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Die Toten können nicht nur Köpfe abreißen, sondern auch lieben. Das Unglück besteht nur darin, dass selbst ihre Liebe nach Blut verlangt.

Er war gezwungen, sie zu verstecken, denn er hatte

die junge Frau illegal zu einem Vampir gemacht. Er musste sie ernähren, und da musste lebendes Blut her, keins aus der Konserve, das naive Menschen gespendet hatten.

Damit begann die Wilderei in den Straßen Moskaus, und da sind dann endlich auch wir aufgewacht, wir, die Hüter des Lichts, die ruhmreichen Wächter der Nacht, die dem Dunkel die Menschenopfer liefern.

Im Krieg kann dir nichts Schlimmeres passieren, als den Feind zu verstehen. Denn verstehen bedeutet verzeihen. Aber dazu haben wir kein Recht, seit der Erschaffung der Welt haben wir dazu kein Recht.

»Trotzdem hattest du eine Wahl«, sagte ich.»Du hattest sie. Der Verrat eines anderen kann nicht als Rechtfertigung für den eigenen herhalten.«

Sie lachte leise auf.

»Ja, ja… guter Diener des Lichts… Natürlich. Du hast Recht. Und du kannst noch tausendmal wiederholen, dass ich tot bin. Dass meine Seele verbrannt ist, sich im Zwielicht aufgelöst hat. Nur erklär mir doch mal bitte, worin dann der Unterschied zwischen mir, einer hinterhältigen und bösen Kreatur, und dir besteht. Erklär es mir so… dass ich es glaube.«

Die Vampirin legte den Kopf schräg und sah Jegor ins Gesicht.

»Und du… Junge - verstehst du mich?«, fragte sie vertrauensvoll, fast freundschaftlich.»Antworte. Antworte ganz ehrlich, ohne… auf die Krallen zu achten. Ich nehm’s nicht übel.«

Bär glitt vorwärts. Wieder nur ein bisschen. Ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, wie er sich auf den Sprung vorbereitete.

Lautlos, mit geschmeidigen und zugleich raschen Bewegungen - wie schaffte er es nur, sich in der Menschenwelt so schnell vorwärts zu bewegen? - tauchte Semjon endlich hinter der Vampirin auf.

»Sag’s schon, Kleiner!«, verlangte die Blutsaugerin aufgeräumt.»Antworte! Aber ehrlich! Und wenn du glaubst, dass er Recht hat und ich nicht… wenn du das wirklich glaubst… dann lasse ich dich gehen.«

Ich fing Jegors Blick auf.

Und wusste, was er antworten würde.

»Du hast auch… Recht.«

Leere. Kälte. Keine Kraft für Gefühle. Sollen sie doch zum Vorschein kommen, als Feuer lodern, das Menschen nicht sehen können.

»Was willst du?«, fragte ich.»Existieren? Gut - dann ergib dich. Du kommst vor Gericht, ein gemeinsames Gericht der Wachen…«

Die Vampirin sah mich an. Sie schüttelte den Kopf.»Nein… Ich traue eurem Gericht nicht. Weder der Nachtwache… noch der Tagwache.«

»Warum hast du mich dann kommen lassen?«, fragte ich. Semjon pirschte sich an die Vampirin heran, kam näher und näher…

»Um mich zu rächen«, sagte die Vampirin bloß.»Du hast meinen Freund ermordet. Jetzt bringe ich deinen um - vor deinen Augen. Danach… werde ich versuchen… dich umzubringen. Aber sogar wenn mir das nicht gelingt…«Sie lächelte.»Dir genügt das Wissen, dass du den Jungen nicht retten konntest. Nicht wahr, Wächter? Ihr unterschreibt Lizenzen, ohne den Menschen dabei ins Gesicht zu sehen. Das solltet ihr aber… Dann kommt die Moral hervorgekrochen… eure ganze falsche, billige, gemeine Moral…«

Semjon sprang.

Gleichzeitig mit ihm sprang Bär.

Das war schön, das ging schneller, als jede Kugel fliegt, als jeder Zauber wirkt, weil es am Ende immer der Körper ist, der den Schlag ausführt, unterstützt von der Geschicklichkeit, die in zwanzig, vierzig, hundert Jahren herangereift ist.

Und dennoch zog ich die Pistole hinter dem Rücken hervor und feuerte einen Schuss ab, auch wenn ich wusste, dass die Kugel langsam und träge dahinfliegen würde - wie bei einer Zeitlupenaufnahme in einem billigen Actionfilm - und der Vampirin noch die Gelegenheit lassen würde, auszuweichen, und Gelegenheit zum Töten.

Semjon hing ausgestreckt in der Luft, als sei er gegen eine Glaswand geprallt und krieche eine unsichtbare Grenze entlang, die auch ins Zwielicht führte. Bär warf es um - er war weitaus massiver. Die Kugel, die anmutig wie eine Libelle auf die Vampirin zuflog, loderte mit flammenden Zungen auf und verschwand.

Wenn nicht die Augen der Vampirin gewesen wären, die sich langsam weiteten, der verständnislose Blick, hätte ich geglaubt, dass sie selbst die Schutzkuppel aufgebaut hätte - auch wenn dieses Privileg den hochrangigen Magiern vorbehalten ist.

»Die beiden stehen unter meinem Schutz«, erklang es hinter meinem Rücken.

Ich drehte mich - und sah Sebulon in die Augen. Erstaunlich war, dass die Vampirin nicht in Panik geriet. Erstaunlich war auch, dass sie Jegor nicht tötete. Der missglückte Angriff und das Auftauchen des Dunklen Magiers kamen für sie weitaus überraschender als für uns, denn ich hatte es erwartet, hatte mit dergleichen gerechnet, kaum dass ich das Amulett abgenommen hatte.

Mich wunderte nicht, dass er so schnell gekommen war. Die Dunklen haben ihre eigenen Wege. Aber weshalb zog Sebulon, der Beobachter der Dunklen, diese kleine Auseinandersetzung seiner Anwesenheit in unserer Kommandozentrale vor? Hatte er das Interesse an Swetlana und dem über ihr hängenden Wirbel verloren? Hatte er etwas begriffen, das uns nicht aufgegangen war?

Die verfluchte Angewohnheit, erst alles zu analysieren! Den Fahndern geht sie aufgrund des ureigenen Wesens ihrer Arbeit ab. Von Natur aus reagieren sie unverzüglich auf Gefahr, stürzen sich in den Kampf, erleiden Sieg oder Niederlage.

Ilja hatte seinen magischen Stab bereits gezogen. Das fliederfarben-weiße Leuchten strahlte zu grell für einen Magier dritten Grades und zu gleichmäßig, um an ein plötzliches Aufflackern von Iljas Kraft glauben zu lassen. Höchstwahrscheinlich hatte der Chef selbst den Stab aufgeladen.

Hatte er etwas geahnt?

Hatte er mit dem Auftauchen von irgendjemandem gerechnet, dessen Kräfte den seinen ebenbürtig waren?

Weder Tigerjunges noch Bär hatten ihr Äußeres verändert. Ihre Magie musste sich nicht anpassen - schon gar nicht, indem sie menschliche Körper annahmen. Bär blickte nach wie vor die Vampirin an und ignorierte Sebulon völlig. Tigerjunges stellte sich neben mich. Semjon rieb sich die Hüfte und ging langsam um die Vampirin herum, wobei er demonstrativ vor ihr herschlenderte. Den Dunklen Magier überließ er uns.

»Die beiden?«, brüllte Tigerjunges.

Im ersten Moment begriff ich überhaupt nicht, was ihr gegen den Strich ging.

»Die beiden stehen unter meinem Schutz«, wiederholte Sebulon. Er mummte sich in einen formlosen schwarzen Mantel ein, auf dem Kopf saß ihm eine zerknautschte Kappe aus dunklem Pelz. Die Hände versteckte der Magier zwar in den Taschen, doch aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, dass er nichts dabei hatte, kein Amulett, keine Pistole.

»Wer bist du?«, schrie die Vampirin.»Wer bist du?«

»Dein Hüter und Beschützer.«Sebulon sah mich an, nein, er sah mich nicht an, sondern streifte mich mit dem Blick, schaute an mir vorbei.»Dein Herr.«

Was hatte er, war er verrückt geworden? Die Vampirin hatte nicht die geringste Ahnung von der Verteilung der Kräfte. Sie war völlig aufgedreht. Hatte eben noch mit dem Tod gerechnet - dem Ende ihrer Existenz. Nun tauchte da die Möglichkeit auf, mit heiler Haut davonzukommen, aber dieser Ton…

»Ich habe keinen Herrn!«Die Frau, die Leben aus dem Tod anderer zog, lachte.»Wer auch immer du bist, einer vom Licht, einer vom Dunkel - merk dir das. Ich habe keinen Herrn!«