas hatte von ihm Besitz ergriffen. Er hatte phantasiert. Das machte die magische Stimmung auf dieser Insel.

Inzwischen war es dämmrig geworden. Der Junge kam von draußen herein und sagte missmutig: »Ihr müsst zu den Booten, geht!«

»War dies der Priesterkönig Johannes?«, fragte ihn Henri und deutete mit dem Finger nach draußen.

»Das ist ohne Bedeutung«, antwortete der Junge. »Was sind schon Namen? In jedem Stein sitzt Gott.«

Von draußen ertönten in diesem Moment ein Trillern und Klänge eines fremden Chores. Man trat hinaus, die Sonne stand schon tief am Horizont. Die ganze Landschaft hatte ein Festkleid aus Licht und Klängen angelegt. Die Prozession war nicht zu sehen.

Aber aus dem Inneren von Debra Mariam drang jetzt Licht von flackernden Öllampen heraus. Schatten gingen an der Decke entlang, es waren die Umrisse alter Männer, die im Kreis saßen.

Henri fragte, was sie tun müssten, um auf der Insel bleiben zu können. Der Junge schüttelte den Kopf. Henri wollte ihm Geld geben. Aber der Junge zeigte kein Interesse.

Sie mussten die Insel verlassen. Die Mönche eskortierten sie.

Entlang des Weges bis hinunter zum Wasser bemerkten sie jetzt Steine. Sie schienen aus ihrem Inneren heraus zu leuchten. Sie markierten den Pfad, den sie zu gehen hatten.

Henri hatte das Gefühl, in eine andere Zeit eingetaucht zu sein. Als es schlagartig dunkel wurde, beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Kein Mond beleuchtete die Insel, keine Fackel war zu sehen. Nur die Steine am Wegesrand leuchteten matt und geheimnisvoll.

Sie erreichten ihr Boot. Die Ansiedlung der Mönche verschwand in der Nacht wie eine Einbildung.

»Sollen wir weiter suchen?«

»Was meinst du?«

»Unbedingt!«

Die Provinz, durch die Henri und Uthman, jetzt wieder allein auf sich gestellt, zu ziehen beschlossen, hieß Woggora. Mal tauchten spitze Kegel vor ihren Blicken auf, mal wahre Pyramiden aus Stein und Geröll, die wie umgedreht in den steinigen Boden gerammt waren. Am Rand von Trampelpfaden, auf die ihre Pferde die Hufe setzten, fielen ihnen Ruinen auf, die aus Bruchstein bestanden, auf dem Hieroglyphen zu erkennen waren. Uthman wollte absteigen, um sie zu entziffern. Aber Henri drängte darauf, weiterzureiten.

»Lass uns in die Hauptstadt ziehen. Wenn wir den Priesterkönig dort nicht finden, verlassen wir das Land.«

»Vielleicht gibt es einen Priesterkönig ebenso wenig«, sagte Uthman, »wie es eine Hauptstadt gibt. Besser gesagt – er ist überall. In jedem Stein, wie der Junge sagte. Das habe ich auf dieser Klosterinsel gelernt.«

»In der Hauptstadt werden wir darauf eine Antwort erhalten«, meinte Henri. »Ich habe das Gefühl, dort finden wir auch unser gemeinsames Andenken, das wir mitnehmen wollen.«

»Also gut.«

Nach den Ruinen, die sie passiert hatten, öffnete sich der Weg, begann anzusteigen und ließ Überbleibsel einer alten gepflasterten Heerstraße erkennen. Die Sonnenglut wurde mit jedem Tag, den sie ins Landesinnere vorstießen, größer, sodass sie bald in der Mittagshitze rasten mussten und erst gegen Abend weiterziehen konnten. Tief in der Nacht schlugen sie dann ihr Lager auf.

Die Nächte waren erfüllt vom Geschrei der Affen und dem Duft des Jasmins. Henri musste immer öfter an seine gefangenen Tempelbrüder in der Heimat denken, und er sah Uthman an, dass dieser sich nach Cordoba zurückträumte, das er – neben Mekka – für die alleinige Hauptstadt der bekannten Welt hielt. Aber Henri ahnte, dass diese Reise für sie beide wichtig war. Irgendwie befanden sie sich auf einer vorgezeichneten Spur.

Aber wohin führte sie diese Spur?

Suchten sie wirklich noch nach dem Priesterkönig Johannes, von dem sie auf der Insel eine Ahnung bekommen hatten? Warum reichte ihnen diese Erfahrung nicht? Ging es jetzt nicht vielmehr um ein Zeichen für ihre Freundschaft?

In den traumerfüllten Nächten unter freiem Himmel mit all den blinkenden weißen Sternen beschlich Henri zunehmend das Gefühl, die Reise ginge vor allem in das Innere seiner eigenen Seele hinein. In das Befremdliche, das ihrer aller Existenz ausmachte. Zu den dort lauernden Grundfragen. Und er selbst war es, der diesem Befremdlichen in diesem seltsamen Land unter dem niedrigen Himmel den Namen Priesterkönig Johannes gegeben hatte.

Henri sah zu Uthman hinüber. Der Sarazene hielt die Blicke zum Himmel gerichtet.

»Uthman?«

»Ja?«

»Es ist seltsam. Ich dachte, mit dieser Reise könnte ich die Schlachten im Heiligen Land vergessen, das Grauen in Frankreich. Aber nun treten sie mir deutlicher vor Augen denn je. So als sei Äthiopien ein Spiegel, in dem wir und unsere Taten immer schärfer und größer hervortreten.«

»Es geht mir ähnlich. Ich kann nichts davon abschütteln, es rückt immer nur näher.«

»Ich muss mir Rechenschaft geben, was ich getan habe.«

»Willst du von den Gräueln erzählen, die du erlebt hast? Vielleicht wirst du die Bilder dann los.«

»Vielleicht… ach, ein anderes Mal.«

Am nächsten Tag erreichten sie eine größere Ansiedlung. Sie beschlossen, sie nicht zu umgehen.

In den strohbedeckten, kegelförmigen und flachen Häusern aus Lehm herrschte reges Treiben. Die Einwohner kauften alles Notwendige mit selbst hergestellten Dingen. Statt mit Münzen bezahlten sie mit Glasknöpfen für Gebetsbänder, blau gefärbtem Tuch, Obsidiannadeln, flachen Salzfladen und mit Weihrauch. Sie waren freundlich und schienen unterschiedlichen religiösen Bräuchen anzuhängen. Die Frage nach dem Priesterkönig Johannes verstanden sie nicht.

In den nächsten Tagen zogen Henri und Uthman an Dörfern vorbei, die an Bergen aufgehängt schienen. Manche reichten bis über die Wolken. Einzelne Männer in gelben Lumpen mit gelben Kapuzen begegneten ihnen in der Höhe. Es waren sich kasteiende Mönche eines nahen christlichen Klosters, die das karge Land beackerten.

Mit einem weißen Flimmern in der Luft wie vom Flügelschlag eines riesigen Vogelschwarms kündigte sich danach in der Ferne eine Stadt an. Henri und Uthman konnten sich das Phänomen nicht erklären. Beim Näherkommen wurden die seltsamen Wesen in der Luft nicht deutlicher, sondern schienen sich zurückzuziehen. Sie passierten den von Zitronenbäumen gesäumten Fluss Ingeohha, der in der Ebene entsprang und nach seinem Lauf durch tiefe Schluchten in ein Becken mündete. Dort lag die Stadt, deren Namen sie jetzt erfuhren. Es war Adi Ugri.