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»Ein bisschen. Hab gestern einen über den Durst getrunken.«Ich war die Reue selbst.

»Anton, ich hatte Sie doch gewarnt… Na, kommen Sie erst mal rein…«

Ich trat ein, schloss die Tür hinter mir - selbst darüber machte sich die Frau keine Gedanken. Während ich die Jacke auszog, sah ich mich rasch um, und zwar sowohl in der gewöhnlichen Welt wie auch im Zwielicht.

Billige Tapeten, ein fadenscheiniger Teppich, alte Stiefel, eine Deckenlampe mit schlichtem durchbrochenem Glasschirm, ein Funktelefon an der Wand, ein billiges Ding aus China. Bescheiden. Sauber. Gewöhnlich. Was bestimmt nicht daran lag, dass die Tätigkeit als Bezirksärztin nicht viel Geld brachte. Eher sehnte sie sich wohl gar nicht nach Behaglichkeit. Schlecht… sehr schlecht.

In der Zwielicht-Welt machte die Wohnung einen etwas besseren Eindruck. Keine ekelhafte Flora, keine Spuren des Dunkels. Abgesehen natürlich von dem schwarzen Strudel. Er dominierte alles… Ich sah ihn in seiner vollen Größe, vom Stängel, der sich über dem Kopf der jungen Frau drehte, bis hin zur Blüte, die in einer Höhe von dreißig Metern thronte.

Ich ging hinter Swetlana her in das einzige Zimmer. Hier war es immerhin etwas gemütlicher. Das Sofa - oder besser: das Eckchen unter einer altmodischen Stehlampe - schimmerte in warmem Orange. Über zwei Wände zogen sich, sieben Reihen hoch, Bücherregale… Klar.

Allmählich fing ich an, sie zu verstehen. Nicht nur als Objekt meiner Arbeit, nicht nur als mögliches Opfer des geheimnisvollen Dunklen Magiers, nicht nur als unfreiwillige Ursache einer Katastrophe, sondern als Menschen. Eine Leseratte, introvertiert und mit Komplexen beladen, voll komischer Ideale und einem kindlichen Glauben an den schönen Prinzen, der sie sucht und unweigerlich finden würde. Die Arbeit als Ärztin, ein paar Freundinnen, ein paar Freunde und sehr, sehr viel Einsamkeit. Gewissenhafte Arbeit wie nach dem Kodex für die Erbauer des Kommunismus, ab und an ein Besuch in einem Café, selten verliebt. Abende, einer wie der andere, verbracht auf dem Sofa, über einem Buch, das Telefon in greifbarer Nähe, in Gesellschaft des seifig-beruhigend brummenden Fernsehers.

Wie viele ihr noch immer seid, ihr Jungen und Mädchen unbestimmten Alters, erzogen von der Generation der Sechziger. Wie viele ihr seid, unglücklich und unfähig zum Glück. Bedauern möchte man euch, helfen. Euch durchs Zwielicht berühren - nur leicht, kaum spürbar. Euch ein wenig Selbstsicherheit geben, einen Funken Optimismus, ein Gramm Willen, ein Körnchen Ironie. Euch helfen, damit ihr anderen helfen könnt.

Doch das darf nicht sein.

Jede Handlung des Guten bedeutet eine Einladung an das Böse, ebenfalls zur Tat zu schreiten. Der Vertrag! Die Wachen! Das Gleichgewicht der Welt!

Leide oder werde wahnsinnig, verletz das Gesetz, misch dich unter die Menge, verteile ungefragt Geschenke, zwinge das Schicksal in eine andere Bahn und schau, hinter welcher Ecke dir einstige Freunde und verlässliche Feinde entgegenkommen, um dich ins Zwielicht zu schicken. Für immer.

»Anton, wie geht es Ihrer Mutter?«

Ach ja. Ich, der Patient Anton Gorodezki, habe eine alte Mutter. Sie leidet an Osteochondrose und einer ganzen Reihe typischer Alterskrankheiten. Und ist ebenfalls bei Swetlana in Behandlung.

»Gut, alles in Ordnung. Mir geht es irgendwie…«

»Legen Sie sich hin.«

Ich zog den Pullover und das Hemd hoch und legte mich aufs Sofa. Swetlana setzte sich neben mich. Mit warmen Fingern fuhr sie mir über den Bauch, um dann meine Leber abzutasten.

»Tut das weh?«

»Nein… jetzt nicht.«

»Wie viel haben Sie getrunken?«

Ich beantwortete die Fragen, indem ich das Gedächtnis des Mädchens nach den Antworten absuchte. Ich brauchte hier nicht den Sterbenden zu mimen. Ja… dumpfe Schmerzen - nicht sehr stark… Nach dem Essen… Jetzt ist es ein bisschen schlimmer…

»Momentan ist das noch eine Gastritis, Anton.«Swetlana nahm ihre Hand weg.»Damit ist nicht zu spaßen, das wissen Sie selbst. Ich stelle Ihnen jetzt ein Rezept aus…«

Sie stand auf, ging zur Tür und nahm an der Garderobe ihre Tasche vom Haken.

Die ganze Zeit über behielt ich den Strudel im Auge. Nichts passierte, mein Kommen hatte den Höllenwirbel zwar nicht wachsen lassen, aber schwächen konnte ich ihn auch nicht.

Anton… Die Stimme drang durchs Zwielicht zu mir, ich erkannte Olga. Anton, der Strudel ist um drei Zentimeter geschrumpft. Du hast irgendwie den richtigen Weg gefunden. Denk darüber nach, Anton.

Den richtigen Weg? Wann? Noch hatte ich doch gar nichts gemacht, lediglich den Anlass für diesen Besuch gefunden!

»Anton, haben Sie noch Omes?«Swetlana hatte sich an den Tisch gesetzt und sah mich an.

»Ja, noch ein paar Kapseln«, meinte ich nickend, während ich mein Hemd wieder zurechtzog.

»Gehen Sie jetzt nach Hause und nehmen Sie eine. Morgen kaufen Sie sich neue. Sie müssen sie zwei Wochen lang vor dem Schlafengehen einnehmen.«

Swetlana gehörte offensichtlich zu den Ärzten, die an Tabletten glauben. Mich störte das nicht, da ich diesen Glauben teilte. Wir, die Anderen, stehen der Wissenschaft mit einem irrationalen Respekt gegenüber, sodass wir selbst in den Fällen, in denen elementare magische Handlungen ausreichen würden, zu Analgin und Antibiotika greifen.

»Swetlana… verzeihen Sie meine Frage.«Verlegen wandte ich den Blick ab.»Haben Sie irgendwelche Probleme?«

»Wie kommen Sie darauf, Anton?«Weder hielt sie im Schreiben inne noch sah sie mich an. Aber sie verkrampfte sich.

»Ich hab so den Eindruck. Ist Ihnen irgendjemand zu nahe getreten?«

Die junge Frau legte den Füller weg und schaute mich neugierig und mit einem Anflug von Sympathie an.

»Nein, Anton. Wie kommen Sie denn darauf? Das muss am Winter liegen. Der dauert schon viel zu lange.«

Sie zwang sich zu einem Lächeln, und der Höllenstrudel über ihr schlingerte, schwang gierig seinen Rüssel…

»Der Himmel ist grau, die Welt ist grau. Man hat zu nichts Lust… Alles hat seinen Sinn verloren. Ich bin müde, Anton. Doch wenn erst einmal der Frühling kommt, ist das alles vorbei.«

»Sie leiden an Depressionen, Swetlana«, platzte ich heraus, noch ehe mir klar wurde, dass ich diese Diagnose ihrem Gedächtnis entnommen hatte. Doch das bemerkte die Frau nicht.

»Vermutlich. Doch das ist nichts, was bei Sonnenschein nicht wegginge… Vielen Dank für Ihre Anteilnahme, Anton.«

Diesmal kam das Lächeln schon eher von Herzen, auch wenn es immer noch gequält wirkte.

Anton, minus zehn Zentimeter!, drang Olgas Flüstern durchs Zwielicht zu mir. Der Strudel setzt sich! Anton, die Analytiker arbeiten auf Hochtouren, weiter so!

Was hatte ich richtig gemacht?

Diese Frage ist viel schrecklicher als die Frage:»Was habe ich falsch gemacht?«Wenn du einen Fehler machst, musst du dein Verhalten nur von Grund auf ändern. Wenn du dagegen ins Ziel getroffen hast, ohne zu wissen, warum - dann gute Nacht. Für einen schlechten Schützen, der zufällig ins Schwarze getroffen hat, ist es nicht leicht, sich daran zu erinnern, wie er die Arme gehalten und die Augen zusammengekniffen hat, wie er den Finger angespannt und den Schuss abgefeuert hat - ohne dabei zuzugeben, dass die Kugel von einer Bö des liederlichen Windes ins Ziel getragen wurde.

Ich erwischte mich dabei, wie ich dasaß und Swetlana ansah. Schweigend und ernst erwiderte sie meinen Blick.

»Verzeihen Sie«, sagte ich.»Um Gottes willen, Swetlana, verzeihen Sie. Ich überfalle Sie hier spätabends, mische mich in Sachen ein, die mich nichts angehen…«