Die Vampirin stand direkt am Rand des Dachs.
Sie hatte abgebaut, spürbar abgebaut seit unserer ersten Begegnung. Ihr Gesicht lief noch spitzer zu, die Wangen waren eingefallen. Wie alle Vampire brauchte sie in der ersten Umbauphase des Organismus ständig
frisches Blut. Doch sollte man sich durch ihre Erscheinung nicht täuschen lassen: Die Auszehrung ist rein äußerlich, quält sie, entzieht ihr aber keine Kraft. Die Verbrennung im Gesicht war fast abgeklungen, die Spuren kaum noch zu erahnen.
»Du!«In der Stimme der Vampirin tönte Triumph. Ein erstaunlicher Triumph - als wolle sie nicht mit mir verhandeln, sondern mich opfern.
»Ich.«
Jegor stand vor der Vampirin, sie nutzte ihn als Deckung gegen die Fahnder. Der Junge befand sich im Zwielicht, das von der Blutsaugerin erzeugt worden war, und hatte deshalb das Bewusstsein nicht verloren. Er stand schweigend da, bewegte sich nicht, starrte mal mich an, mal Tigerjunges. Auf uns zählte er offenbar am meisten. Die Vampirin hatte dem Jungen eine Hand quer über die Brust gelegt, um ihn an sich zu pressen, die andere hielt sie ihm an den Hals - mit ausgefahrenen Krallen. Die Situation war nicht schwer abzuschätzen. Ein Patt. Für beide Seiten.
Sollten Tigerjunges oder Bär die Blutsaugerin angreifen, würde sie dem Jungen mit einer einzigen Bewegung den Kopf abreißen. Das würde sich nicht heilen lassen - selbst mit unseren Möglichkeiten nicht. Auf der anderen Seite: Wenn sie den Jungen umbrachte, würde uns nichts mehr aufhalten.
Man darf den Feind nicht in die Ecke treiben. Vor allem dann nicht, wenn man ihn töten will.
»Du hast verlangt, dass ich komme. Hier bin ich.«Ich hob die Hände, um zu zeigen, dass ich keine Waffen bei mir trug. Ich ging vorwärts.
Als ich zwischen Tigerjunges und Bär trat, bleckte
die Vampirin die langen Eckzähne.»Stehen bleiben!«
»Ich habe weder Espenholz noch Kampfamulette. Ich bin kein Magier. Ich kann dir nichts anhaben.«
»Das Amulett! Um deinen Hals hängt ein Amulett!«
Das war’s also.
»Das hat mit dir nichts zu tun. Es schützt mich gegen jemanden, der weit, weit über dir steht.«
»Nimm’s ab!«
Oh, oh, das ließ sich nicht gut an… Das ließ sich sogar ganz schlecht an… Ich packte die Kette, riss das Amulett ab und ließ es fallen. Wenn Sebulon wollte, konnte er jetzt versuchen, mich zu beeinflussen.
»Ich hab’s abgenommen. Jetzt sprich. Was willst du?«
Die Vampirin verdrehte den Kopf - ihr Hals vollbrachte ohne weiteres eine Drehung um 360 Grad. Oho! So was war mir bisher nicht mal zu Ohren gekommen - und unsern Kampfspezis offenbar auch nicht: Tigerjunges knurrte auf.
»Da schleicht noch jemand rum!«Die Vampirin sprach mit der Stimme eines Menschen, der kreischenden, hysterischen Stimme eines dummen jungen Mädchens, das zufällig zu Kraft und Macht gekommen war.»Wer? Wer?«
Ihre linke Hand, an der sie hatte Krallen wachsen lassen, presste sich in den Hals des Jungen. Ich zuckte zusammen, als ich mir vorstellte, was passieren würde, wenn nur ein einziger Tropfen Blut flösse. Die Blutsaugerin würde die Kontrolle über sich verlieren! Die andere Hand zeigte mit einer albernen anklagenden Geste, die an Lenin auf dem Panzerwagen erinnerte,
zum Rand des Dachs.
»Der soll rauskommen!«
Ich seufzte.»Ilja, komm raus…«, rief ich.
Über die Dachkante schoben sich Finger. Im nächsten Moment überwand Ilja das kleine Gitter und stellte sich neben Tigerjunges. Wo hatte er sich da bloß versteckt? Auf der Markise eines Balkons? Oder hatte er in der Luft gehangen, sich im Geflecht des blauen Mooses festkrallend?
»Ich wusste es!«, meinte die Vampirin triumphierend.»Betrug!«
Semjon schien sie jedoch nicht zu spüren. Ob unser phlegmatischer Freund schon hundert Jahre Ninjutsu trieb?
»Ausgerechnet du redest von Betrug.«
»Genau, ich!«Einen Moment lang funkelte in den Augen der Vampirin etwas Menschliches auf.»Denn ich kann betrügen! Ihr nicht!«
Gut. Gut, dass du das kannst und wir nicht. Glaube und hoffe. Wenn du meinst, dass der Begriff»Notlüge«nur für Predigten taugt - dann glaube. Wenn du denkst, das Gute werde nur in den alten Gedichten eines verlachten Dichters mit den Fäusten durchgesetzt - dann hoffe.
»Was willst du?«, fragte ich.
Sie schwieg kurz, als habe sie sich das noch nicht überlegt.»Leben!«
»Dazu ist es zu spät! Du bist schon tot.«
Die Vampirin fletschte abermals die Zähne.
»Ach ja? Aber Tote können jemandem den Kopf abreißen, oder?«
»Ja. Weiter können sie nichts.«
Wir starrten einander an, was seltsam war, theatralisch und affektiert, denn das ganze Gespräch war für die Katz, da wir einander sowieso nie verstehen würden. Sie ist tot. Ihr Leben ist der Tod eines anderen. Ich lebe. Doch aus ihrer Sicht verhält es sich genau umgekehrt.
»Das ist nicht meine Schuld.«Ihre Stimme klang auf einmal viel ruhiger, weicher. Und auch die Hand an Jegors Hals entspannte sich ein wenig.»Ihr, ihr, die ihr euch Nachtwache nennt - diejenigen, die nachts nicht schlafen, die meinen, sie hätten das Recht, die Welt vorm Dunkel zu schützen… Wo wart ihr denn, als man mein Blut getrunken hat?«
Bär trat einen kleinen Schritt vor. Einen winzigen Schritt nur, bei dem er die gewaltigen Tatzen kaum vorzusetzen schien, sondern nur unter dem Druck des Windes nach vorn schlitterte. Ich fragte mich, ob er noch weitere zehn Minuten so vorwärts kriechen würde - wie er schon die ganze letzte Stunde dahingekrochen war, denn so lange dauerte diese Auseinandersetzung bereits. Bis er dann endlich seine Chancen für ausreichend hielt. Dann würde er springen, und wenn er Glück hatte, würde der Junge den Händen der Vampirin entrissen werden und mit ein paar gebrochenen Rippen davonkommen.
»Wir können nicht alle im Auge behalten«, sagte ich.»Das können wir einfach nicht.«
Und was am schlimmsten war: Ich fing an, sie zu bedauern. Weder den Jungen, der in das Spiel zwischen Licht und Dunkel geraten war, hatte ich bedauert noch die junge Swetlana, über der ein Fluch hing, oder die unschuldige Stadt, die unter diesem Fluch leiden würde… Die Vampirin bedauerte ich. Denn in der Tat - wo waren wir gewesen? Wir, die wir uns Nachtwache nennen…
»So oder so hattest du eine Wahl«, sagte ich.»Und behaupte nicht, das stimmt nicht. Die Initiation erfolgt nur bei beiderseitigem Einverständnis. Du hättest sterben können. Anständig sterben können. Wie ein Mensch.«
»Anständig?«Die Vampirin schüttelte den Kopf, wobei ihr die Haare um die Schultern flogen. Wo war Semjon bloß? So schwer konnte es doch wohl nicht sein, das Dach eines neunzehnstöckigen Hauses zu erklimmen?»Genau das hätte ich gewollt… anständig. Doch derjenige… der die Unterschrift unter die Lizenz gesetzt hat… der mich zum Futter gemacht hat? Hat der sich anständig verhalten?«
Beim Licht und beim Dunkel…
Sie war nicht nur schlicht das Opfer eines durchgeknallten Vampirs. Sie war die vorbestimmte Beute, ausgewählt durch das blinde Los. Und ihr Schicksal sollte es sein, ihr Leben zu geben, um einen fremden Tod zu verlängern. Nur dass sich dieser Kerl, der vor meinen Augen zu einer Hand voll Asche zerfallen, der durch das Siegel verbrannt ist, dass dieser Kerl sich verliebt hat. Sich richtig verliebt, das fremde Leben nicht aufgesaugt, sondern das Mädchen zu seinesgleichen gemacht hat.