Sie bewegte sich weiter auf den Rand des Dachs zu, schleifte Jegor mit sich. Immer noch hielt sie ihn mit einer Hand gepackt, während die andere an seinem Hals lag. Eine Geisel - ein geschickter Zug gegen die Kräfte des Lichts.
Und womöglich auch gegen die Kräfte des Dunkels?
»Sebulon, wir sind einverstanden«, sagte ich. Ich legte die Hand auf den durchgedrückten Rücken von Tigerjunges.»Sie gehört dir. Nimm sie mit - bis zum Prozess. Wir halten uns an den Vertrag.«
»Ich nehme mir beide…«Blind schaute Sebulon nach vorn. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, doch die Augen des Magiers, die nie blinzelten, waren weit aufgerissen, als seien sie aus Glas gegossen.»Die Frau und der Junge gehören uns.«
»Nein. Nur die Vampirin.«
Schließlich würdigte er mich doch noch eines Blickes.
»Adept des Lichts, ich hole mir nur, was mir zusteht. Ich achte den Großen Vertrag. Die Frau und der Junge gehören uns.«
»Du bist stärker als jeder von uns«, sagte ich.»Aber du bist allein, Sebulon.«
Traurig und mitleidig lächelnd schüttelte der Dunkle Magier den Kopf.
»Nein, Anton Gorodezki.«
Sie traten hinter dem Fahrstuhlschacht hervor, ein Mann und eine Frau, beide jung. Die mir bekannt vorkamen. Nur allzu bekannt.
Alissa und Pjotr. Die Hexe und der Hexer von der Tagwache.
»Jegor!«, sprach Sebulon ihn leise an.»Hast du den Unterschied zwischen uns verstanden? Welcher Seite gibst du den Vorzug?«
Der Junge schwieg. Aber vielleicht nur deshalb, weil
die Krallen der Vampirin seine Kehle berührten.
»Haben wir hier irgendein Problem?«, fragte Tigerjunges mit schnurrender Stimme.
»Hm«, bestätigte ich.
»Eure Entscheidung?«, fragte Sebulon nur. Seine Wächter schwiegen, mischten sich nicht in das Geschehen ein.
»Mir gefällt das nicht«, sagte Tigerjunges. Sie bewegte sich kaum auf Sebulon zu, und ihr Schwanz schlug mir unerbittlich gegen das Knie.»Mir gefällt absolut nicht, welchen Standpunkt die Wächter des Tages einnehmen… in dieser Frage.«
Ganz offensichtlich teilte Bär diese Meinung: Wenn die beiden zusammenarbeiteten, sprach immer nur einer. Ich sah Ilja an: Der drehte den Stab in den Fingern und lächelte, ein unfrohes, grüblerisches Lächeln. Wie ein Kind, das anstatt einer Spielzeugpistole ein geladenes Uzi-Gewehr mit zu seinen Freunden geschleppt hatte. Semjon ließ das alles anscheinend völlig kalt. Auf Kleinigkeiten pfiff er. Siebzig Jahre lang übte er sich jetzt schon in Dachrennen.
»Sebulon, sprichst du für die Tagwache?«, fragte ich.
Ein sekundenkurzer Schatten des Zögerns funkelte in den Augen des Dunklen Magiers auf.
Was geht hier vor? Warum hatte Sebulon unseren Stab verlassen, warum hatte er auf die Möglichkeit verzichtet, einen unbekannten Magier von ungeheurer Kraft aufzuspüren und auf die Seite der Tagwache zu ziehen? Auf eine solche Möglichkeit verzichtet man nicht, selbst dann nicht, wenn es um eine Vampirin und einen kleinen Jungen mit einem ungeheuren Po-
tenzial ging. Warum suchte Sebulon den Konflikt?
Und warum, warum um alles zögert er - das sehe ich doch, kein Zweifel! -, im Namen der gesamten Tagwache aufzutreten?
»Ich spreche als Privatperson«, sagte Sebulon.
»Dann haben wir also nur ein paar kleine persönliche Unstimmigkeiten«, stellte ich fest.
»Ja.«
Er wollte die Wachen nicht mit hineinziehen. Jetzt waren wir nur noch Andere, wenn auch im Dienst, wenn auch mit unseren Aufgaben beschäftigt. Doch Sebulon zog es vor, den Konflikt nicht zu einer offiziellen Konfrontation eskalieren zu lassen. Warum? Glaubte er dermaßen an die eigenen Kräfte, oder fürchtete er das Auftauchen des Chefs?
Ich verstand überhaupt nichts mehr.
Aber die Hauptsache: Warum hatte er den Stab verlassen, die Jagd nach dem Hexenmeister aufgegeben, der Swetlana mit dem Fluch belegt hatte? Die Dunklen hatten durchgesetzt, diesen Magier zu bekommen. Und jetzt wollten sie kurzerhand auf ihn verzichten?
Was wusste Sebulon? Was wussten wir nicht?
»Eure armseligen…«, begann der Dunkle Magier. Beenden konnte er den Satz nicht - den nächsten Zug machte das Opfer.
Ich hörte, wie Bär brüllte, verständnislos, verzweifelt brüllte, und drehte mich um.
Jegor, die ganze Zeit in der Rolle der Geisel und gegen die Vampirin gepresst, hatte sich aufgelöst, war verschwunden.
Der Junge war tiefer ins Zwielicht hineingegangen.
Die Vampirin schlug die Hände zusammen, als wollte sie ihn festhalten, womöglich auch umbringen. Ein energisches Klatschen der bekrallten Klauen, das aber bereits keinen lebenden Körper mehr traf. Die Vampirin schlug sich selbst - unter die linke Brust, aufs Herz.
Wie schade, dass sie eine Untote war!
Bär sprang. Einer lebenden Schneewehe gleich stürzte er auf die Stelle, wo eben noch Jegor gestanden hatte, und riss die Vampirin nieder. Unter seiner Masse begrub er den zitternden Körper vollständig - nur die bekrallte Hand lugte noch heraus, die ihm krampfhaft gegen die bepelzte Seite schlug.
Genau in diesem Augenblick riss Ilja den Stab hoch. Das fliederfarbene Licht verblasste ganz leicht, bevor der Stab explodierte und sich in eine weiße Flammensäule verwandelte. Man hatte den Eindruck, aus den Händen des Fahnders schösse ein von einem Leuchtturm abgerissener Scheinwerferstrahl, ein Strahl, blendend und fast mit Händen greifbar. Mit größter Mühe schwang Ilja die Hände, um mit einem Strahl, den man in Moskau seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte, über den grauen Himmel zu kratzen und den gigantischen Knüppel auf Sebulon herabstürzen zu lassen.
Der Dunkle Magier schrie auf.
Es riss ihn nieder und presste ihn aufs Dach, während sich die Lichtsäule Iljas Händen entriss, immer beweglicher und selbstständiger agierte. Das war kein Lichtstrahl mehr, keine Flammensäule, sondern eine weiße Schlange, die sich ringelte und der silberne Schuppen wuchsen. Das eine Ende des riesigen Körpers wurde platter und platter, verwandelte sich in eine Haube, unter der eine stumpfe Visage mit starren Augen hervorkam, groß wie LKW-Räder. Die Zunge blitzte auf, eine dünne, gespaltene, wie ein Gasbrenner lodernde Zunge.
Ich sprang zur Seite, denn beinah hätte mich der Schwanz erwischt. Die Feuerkobra ringelte sich auf, warf sich auf Sebulon und stieß ruckweise den Kopf in die Schlingen ihres Körpers. Hinter den lodernden Ringen droschen drei Schatten aufeinander ein, die durch die Bewegung zu trüben Streifen zerflossen. Die Sprünge von Tigerjunges, die sich auf die Hexe gestürzt hatte, und den Hexer von der Tagwache konnte ich einfach nicht ausmachen.
Ilja lachte leise auf und zog aus dem Gürtel einen weiteren Stab. Diesmal einen matteren, den er offenbar selbst aufgeladen hatte.
Hatte er also eine Waffe besessen, die speziell für Sebulon ausgelegt war? Hatte der Chef gewusst, mit wem wir zusammenstoßen würden?
Ich spähte übers Dach. Auf den ersten Blick schienen wir alles unter Kontrolle zu haben. Bär hatte die Vampirin in der Zange und schlug wie wild auf sie ein. Ab und an drangen unter ihm erstickte Laute hervor. Tigerjunges hielt die Wächter in Schach und brauchte offenbar keine Hilfe. Die weiße Kobra würgte Sebulon.
Für uns Übrige blieb nichts zu tun. Ilja, der den Stab bereithielt, beobachtete den Tumult, wobei er ganz offenbar überlegte, in welchen Haufen er sich stürzen sollte. Semjon, der das Interesse an der Vampirin verloren und für Sebulon mit seinen Wächtern erst gar keins an den Tag gelegt hatte, schlenderte zum Dach-