»Ich habe ihn nicht berührt. Bloß mit der Frau gesprochen.«
»Gesprochen? Oder gevögelt?«
Typisch Ilja, dieses Verhalten legte er immer an den Tag, wenn er nervös war. Und Grund zur Beunruhigung hatten wir im Übermaß. Trotzdem verzog ich das
Gesicht. Vielleicht weil ich irgendeine Impertinenz aus seinen Worten heraushörte, vielleicht weil es mich einfach verletzte.
»Nein. Ilja, bitte nicht in diesem Ton.«
»Entschuldige«, pflichtete er mir ohne weiteres bei.»Was hast du also gemacht?«
»Einfach mit ihr gesprochen.«
Endlich bog der Wagen auf den Prospekt ein.
»Festhalten«, befahl Semjon kurz. Es presste mich in den Sitz. Hinten hantierte Ilja herum, kramte eine Zigarette heraus und zündete sie an.
Binnen zwanzig Sekunden begriff ich, dass die bisherige Fahrt ein gemütlicher Spaziergang gewesen war.
»Semjon, ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ausgeschaltet worden?«, schrie ich. Das Auto schoss durch die Nacht, als versuche es, das Licht seiner Scheinwerfer zu überholen.
»Seit siebzig Jahren sitz ich hinterm Steuer«, blaffte Semjon mich verächtlich an.»Während der Blockade habe ich Laster über die Straße des Lebens nach Leningrad gefahren!«
Obwohl ich an seinen Worten nicht im Geringsten zweifelte, überlegte ich, ob die Fahrten damals nicht weniger gefährlich gewesen waren. Diese Geschwindigkeit gab es längst nicht - und einen Bombeneinschlag vorauszuberechnen, ist für einen Anderen kein Problem. Jetzt begegneten uns zwar nur noch wenige Autos, aber ein paar waren immerhin unterwegs. Die Straße war gelinde gesagt erbärmlich, unser Sportwagen für diese Verhältnisse in keiner Weise gedacht…
»Ilja, was ist überhaupt passiert?«, fragte ich und
versuchte, nicht auf den Laster zu starren, der uns gerade auswich.»Bist du auf dem Laufenden?«
»Mit der Vampirin und diesem Bengel, meinst du?«
»Ja.«
»Wir haben mal wieder unsere Dummheit unter Beweis gestellt, das ist passiert.«Ilja fluchte.»Obwohl auch Dummheit relativ ist… Zunächst lief alles völlig normal. Tigerjunges und Bär haben sich den Eltern des Jungen als weit entfernte, aber geliebte Verwandte vorgestellt.«
»Wir kommen aus dem Ural?«, fragte ich in Erinnerung an den Kurs zum Umgang mit Menschen und zu den Varianten der Kontaktaufnahme.
»Ja. Alles lief gut. Eine große Tafel, genug zu trinken, Spezialitäten aus dem Ural… die aus dem Supermarkt um die Ecke stammten…«
Mir fiel Bärs prall gefüllte Tasche ein.
»Kurzum, sie ließen es sich richtig gut gehen.«In Iljas Stimme schwang weniger Neid mit als vielmehr die uneingeschränkte Billigung des Vorgehens seiner Kollegen.»Es war hell, warm, es war alles in Butter. Der Bengel saß mal mit ihnen zusammen, mal verschwand er in seinem Zimmer… Woher hätten sie wissen sollen, dass er allein ins Zwielicht eintreten konnte?«
Mich überlief es kalt.
In der Tat, woher?
Kein Wort hatte ich gesagt. Weder ihnen noch dem Chef. Niemandem. Hatte den Jungen aus dem Zwielicht gezogen und ihm etwas von meinem Blut geopfert - und es damit genug sein lassen. Ein echter Held. Ein Einzelkämpfer.
Ohne Verdacht zu schöpfen, fuhr Ilja fort:»Die Vampirin hat ihn mit dem Ruf gelockt. Der saß so genau, dass Tigerjunges und Bär nichts mitbekommen haben. Und er war stark - keinen Mucks hat der Junge von sich gegeben. Ist einfach ins Zwielicht eingetreten und aufs Dach geklettert.«
»Wie das?«
»Über die Balkons. Zum Dach sind es bloß drei Stockwerke. Die Vampirin hat da auf ihn gewartet. Da sie mitbekommen hatte, dass der Junge bewacht wird, hat sie ihn sich geschnappt und sich auf der Stelle zu erkennen gegeben. Seine Eltern schlafen momentan tief und fest, während die Vampirin wartet und den Jungen umklammert hält. Tigerjunges und Bär werden fast verrückt.«
Ich schwieg. Es gab nichts zu sagen.
»Unsere eigene Dummheit«, schloss Ilja.»Und ein verhängnisvolles Zusammentreffen bestimmter Umstände. Den Jungen hat schließlich noch niemand initiiert… Wer hätte wissen können, dass er ins Zwielicht eintreten kann?«
»Ich wusste es.«
Vielleicht trieben mich Erinnerungen. Vielleicht meine Angst, hier in diesem Auto, das wie der Blitz über die Straße jagte. Ich spähte ins Zwielicht hinein.
Wie gut es die Menschen haben, dass sie das nicht sehen - niemals! Wie schlecht sie es haben - denn sie vermögen das nicht zu sehen!
Den tiefen grauen Himmel, an dem es keinen Stern gab und niemals einen geben wird, ein Himmel, zäh wie Brei, der in einem dumpfen, fahlen Licht schimmert. Alle Silhouetten verschwimmen, es zerschmelzen die Häuser, an deren Wänden der blaue Moosteppich wächst, die Bäume, deren Zweige im Zwielicht wogten, ohne sich einen Deut um den Wind zu scheren, und die Straßenlaternen, über denen die Zwielicht-Vögel kreisen, fast ohne mit ihren kurzen Flügeln zu schlagen. Autos kommen uns entgegen - langsamer geht es kaum, die Menschen setzen kaum einen Fuß vor den anderen. Alles wie durch einen grauen Lichtfilter gesehen, wie durch Wattepfropfen in den Ohren gehört. Ein stummer Schwarzweißfilm, das Kleinod eines dekadenten Regisseurs. Die Welt, aus der wir unsere Kräfte schöpfen. Die Welt, die unser Leben trinkt. Das Zwielicht. Wie du hineingehst, so kommst du auch wieder heraus. Der graue Dunst knackt die Schale, die dein Leben lang mit dir wächst, zieht jenen Kern aus ihr heraus, den die Menschen die Seele nennen. Prüft ihn. Und wenn du spürst, wie du zwischen den Kiefern des Zwielichts knirschst, wenn du den durchdringenden kalten Wind wahrnimmst, der ätzend ist wie der Geifer einer Schlange… dann wirst du ein Anderer.
Und entscheidest dich, auf wessen Seite du dich stellst.
»Ist der Junge noch im Zwielicht?«, fragte ich.
»Sie sind alle im Zwielicht…«Ilja war mir nachgetaucht.»Anton, warum hast du das bloß nicht gesagt?«
»Ich habe nicht dran gedacht. Habe dem keine Bedeutung zugemessen. Ich bin kein Fahnder, Ilja.«
Er schüttelte den Kopf.
Wir können einander nicht tadeln, zumindest kaum. Vor allem dann nicht, wenn jemand wirklich schuldig
ist. Das ist nicht nötig, denn unsere Strafe lauert um uns herum. Das Zwielicht verleiht uns Kräfte, über die kein Mensch verfügt, gibt uns ein Leben, das nach menschlichem Verständnis nahezu ewig währt. Und nimmt uns alles, wenn die Stunde gekommen ist.
In diesem Sinne führen wir alle ein Leben auf Pump. Nicht nur die Vampire und Tiermenschen, die töten müssen, um ihre seltsame Existenz zu verlängern. Die Dunklen können sich das Gute nicht leisten. Für uns gilt das Gegenteil.
»Wenn ich das nicht schaffe…«Ich ließ den Satz unbeendet. Auch so war alles klar.
Acht
Durchs Zwielicht wirkte das Ganze sogar schön. Auf dem Dach, dem flachen Dach jenes klotzigen»Hauses auf Beinen«, brannten Lichtpunkte in verschiedenen Farben. Das Einzige, was hier Farbe hat, sind unsere Gefühle. Und die gab es reichlich.
Am grellsten strahlte eine sich in den Himmel bohrende Säule aus glutroten Flammen - die Angst und der Zorn der Vampirin.
»Stark ist sie«, sagte Semjon bloß, während er auf das Dach schaute und die Autotür mit dem Fuß zuknallte. Aufseufzend fing er an, sich auszuziehen.
»Was hast du denn vor?«, fragte ich.