»Eine mehrzügige Kombination«, wiederholte ich.»Ich könnte schwören, dass Swetlanas Mutter durchaus nicht an einer tödlichen Krankheit sterben muss. Da habt ihr ein bisschen nachgeholfen, im Rahmen des Erlaubten natürlich… Aber dann haben auch wir unsere Rechte.«
»Sie gehört uns!«, sagte Sebulon.
»Nein.«Ich schüttelte den Kopf.»Es wird keinen Durchbruch des Infernos geben. Ihre Mutter wird wieder gesund werden. Ich fahre jetzt zu Swetlana… und erzähle ihr alles. Die Frau kommt zur Nachtwache. Ihr habt verloren, Sebulon. So oder so verloren.«
Die über dem Dach verteilten Kleiderfetzen krochen auf den Dunklen Magier zu, wuchsen zusammen, sprangen hoch und hüllten ihn ein, den traurigen, charmanten Mann, der voller Kummer war über die Welt.
»Niemand von euch wird von hier weggehen«, sagte Sebulon. Hinter ihm wölkte das Dunkel auf, als spanne es zwei riesige schwarze Flügel.
Ilja lachte erneut.
»Ich bin stärker als ihr alle.«Sebulon schielte zu Ilja hinüber.»Deine geborgten Kräfte sind nicht unerschöpflich. Ihr werdet für immer hier bleiben, im Zwielicht, in einer Tiefe, in die ihr nie hineinzusehen gewagt hättet…«
Semjon seufzte auf und sagte:»Anton, er hat es immer noch nicht verstanden.«
Ich drehte mich um und fragte:»Boris Ignatje-witsch, diese Maskerade ist doch nicht länger nötig, oder?«
Der junge nassforsche Fahnder zuckte mit den Achseln.
»Natürlich nicht, Antoschka. Aber ich habe so selten das Vergnügen, den Chef der Tagwache bei der Arbeit zu beobachten… Verzeih einem alten Mann. Ich hoffe, es war für Ilja in meinem Körper genauso interessant…«
Boris Ignatjewitsch nahm seine alte Gestalt wieder an. In einem Rutsch, ganz ohne theatralische Zwischenstufen der Metamorphose und Lichteffekte. Wie immer trug er den Hausmantel und die Kappe, zudem aber noch Tatarenstiefel aus weichem Leder, über die er Galoschen gezogen hatte.
Es war die reinste Wonne, Sebulons Gesicht zu sehen.
Die dunklen Flügel verschwanden nicht, wuchsen jedoch nicht weiter und schlugen nur unsicher, als wolle der Magier wegfliegen, könne sich aber nicht entscheiden.
»Brich die Operation ab, Sebulon«, sagte der Chef.»Wenn ihr euch unverzüglich von hier und aus Swetlanas Haus zurückzieht, werden wir darauf verzichten, offiziell Beschwerde einzureichen.«
Der Dunkle Magier zögerte keine Sekunde.
»Wir gehen.«
Der Chef nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Fast hätte man denken können… Doch er hatte den Stab gesenkt, die Barriere zwischen Sebulon und mir war verschwunden.
»Ich werde nicht vergessen, welche Rolle du hier gespielt hast…«, flüsterte der Dunkle Magier hastig.»Niemals.«
»Merk es dir nur«, pflichtete ich ihm bei.»Das kann nicht schaden.«
Sebulon legte die Hände aneinander - die mächtigen Flügel schlugen im Takt, und er verschwand. Zuvor hatte der Magier jedoch noch die Hexe angesehen, die daraufhin genickt hatte.
Oh, oh, das gefiel mir ganz und gar nicht. Nach dem Kampf angespuckt zu werden ist nicht tödlich, aber immer unangenehm.
Mit leichten, tänzelnden Schritten, die so gar nicht zu dem blutüberströmten Gesicht und dem ausgekugelten, kraftlos herabhängenden linken Arm passten, kam Alissa auf mich zu.
»Du musst auch gehen«, sagte der Chef.
»Natürlich, mit dem allergrößten Vergnügen!«, erwiderte die Hexe.»Aber vorher habe ich noch ein kleines, ein ganz kleines Recht. Nicht wahr, Anton?«
»Ja«, flüsterte ich.»Eine Einwirkung siebten Grades.«
Gegen wen würde sich der Schlag richten? Gegen den Chef? Lächerlich! Gegen Tigerjunges, Bär, Semjon…? Quatsch! Jegor? Aber was sollte sie ihm mit der geringsten Form der Intervention eingeben können?
»Öffne dich«, verlangte die Hexe.»Öffne dich, Anton. Das ist eine Intervention siebten Grades. Der Chef der Nachtwache ist mein Zeuge: Ich gehe nicht zu weit.«
Semjon stöhnte auf und presste meine Schulter so stark, dass es wehtat.
»Sie hat das Recht dazu«, sagte ich.»Boris Ignatjewitsch…«
»Tu es«, entgegnete der Chef leise.»Ich schau zu.«
Ich seufzte auf und öffnete mich der Hexe. Was konnte sie mir schon anhaben! Nichts! Eine Intervention siebten Grades - damit würde sie mich nicht auf die Seite des Dunkels ziehen! Das war doch einfach lächerlich!
»Anton«, sagte die Hexe sanft.»Sag dem Chef das, was dir auf dem Herzen liegt. Sag ihm die Wahrheit. Antworte ehrlich und aufrichtig. So, wie du antworten musst.«
»Eine minimale Einwirkung…«, wiederholte der Chef. Sollte in seiner Stimme Schmerz mitschwingen, dann war er so tief verborgen, dass ich ihn nicht hören konnte.
»Ein Mehrzüger«, sagte ich, wobei ich Boris Ignatjewitsch ansah.»Auf beiden Seiten. Die Tagwache opfert ihre Bauern. Dito die Nachtwache. Um das große Ziel zu erreichen. Um eine Zauberin von großer, beispielloser Kraft auf die eigene Seite zu ziehen. Ein junger Vampir, der so gern lieben wollte, kann da ruhig sterben. Ein kleiner Junge mit den schwachen Fähigkeiten eines Anderen kann ruhig sterben, im Zwielicht umkommen. Die eigenen Mitarbeiter können ruhig leiden. Denn es gibt ein Ziel, das alle Mittel rechtfertigt. Zwei
große Magier, die einander seit Jahrhunderten bekämpfen, zetteln wieder einmal einen kleinen Krieg an. Und dem Lichten Magier macht das mehr zu schaffen - er setzt alles auf eine Karte. Wenn er verliert, ist das nicht nur unangenehm - es ist ein Schritt ins Zwielicht, ins ewige Zwielicht. Trotzdem setzt er alles auf eine Karte. Setzt die eigenen Leute genauso wie die anderen. Ist es nicht so, Boris Ignatjewitsch?«
»Ja«, antwortete der Chef.
Alissa lachte leise auf und ging zur Luke. Sie konnte jetzt nicht fliegen. Tigerjunges hatte sie tüchtig in die Mangel genommen. Und trotzdem hatte die Hexe gute Laune.
Ich sah Semjon an, der meinem Blick auswich. Tigerjunges verwandelte sich langsam in eine Frau zurück - und versuchte ebenfalls, mich nicht anzusehen. Bär brüllte einmal kurz und stapfte ohne sein Äußeres zu ändern zur Luke. Er nahm es schwerer als die anderen. Er ist zu gradlinig. Bär, dieser hervorragende Kämpfer und Gegner von Kompromissen…
»Ihr seid Schufte, alle miteinander«, sagte Jegor. Er rappelte sich ungelenk hoch, was nicht nur an seiner Erschöpfung lag - der Chef versorgte ihn jetzt, ich sah den feinen Faden der Kraft, der sich in der Luft spannte -, sondern weil es anfangs immer schwer ist, sich vom eigenen Schatten loszureißen.
Ich folgte ihm. Das war nicht weiter problematisch, denn in der letzten Viertelstunde war derart viel Energie ins Zwielicht geflossen, dass es seine übliche aggressive Zähigkeit eingebüßt hatte.
Noch im selben Moment, als ich aus dem Zwielicht heraustrat, hörte ich ein widerwärtiges dumpfes Klatschen: Der vom Dach gestürzte Hexer war eben auf dem Asphalt aufgeschlagen.
Nach und nach tauchten die anderen auf. Eine sympathische schwarzhaarige Frau, die unter dem linken Auge blutete und deren Wangenknochen gebrochen war, ein unerschütterliches, stämmiges Kerlchen, ein imposanter Geschäftsmann im orientalischen Gewand… Bär war bereits weg. Ich wusste, was er in seiner Wohnung, in seiner Höhle, machen würde: reinen Sprit trinken und Gedichte lesen. Höchstwahrscheinlich laut. Und dabei in den fröhlich brabbelnden Fernseher glotzen.
Die Vampirin war auch da. Ihr ging es miserabel, sie grummelte irgendetwas, schüttelte den Kopf und versuchte den zerbissenen Arm zu belecken. Erschöpft mühte sich dieser, wieder zusammenzuwachsen. Rundherum war alles mit Blut bespritzt - nicht mit ihrem natürlich, sondern mit dem des letzten Opfers…