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Die Gedanken strömten jetzt so entschlossen, als hätte ich ein Brainstorming ausgelöst, mich in das Bewusstsein anderer Menschen eingeklinkt, wie das unsere Analytiker ab und zu machen. Nein, das war natürlich nicht der Fall - aber einige Teilchen dieses Puzzles regten sich mit einem Mal, ordneten sich neu auf dem Tisch an, wurden lebendig und fügten sich vor meinen Augen zusammen.

Der Tagwache war die Vampirin schnuppe.

Die Tagwache würde es wegen eines Jungen mit potenziell sehr großen Fähigkeiten nicht auf einen Konflikt ankommen lassen.

Für die Tagwache gab es nur einen Grund, warum sie so etwas einfädelte.

Den Dunklen Magier mit sagenhaftem Potenzial.

Den Dunklen Magier, der ihre Position stärken würde - nicht nur in Moskau, sondern auf dem ganzen Kontinent.

Aber sie hätten ihn doch auch so bekommen, wir haben doch versprochen, ihnen den Dunklen Magier zu

überlassen…

Dieser unsichtbare Magier war das X. Die einzige unbekannte Größe in der Gleichung. Als Y konnte man Jegor betrachten: Seine Widerstandskraft gegenüber der Magie war bereits zu ausgeprägt für einen Neuling unter den Anderen. Trotzdem stellte der Junge eine bekannte Größe dar, wenn auch mit unbekanntem Faktor.

Der bewusst in die Gleichung aufgenommen wurde. Um sie komplizierter zu machen.

»Sebulon!«, schrie ich. Hinter mir wälzte sich Jegor, der aufstehen wollte und dabei auf dem Eis ausrutschte. Semjon, der immer noch seinen Schutz aufrechterhielt, ging von dem Magier weg. Völlig leidenschaftslos beobachtete Ilja das Geschehen. Bär näherte sich der zuckenden Vampirin, die auf die Beine zu kommen versuchte. Tigerjunges und die Hexe Alissa gingen schon wieder aufeinander zu.»Sebulon!«

Der Dämon sah mich an.

»Ich weiß, um wen ihr kämpft!«

Nein, noch wusste ich es nicht. Aber langsam schwante mir etwas, denn das Puzzle fügte sich zu einem Ganzen und zeigte ein mir bekanntes Gesicht…

Der Dämon öffnete das Maul - die Kiefer klappten nach links und nach rechts wie bei einem Käfer. Immer stärker erinnerte er an ein gigantisches Insekt, die Schuppen waren zum Panzer zusammengewachsen und die Genitalien sowie der Schwanz eingeschrumpft, während an den Seiten neue Extremitäten herauswuchsen.

»Dann bist du… tot.«

Seine Stimme klang wie eh und je, hatte eher noch an Nachdenklichkeit und Intellektualität gewonnen. Sebulon streckte mir den Arm entgegen - der sich ruckartig verlängerte, immer neue und neue Gelenke hinzugewann.

»Komm her…«, flüsterte Sebulon.

Alle erstarrten. Bis auf mich - ich ging auf den Dunklen Magier zu. Von dem mentalen Schutz, den ich mir in langen Jahren zugelegt hatte, blieb nicht die Spur übrig. Es überstieg meine Kräfte, überstieg sie bei weitem, mich Sebulon zu widersetzen.

»Bleib stehen!«, brüllte Tigerjunges und drehte sich von der ramponierten, aber grinsenden Hexe weg.»Bleib stehen!«

Nur zu gern hätte ich ihr die Bitte erfüllt. Aber ich konnte nicht.

»Anton…«, erklang es hinter mir.»Dreh dich um…«

Das konnte ich. Indem ich den Kopf zurückdrehte, entriss ich mich dem Blick aus den bernsteinfarbenen Augen mit den vertikalen Pupillen.

Jegor hockte da, zum Aufstehen fehlte ihm die Kraft. Erstaunlich, dass er überhaupt bei Bewusstsein war - denn von außen floss ihm keine Energie mehr zu. Der Zufluss war versiegt, der das Interesse des Chefs geweckt hatte, von Anfang an dagewesen war. Der Faktor Y. Ins Spiel gebracht, um die Situation komplizierter zu machen.

An Jegors Hand baumelte die Kupferkette mit dem kleinen beinernen Amulett.

»Fang!«, schrie der Junge.

»Nimm es nicht!«, befahl Sebulon. Doch zu spät, ich hatte mich schon vorgebeugt und mir das Amulett gegriffen, das vor meinen Füßen gelandet war. Die Berührung mit dem beschnitzten Medaillon versengte mich, fast als hätte ich glühende Kohle angefasst.

Ich sah den Dämon an und schüttelte den Kopf.»Sebulon… du hast keine Macht mehr über mich.«

Der Dämon brüllte auf und kam auf mich zu. Macht hatte er keine mehr - aber Kraft im Übermaß.

»Aber, aber…«, sagte Ilja im Ton eines Oberlehrers.

Eine lodernde weiße Wand zerschnitt die Fläche zwischen uns. Sebulon heulte auf, denn er rannte gegen die magische Barriere, ein Gewebe aus reinstem weißen Licht, das ihn zurückwarf. Mit einer komischen Geste schüttelte er die verbrannten Pfoten und sah dabei eher albern als furchteinflößend aus.

»Ein Mehrzüger?«, sagte ich.»Ganz einfach, ja?«

Alles auf dem Dach verstummte. Tigerjunges und die Hexe Alissa standen nebeneinander und versuchten nicht mehr, übereinander herzufallen. Semjon schaute abwechselnd Ilja und mich an, und es ließ sich nicht sagen, wer von uns beiden ihn mehr zum Staunen brachte. Die Blutsaugerin weinte leise vor sich hin und versuchte aufzustehen. Ihr ging es schlechter als den anderen, sie hatte ihre ganze Kraft geopfert, um den Kampf mit Bär zu überleben, und setzte nun alles daran, sich zu regenerieren. Mit unsagbarer Mühe tauchte sie aus dem Zwielicht auf und verwandelte sich in eine verschwommene Silhouette.

Sogar der Wind schien sich plötzlich zu legen…

»Wie macht man einen Menschen zum Dunklen Magier, der von Grund auf rein ist?«, fragte ich.»Wie zieht man einen Menschen auf die Seite des Dunkels, der nicht hassen kann? Man kann überall Schwierigkeiten vor ihm aufbauen - nach und nach, immer wieder, in der Hoffnung, dass er böse wird… Aber das bringt nichts. Als zu rein erweist sich dieser Mensch… diese Frau.«

Ilja lachte leise zustimmend auf.

»Das Einzige, was sie hassen kann…«Ich sah Sebulon in die Augen, in denen nur noch eine machtlose Bosheit zu lesen war.»… ist sie selbst. Und da nun dieser überraschende Zug. Ein ungewöhnlicher. Man lässt ihre Mutter krank werden. Soll sich das Mädchen doch die Seele zermartern, sich für ihre Schwäche und Hilflosigkeit verachten. Hauptsache, wir treiben sie so in die Ecke, dass sie nur noch hassen kann, wenn auch nur sich selbst, aber immerhin: hassen. Freilich gibt es da eine Wahrscheinlichkeitsverzweigung. Die kleine Chance, dass ein einziger Mitarbeiter der Nachtwache, der mit der operativen Arbeit nicht richtig vertraut ist…«

Die Beine knickten mir weg - ich bin wirklich nicht daran gewöhnt, so lange im Zwielicht zu bleiben. Ich wär vor Sebulon auf die Knie gefallen, was ich um keinen Preis wollte. Doch Semjon schlitterte durchs Zwielicht zu mir und packte mich bei den Schultern. Vermutlich macht er so was schon seit hundertfünfzig Jahren.

»Der mit dem Außendienst nicht vertraut ist…«, wiederholte ich.»Der weicht einfach so vom üblichen Schema ab. Weder bedauert noch tröstet er die Frau, für die Mitleid tödlich wäre. Also muss man ihn von dem Objekt abziehen. Eine Situation schaffen, die ihm keine ruhige Minute lässt. Damit er für eine zweitrangige Sache eingesetzt wird, und ihn noch dazu durch persönliche Verantwortung oder Sympathie an diese

Aufgabe binden - mit allem, was sich irgend anbietet. Dafür kann man auch schon mal einen einfachen Vampir opfern. Nicht wahr?«

Sebulon begann sich zurückzuverwandeln. Rasch nahm er sein früheres Aussehen eines bescheidenen Intelligenzlers an.

Komisch. Wozu das? Ich habe gesehen, wozu er im Zwielicht geworden ist, ein für alle Mal geworden ist.