»Auf keinen Fall!«, protestierte Dr. Nasr sofort. »Sie sind jetzt schon in Panik, und eine solche Entscheidung würde das Ganze nur noch schlimmer machen.«
»Also gut«, wiederholte er und gab sich Mühe, gelassener zu klingen, als er es in Wahrheit war. »Dann sollen sie alle im Hangar bleiben. Sagen Sie den Leuten von Midway, sie sollen sofort eine Nachricht an ihre Vorgesetzten schicken, ob sie alle befreiten Gefangenen mitnehmen dürfen. Und der Leitende Offizier für den Hangarbereich soll Essen und Getränke für alle zur Verfügung stellen, die etwas brauchen. Und die Wachen sollen auf ihren Posten bleiben.«
»Ja, Admiral. Ich werde Ihre Anweisungen weitergeben.«
Während sich Dr. Nasr an die Arbeit machte, betrachtete Geary kopfschüttelnd und frustriert die Bilder, die von der Haboob übertragen wurden. Einige der Gefangenen waren inzwischen in Tränen ausgebrochen und klammerten sich aneinander. »Ich weiß ja, dass diese Leute nach der langen Gefangenschaft seelische Wracks sind, aber müssen sie sich denn im letzten Moment noch anders entscheiden und es für uns umso schwieriger machen?«
»Wie Sie schon sagten«, entgegnete Tanya. »Es sind seelische Wracks. Aber Ihnen ist doch klar, dass das auch etwas Gutes hat, oder?«
»Das hat auch etwas Gutes?«, fragte er und betrachtete weiter das Chaos an Bord der Haboob, das nur langsam in geordnete Bahnen zurückkehrte.
»Aber natürlich. Wenn wir sie alle hier absetzen, sind wir dieses Problem los, und Midway muss sich um die Leute kümmern.«
Er hielt kurz inne, dann begann er zu lächeln. »Stimmt. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, wie wir sie vor den Forschern der Allianz und vor den Aasgeiern der Medien beschützen sollten, wenn wir sie mit zu uns nehmen. Aber so haben wir sie befreit und alle zusammen nach Hause gebracht. Wir haben das Richtige getan, ein Lob auf uns. Was machen Sie da?«
»Ich will mir etwas ansehen.« Tanya tippte etwas auf ihrem Display, dann zoomte sie einen virtuellen Tonausschnitt jener Allianz-Offiziere heran, die sich mit der Pilotin unterhalten hatten. »Das ist eine Aufnahme exakt vor dem Moment, als unsere Ex-Gefangenen ausgeflippt sind. Ich will wissen, was diese Offiziere von ihrer Unterhaltung mit dieser Ex-Syndik halten.«
»Wieso?«
»Weil ich die Antwort nicht weiß, und weil ich sie herausfinden möchte, Admiral, Sir.« Sie gab die letzten Befehle ein. Die Offiziere hatten sich leise unterhalten, was es normalerweise sehr schwierig machte, etwas von den Gesprächen mitzubekommen. Da aber die Tonsysteme des Schiffs automatisch alles analysierten und jede einzelne Stimme digital isolieren konnten, entstand eine Abfolge von Sätzen, die für Geary und Desjani klar und deutlich zu verstehen waren.
»Lakota war so schlimm?«
»Noch schlimmer.«
»So wie Kalixa?«
»Noch schlimmer.«
»Was war das mit Taroa? Sollten wir das nicht melden?«
»Die haben ihre eigenen Polizisten als Schlangen bezeichnet?«
»Nicht einfach Polizisten. Sie sprach von einer Geheimpolizei oder so.«
»Vielleicht hat sie ja gelogen.«
»Dann war sie aber die beste Lügnerin, die ich je erlebt habe.«
»Wie konnten die nur glauben, dass wir angefangen haben?«
»Miststück.«
»Sie hat ihren Bruder verloren.«
»Das hab ich auch!«
»Wir trauen doch unseren eigenen Politikern auch nicht über den Weg, richtig?«
»Auf keinen Fall!«
»Syndiks sind noch schlimmer, das weiß jeder.«
»Vielleicht ist unsere Regierung doch gar nicht so schlecht.«
»Jedenfalls nicht, wenn man sie mit den Syndiks vergleicht.«
»Das einzig Gute, was die Syndiks für sich in Anspruch nehmen können«, sagte Desjani, als die Aufnahme mit dem abrupten Einsetzen der Panik der befreiten Gefangenen endete, die solchen Lärm verbreiteten, dass die Tonsysteme nichts anderes mehr herausfiltern konnten. »Die Allianz steht in jeder Hinsicht wie ein strahlender Sieger da, wenn man sie mit den Syndiks vergleicht.«
»Das ist etwas, woran ich bislang nicht gedacht habe«, räumte Geary ein. »Wir haben auf dieser Mission einmal das Syndik-Territorium durchquert, und das Gleiche machen wir auf dem Rückweg auch wieder. Das Personal dieser Flotte erlebt aus erster Hand, was geschieht, wenn die Syndikatwelten zerfallen. Sie bekommen vor Augen geführt, wie schlimm die Verhältnisse unter den Syndiks waren. Das heißt, sie können über die Allianz-Regierung denken, was sie wollen, sie können mit unserer Regierung und unseren Politikern noch so unzufrieden sein – hier bekommen sie vor Augen geführt, wie viel schlechter es ihnen ergehen könnte.«
Desjani verdrehte die Augen. »Es ist nicht gerade ein Lob für unsere Regierung, wenn man sagt, sie ist immer noch besser als die der Syndiks. Alles ist besser als die Syndiks. Und die Behauptung, unsere Politiker sind besser als die Syndik-CEOs, könnte einigen Widerspruch auslösen.«
»Politiker sind nicht alle gleich. Sehen Sie sich doch nur einige von den Sternensystemen an, über die die Syndiks die Kontrolle verloren haben«, wandte Geary ein. »Die Leute in Midway hatten Glück.«
»Vielleicht hatten sie Glück. Bislang ist hier nichts im Zerfall begriffen, aber das heißt nicht, dass es auch so bleibt. Sie haben diese Frau gehört, diese Shuttle-Pilotin. Wir sind frei, hat sie gesagt. Was glauben Sie, wie lange sie und andere, die fühlen wie sie, noch bereit sein werden, ihre Befehle von ehemaligen Syndik-CEOs entgegenzunehmen?«
»Das hängt davon ab, was diese ehemaligen CEOs tun«, antwortete Geary. »Präsidentin Iceni hat Rione sehr viele Fragen zu den verschiedenen Regierungen innerhalb der Allianz gestellt. Sie hat sich erkundigt, wie man die allgemeine Ordnung wahrt, wie stabil diese Regierungen sind und wie man das Volk hinter sich bringt.«
»Sie lässt sich von der Hexe Ratschläge geben, wie man ein guter Politiker wird? Oder meint Iceni, dass sie von dieser Frau erfahren kann, wie man sich zum Diktator aufschwingt?«
»Tanya, Victoria Rione mag noch so viele Fehler haben, aber sie glaubt fest an die Allianz.«
»Sie mögen vielleicht glauben, dass das ihre Fehler wettmachen kann, aber ich glaube nicht daran.«
Seufzend stand er auf. »Also gut. Die nächsten fünf Stunden können wir nichts anderes tun als abwarten, ehe wir erfahren, was Iceni zu der veränderten Situation sagt.«
»Nichts anderes zu tun?«, wiederholte Desjani und erhob sich ebenfalls von ihrem Platz. »In welcher Welt leben Sie?«
»In meiner persönlichen Traumwelt«, gestand er ihr. »Ich weiß, es gibt noch genug zu tun.«
»Das ist mein Admiral«, sagte sie und wischte eine imaginäre Fluse von seiner Schulter. »Mir fehlt mein Ehemann.«
»Ihrem Ehemann fehlt seine Ehefrau auch.«
»Ich hoffe, der Admiral bringt uns bald nach Hause, damit wir gemeinsam ein wenig Zeit verbringen können, weit weg von meinem Schiff und seinem Flaggschiff. Ein wenig dienstfreie Zeit.« Sie trat einen Schritt nach hinten und lächelte flüchtig. »Ich bin auf der Brücke, Admiral.«
»Und ich bin in meinem Quartier, Captain.«
Fünf Stunden und zehn Minuten später ging eine Nachricht von der Haboob ein. »Midway sagt, sie nehmen alle Leute auf«, berichtete Dr. Nasr und wirkte so glücklich wie schon seit Monaten nicht mehr.
Das war schnell gegangen. Iceni konnte nicht viel Zeit damit verbracht haben, über diese Entwicklung nachzudenken. Ist sie wirklich an diesen Leuten und an ihrem Schicksal interessiert? Oder sieht sie in ihnen eine Informationsquelle über die Enigmas, damit sie etwas gegen die Syndik-Regierung und gegen andere Sternensysteme in der Hand hat? Je mehr, umso besser?
Aber diese Leute sind keine Gefangenen. Wir haben sie aus der Gefangenschaft befreit. Sie haben von sich aus verkündet, dass sie die Flotte hier bei Midway verlassen wollen, und Midway hat sich einverstanden erklärt, sie aufzunehmen. Bleibt mir eine andere Wahl, als darauf zu hoffen, dass Iceni sie gut behandelt?