rand und sah nach unten. Ob er mit weiterer Verstärkung seitens der Dunklen rechnete?
Und ich stand wie ein Idiot mit der nutzlosen Pistole in Händen da.
Der Schatten legte sich gleich beim ersten Versuch auf den Boden. Als ich hineintrat, spürte ich, wie die Kälte brannte. Nicht die Kälte, die die Menschen kennen, nicht die, die jeder Andere schon erlebt hat, sondern die Kälte des tiefen Zwielichts. Hier wehte kein Wind mehr, hier verschwanden Schnee und Eis unter den Füßen. Hier wucherte kein blaues Moos. Nur Nebel wallte, dicker, zäher, klumpiger Nebel. Wollte man den Nebel mit Milch vergleichen, müsste man von geronnener Milch sprechen. Feinde wie Freunde - sie alle verwandelten sich in trübe Schatten, die sich kaum bewegten. Nur die mit Sebulon ringende Feuerkobra war nach wie vor schnell und grell - dieser Kampf verlief in allen Schichten des Zwielichts. Als ich mir klar machte, mit wie viel Energie der magische Stab aufgeladen sein musste, wurde mir übel.
Wozu, beim Dunkel und beim Licht? Wozu? Weder die junge Vampirin noch der Junge, dieser Andere, waren solche Anstrengungen wert!
»Jegor!«, schrie ich.
Die Kälte drang mir durch Mark und Bein. In die zweite Schicht des Zwielichts war ich erst zweimal vorgedrungen, einmal im Unterricht, zusammen mit meinem Ausbilder, und einmal gestern, um durch die verschlossene Tür zu gehen. Hier hatte ich keinen Schutz, und mit jeder Sekunde schwanden meine Kräfte.
»Jegor!«Ich ging durch den Nebel. Hinter mir erklangen dumpfe Schläge - die Schlange hämmerte jemanden aufs Dach, den Körper in ihr Maul gezwängt. Ich wusste sogar, wessen Körper…
Da die Zeit hier noch langsamer vergeht, gab es den Hauch einer Chance, dass der Junge das Bewusstsein noch nicht verloren hatte. Ich ging zu der Stelle, an der er in die zweite Schicht des Zwielichts abgetaucht war, und versuchte, etwas zu erkennen, bemerkte aber den Körper am Boden nicht. Ich stolperte, fiel, stützte mich auf, hockte mich hin - und saß Jegor gegenüber.
»Bist du in Ordnung?«, fragte ich überflüssigerweise. Überflüssigerweise, denn er hatte die Augen offen und sah mich an.
»Ja.«
Unsere Stimmen klangen dumpf und grollend. Ganz in der Nähe wogten zwei Schatten: Bär zerfetzte immer noch die Vampirin. Wie lange sie wohl noch durchhielt?
Und wie lange der Junge wohl noch durchhielt.
»Gehen wir«, sagte ich, indem ich die Hand ausstreckte und seine Schulter berührte.»Das hier… ist zu heftig. Wir riskieren es, für immer hier zu bleiben.«
»Na und.«
»Das begreifst du nicht, Jegor! Dieses Leiden! Sich im Zwielicht aufzulösen bedeutet ewiges Leiden. Das kannst du dir einfach nicht vorstellen, Jegor! Komm!«
»Wozu?«
»Um zu leben.«
»Wozu?«
Meine Finger wollten sich nicht mehr krümmen. Die
Pistole wurde schwer, schien aus Eis gegossen. Mit etwas Glück würde ich noch ein oder zwei Minuten überstehen…
Ich schaute Jegor in die Augen.
»Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen. Ich gehe jetzt. Ich habe etwas, wofür es sich zu leben lohnt.«
»Warum willst du mich retten?«, wollte er neugierig wissen.»Braucht eure Wache mich?«
»Ich glaube nicht, dass du zu unserer Wache kommst…«, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung.
Er lächelte. Zwischen uns glitt langsam ein Schatten hindurch. Semjon. Hatte er etwas bemerkt? War jemandem etwas passiert?
Und ich saß da, verlor meine letzten Kräfte und versuchte, den ausgeklügelten Selbstmord eines kleinen Anderen zu verhindern - der so oder so verloren war.
»Ich gehe«, sagte ich.»Verzeih.«
Der Schatten klammerte sich an mich, fror an den Fingern an und wuchs mir zum Gesicht hinauf. Als ich mich ruckartig von ihm losriss, fauchte das Zwielicht verdrossen, enttäuscht von solch einem Verhalten.
»Hilf mir«, bat Jegor. Ich konnte seine Stimme kaum noch hören, da ich schon fast herausgegangen war. Er hatte sich in allerletzter Sekunde entschlossen.
Ich streckte den Arm aus und griff nach seiner Hand. Überall an mir zerrte es, das Zwielicht schubste mich hinaus, während der Nebel um mich herum schmolz. All meine Hilfe war rein symbolisch, das Wesentliche musste der Junge selbst tun.
Was er auch tat.
Wir fielen in die obere Schicht des Zwielichts. Der kalte Wind schlug uns ins Gesicht, was jetzt allerdings angenehm war. Die laschen Bewegungen um uns herum verwandelten sich in ein schnelles Handgemenge. Die grauen verwischten Farben kamen uns leuchtend vor.
Irgendetwas hatte sich in den Sekunden verändert, als wir miteinander gesprochen hatten. Die Vampirin zappelte immer noch unter Bär - das war’s nicht. Der junge Hexer lag auf dem Dach, tot oder bewusstlos, daneben wälzten sich Tigerjunges und die Hexe - das war’s auch nicht.
Die Schlange!
Die weiße Kobra war derart angeschwollen, hatte sich derart aufgebläht, dass sie bereits ein Viertel des Dachs einnahm. Es war, als hätte sie jemand mit Luft voll gepumpt und in die Höhe gehoben, vielleicht war sie auch von allein in den tief hängenden Himmel aufgeflogen. Semjon stand in irgendeiner alten Kampfposition neben den ineinander verflochtenen Windungen des Flammenkörpers und ließ von seinen Händen kleine orangefarbene Kugeln gegen die Spule aus weißen Flammen prasseln. Er zielte nicht auf die Kobra, sondern auf jemanden, der unter ihr klemmte, der schon lange hätte tot sein müssen, aber immer noch weiter kämpfte.
Eine Explosion!
Ein Wirbel von Licht, Fetzen von Dunkel. Ich wurde rücklings zu Boden geschleudert, im Fallen stürzte ich auf Jegor, riss ihn mit, schaffte es aber, seine Hand zu packen. Tigerjunges und die Hexe enthakten sich und flogen an den Dachrand, wo sie am Gitter wie erstarrtliegen blieben. Bär war von der Vampirin heruntergerissen worden, sie war verletzt und verstümmelt, aber noch am Leben. Semjon schwankte zwar, stand aber noch aufrecht da, abgeschirmt von einer matt leuchtenden Schutzlinse. Der Einzige, der abstürzte, war der bewusstlose Hexer: Er brach durch das verrostete Gitter der Absperrung und fiel wie ein nasser Sack nach unten.
Nur Ilja stand da wie angewurzelt. Einen Schutz um ihn herum sah ich nicht, doch nach wie vor verfolgte er voller Neugier das Geschehen und presste die Hände fest um den Stab.
Die Reste der Flammenkobra stoben auf, wirbelten wie leuchtende Wölkchen, die funkenstiebend schmolzen und in Lichtstrahlen zerflossen. Unter diesem Feuerwerk erhob sich Sebulon langsam und breitete die Arme in einer komplizierten magischen Geste aus. Beim Kampf hatte er seine Kleidung eingebüßt, sodass er jetzt völlig nackt dastand. Sein Körper hatte sich verändert, wies nun die klassischen Merkmale eines Dämons auf: statt Haut matte Schuppen, eine falsche Schädelform, anstelle von Haaren ein verfilztes Fell, schmale Augen mit vertikalen Pupillen. Zwischen den Beinen baumelte ein übergroßes Glied, der Steiß mündete in einen kurzen gespaltenen Schwanz.
»Fort!«, schrie Sebulon.»Fort!«
Was jetzt wohl in der Menschenwelt los war? Ausbrüche von tödlicher Sehnsucht und grundloser, blinder Freude, Herzattacken, unüberlegte Handlungen, Streitigkeiten zwischen den besten Freunden, Betrug der treuen Geliebten… Die Menschen sehen nicht, was hier geschieht, doch ihre Seelen werden davon berührt.
Wozu?
Wozu macht die Tagwache das alles?
In diesem Moment wehte mich unvermittelt Ruhe an. Eine kalte, nüchterne, fast vergessene Ruhe.
Eine mehrzügige Kombination. Mal angenommen, alles läuft nach einem Plan der Tagwache ab. Setzen wir das als Prämisse. Und dann verbinden wir alle Zufälle, angefangen von meiner Jagd in der Metro, nein, angefangen mit dem Augenblick, als der junge Vampir von uns das Mädchen als Futter zugewiesen bekam, in das er sich unweigerlich verliebte.