»Aber wie kommen wir dann nach Carcassonne?«, wollte Henri wissen.
»Ihr müsst noch einmal in die Berge. Weicht aus über diesen Pass dort. Es ist der einzige Weg, der in den Bergen von West nach Ost führt, und die Räuber benutzen ihn bestimmt nicht, denn dort bewegt sich sonst niemand vorwärts, der über die Pyrenäen heruntergekommen ist. Nehmt den Pass!«
»Noch einmal in die Berge?«, sagte Joshua zweifelnd.
»Aber es ist sonst zu gefährlich«, beharrte der Alte.
»Wir müssen diesen Weg nehmen, um die Räuber zu umgehen«, meinte auch Uthman. »Wir können uns ein Scharmützel nicht leisten. Schon jetzt haben wir Schwierigkeiten, den Spuren Ferrands zu folgen.«
»Wir werden sie gänzlich verlieren, wenn wir den Umweg nehmen. Denn Ferrand wird Räubern nicht ausweichen.«
Henri blickte Joshua an. »Ich denke, auch Ferrand wird keine Schlacht mit Wegelagerern riskieren. Wir werden seine Spur nicht verlieren.«
Die nächste Nacht verbrachten sie in schlechter Stimmung. Denn es war in der Höhe wieder eiskalt, und nach den warmen Temperaturen in der Ebene spürten sie das besonders.
Zwei Tage lang zogen sie in halber Höhe durch ein Gelände, das karg und einsam war. Aber jeden Abend erreichten sie ein kleines Dorf von Bergbauern, in dem es Trinkwasser, Brot und Käse gab und obendrauf noch Erklärungen über den genauen weiteren Weg. Und sie erfuhren, dass auch Ferrand und seine Männer vor ihnen die gleiche Strecke geritten waren.
Wie Henri vorausgesagt hatte, verloren sie die Spur Ferrands nicht. Sie folgten ihr jetzt langsam, ohne die eigentliche Absicht, den Franzosen in den unübersichtlichen Bergen einzuholen. Denn sie waren übereingekommen, dass es besser wäre, ihn in der Ebene zum Kampf zu stellen.
»Dort gibt es eine offenere, ehrlichere Kampfstrategie«, hatte Henri gemeint, »ich hasse Hinterhalte.«
Am dritten Tag stiegen sie hinunter in flaches Land. Sie erreichten einen blühenden Hain mit fremdartigen Stauden und wussten, dass es ihnen gelungen war, die Räuberbande zu umgehen.
Und dann, es war ein milder, duftender Sommerabend, standen sie urplötzlich Ferrand und seinem Haufen gegenüber.
Jetzt bewiesen die beiden jungen Kämpfer in Uthmans Begleitung, die sich bisher scheu und zurückhaltend gezeigt hatten, was in ihnen steckte. Bevor Henri auf das unerwartete Auftauchen seiner Feinde reagieren konnte, hatten die Sarazenen gehandelt. Sie gaben ihren Pferden die Zügel und preschten zu beiden Seiten davon. So eine Zange bildend, waren sie bald hinter Waldstücken verschwunden. Und Henri bemerkte, wie Ferrands Männer unruhig wurden, ihre Reittiere bäumten sich auf. Dann kam der Haufen auf sie zu.
Jetzt begriffen die Gefährten auch, warum sie Ferrand ausgerechnet hier begegneten. Die Flucht des Franzosen war durch eine Attacke von unbekannter Seite gestört worden. Denn hinter dem Hügel tauchten in diesem Moment mehrere Reiter auf, die Ferrands Männer zu verfolgen schienen.
Die Freunde berieten sich kurz. »Ferrand sitzt in der Falle. Aber wer sind die anderen?«, rief Uthman.
»Lassen wir sie näher herankommen«, sagte Henri. »Joshua, halte dich hinter uns! Uthman und ich, wir werden sie empfangen.«
Mit gezückten Kurzschwertern, von denen Uthman vier im Gürtel hatte, richteten sich Henri und der Sarazene auf die anstürmenden Gegner aus. Sie sahen, wie ihre beiden jungen sarazenischen Gefährten auf Hügeln zu beiden Seiten auftauchten. Sie zügelten ihre Pferde und zögerten mit dem Angriff. Offenbar wussten sie nicht, wen sie angreifen sollten, und als die Verfolger Ferrands näher kamen, begriff Henri sofort, warum. Es waren wüste Gestalten, ebenso wild und verwahrlost wie Ferrands Leute.
»Sie sind vom gleichen Kaliber«, rief Henri Uthman zu. »Wenn sie sich verbünden, können wir einpacken.«
»Sie werden Ferrand nicht ohne Grund verfolgt haben!«
Erst jetzt schien Ferrand de Tours begriffen zu haben, auf wen er und seine Männer zuhielten. Sie stoppten jäh ihre Pferde, Sand spritzte auf, die Pferde schnaubten und stiegen mit den Vorderhufen empor.
»Jude!«, schrie Ferrand. »Du bist es! Habe ich dich immer noch in meinem Pelz!«
»Ferrand, gib auf!«, rief Henri zurück. »Du sitzt in der Falle.«
Ein Hohnlachen war die Antwort. Ferrand gab seinem Tier die Sporen und raste auf Henri zu. Hinter ihm her preschte die wilde Meute seiner Gesellen. Henri sah aus den Augenwinkeln, dass die beiden jungen Sarazenen sich klug verhielten. Sie setzten sich zwischen Ferrands Leute und ihre fremden Verfolger und hielten sie auf.
»So ist es richtig«, knurrte Henri. »Immer eins nach dem anderen.«
Er hob das Schwert höher.
Ferrand preschte auf ihn zu, er schwang ein Langschwert und holte jetzt weit aus. Als er neben ihm war, schlug er zu. Henri rollte sich im letzten Moment zur Seite und entging dem Schlag. Als Ferrand wendete und erneut heranpreschte, hatten Henri und Uthman Feinde an zwei Fronten. Henri wischte einen Angreifer vom Pferd, der blieb regungslos auf dem Boden liegen. Uthman war in seinem Element, er focht mit zwei Schwertern in beiden Händen und mähte die Angreifer förmlich nieder. Henri musste noch einmal zur Seite springen, als Ferrand kam, aber diesmal duckte er sich nur. Und er griff nach dem Feind, noch während dieser, für einen Moment schutzlos, vom Schwung des Schwerthiebes weiter getrieben, ihm den Rücken zukehrte.
Henri ergriff das Panzerhemd Ferrands und riss den Feind vom Pferd. Ferrand fiel, aber er ließ das Schwert nicht fallen.
Henri stand ihm nun im Zweikampf gegenüber. Und noch während Uthman weiter Hieb um Hieb führte und die beiden jungen Sarazenen in der Ferne mit Ferrands Verfolgern verhandelten, führte Ferrand den ersten Schlag.
Der Franzose verstand sein Handwerk. Seine Hiebe mit dem mächtigen Schwert fielen dicht, und er legte dahinter solche Wucht, dass Henri, der kein Schild besaß, sie nur mit Mühe parierte. Henri wusste, gegen diese mächtige Waffe hatte er nur eine Möglichkeit, wenn die Kraft des Kämpfers erlahmte. Er hatte es im Heiligen Land oft genug erlebt, wie überlegene Gegner von listigen geschlagen worden waren. Also kämpfte er abwartend, schnell, gewitzt. Und parierte die furchtbaren Schläge ausdauernd.
Dann kam sein Moment.
Während Uthman im Hintergrund mit den letzten beiden Söldnern rang, sich das Blut aus dem Gesicht wischte und erneut Kampfposition einnahm, merkte Henri, wie Ferrand langsamer wurde.
»Nun, Judenhasser, jetzt kommt die Stunde der Abrechnung!«
Ferrand heulte auf. In grenzenlosem Hass sprang er auf Henri zu und hieb auf ihn ein, offenbar noch immer im Vollbesitz seiner Kräfte. Henri schien sich getäuscht, seinen Gegner unterschätzt zu haben, denn der focht weiter wie ein Berserker.
Aber dann, nach einem weiteren, furchtbaren Hieb, senkte Ferrand plötzlich das Schwert. Er rammte es in den Waldboden und stützte sich darauf. Keuchend blieb er stehen, sein schweißüberströmtes Gesicht war bleich. Er war am Ende.
Henri ging langsam auf ihn zu. Er wusste, Ferrand würde bis zum letzten Moment ein wildes Tier bleiben. Und tatsächlich versuchte es Ferrand noch einmal. Mit einem Schrei riss er das Schwert empor und ließ es auf Henri niedersausen. Aber der war gewarnt. Er sprang zur Seite, gelangte in Ferrands Flanke, und während der vom Fehlhieb mitgerissen nach vorn taumelte, schlug ihm Henri mit der flachen Seite seines Kurzschwertes in die Beine.
Ferrand stürzte wie ein gefälltes Monument zu Boden. Seine Rüstung auf Brust und Gliedern rasselte und krachte.
Seine Waffe entglitt seinen Händen. Und dann stand Henri über ihm und setzte sein Schwert an die Kehle des Todfeindes.
In diesem Moment hörte Henri einen Warnruf Uthmans. Aber er kündigte keine Gefahr an, sondern galt allein ihm.