»Hau ab«, sagte ich und hob die schwere Pistole. Meine Hand zitterte verdächtig.
Die Kugel schlug klatschend ein, drang durch den toten Körper, an der Seite der Frau klaffte eine hässliche Wunde auf. Die Vampirin stöhnte und presste die gesunde Hand auf die Stelle. Der andere Arm baumelte an ein paar dünnen Sehnen herab.
»Das ist nicht nötig«, sagte Semjon sanft.»Das ist nicht nötig, Anton…«
Trotzdem zielte ich auf ihren Kopf. Doch in diesem Augenblick schoss ein riesiger schwarzer Schatten vom Himmel herab, eine Fledermaus, groß wie ein Kondor. Sie breitete die Flügel aus, schirmte die Vampirin ab und krümmte sich unter den Krämpfen der Transfor-
mation zusammen.
»Sie hat das Recht auf einen Prozess!«
Auf Kostja konnte ich nicht schießen. Ich stand einfach da und schaute auf den jungen Vampir, der im selben Haus wohnte wie ich. Er wich meinem Blick nicht aus, sondern sah mich direkt und unerbittlich an. Wie lange schleichst du schon hinter mir her, mein Freund und Widersacher? Und wozu? Um eine Artgenossin zu retten oder um den Schritt zu verhindern, der mich zu deinem Todfeind machen würde?
Ich zuckte die Schultern und steckte die Pistole in den Hosenbund. Du hast Recht, Olga. Diese ganze Technik ist Quatsch.
»Das hat sie«, bestätigte der Chef.»Semjon, Tigerjunges, ihr beide eskortiert sie.«
»Gut«, sagte Tigerjunges. Sie sah mich an - nicht mitleidig, sondern verständnisvoll. Mit federndem Schritt ging sie auf die Vampirin zu.
»Ihr blüht sowieso die Höchststrafe«, flüsterte Semjon, bevor er ihnen nachstapfte.
So verließen auch sie das Dach: Kostja, der die stöhnende, nichts begreifende Vampirin in den Armen trug, dann Semjon und Tigerjunges, die ihnen schweigend folgten.
Wir blieben zu dritt übrig.
»Du hast wirklich Fähigkeiten, mein Junge«, sagte der Chef sanft.»Nicht sehr große, doch die meisten haben nicht einmal die. Ich würde mich freuen, wenn du mein Schüler würdest…«
»Scheren Sie sich doch…«, setzte Jegor an. Höflichkeit verbot es ihm, den Satz zu beenden. Lautlos weinte der Junge vor sich hin, verzog das Gesicht und versuchte, die Tränen zurückzuhalten - was ihm jedoch nicht gelingen wollte.
Eine kleine Einwirkung siebten Grades, und ihm wäre leichter zumute. Er würde verstehen, dass das Licht nicht gegen das Dunkel kämpfen kann, ohne dabei zu allen Waffen zu greifen, die ihm zur Verfügung stehen.
Ich hob den Kopf zum Zwielicht-Himmel, öffnete den Mund und fing die kalten Schneeflocken auf. Man müsste kalt werden. Für immer. Aber nicht so wie im Zwielicht. Man müsste zu Eis werden, nicht zu Nebel, zu Schnee, nicht zu Matsch; müsste versteinern, nicht zerlaufen…
»Jegor, gehen wir, ich bring dich nach Hause«, schlug ich vor.
»Ich… habe es… ja nicht weit…«, sagte der Junge.
Noch lange stand ich da, schluckte abwechselnd Schnee und Wind - und merkte nicht, wie er ging. Ich hörte die Frage des Chefs:»Jegor, kannst du deine Eltern allein wecken?«, aber die Antwort vernahm ich nicht.
»Anton, wenn es dich tröstet - die Aura des Jungen ist nach wie vor die alte«, sagte Boris Ignatjewitsch.»Nämlich unbestimmt…«Er packte mich bei den Schultern, ein kleiner und beklagenswerter Mann, der in nichts an den Unternehmer mit dem gepflegten Äußeren oder den Magier ersten Grades erinnerte. Nur ein jung gebliebener Alter, der mal wieder eine kleine Schlacht in einem endlosen Krieg gewonnen hatte.
»Wenigstens das.«
Das hätte ich auch gewollt. Keine bestimmte Aura. Das eigene Schicksal.
»Anton, uns erwartet noch Arbeit.«
»Ich weiß, Boris Ignatjewitsch…«
»Kannst du Swetlana alles erklären?«
»Ja, vermutlich schon… Jetzt kann ich es.«
»Du musst mir verzeihen. Aber ich nutze das, was ich habe… benutze diejenigen, über die ich verfüge. Ihr beide seid miteinander verbunden. Eine ganz gewöhnliche mystische Verbindung, die durch nichts zu erklären ist. Niemand hätte dich ersetzen können.«
»Ist mir klar.«
Der Schnee legte sich mir aufs Gesicht, gefror an den Wimpern, lief in Rinnsalen über die Wangen. Ich hatte den Eindruck, dass es mir fast gelungen war zu erfrieren - doch dazu hatte ich kein Recht.
»Weißt du noch, was ich dir gesagt habe? Dass es viel schwerer ist, ein Lichter zu sein als ein Dunkler…«
»Ja…«
»Für dich wird es noch schwerer werden, Anton. Du wirst dich in sie verlieben. Mit ihr zusammenleben… für eine gewisse Zeit. Dann wird Swetlana weiterziehen. Und du wirst erleben, wie sie sich von dir entfernt, wie sie in Kreisen verkehrt, die weit über dem stehen… was dir zugänglich ist. Du wirst leiden. Dagegen kann man gar nichts machen, du hast nur am Anfang eine Rolle gespielt. So ist es mit jedem Großen Magier, mit jeder Großen Zauberin. Sie gehen über Leichen, über die Leichen von Freunden und Geliebten. Ihnen bleibt nichts anderes übrig.«
»Das verstehe ich doch… alles verstehe ich…«
»Gehen wir, Anton?«
Ich schwieg.
»Gehen wir?«
»Kommen wir nicht zu spät?«
»Noch nicht. Das Licht hat seine eigenen Wege. Ich führe dich einen kurzen Weg, danach… danach musst du deinen Weg allein gehen.«
»Dann bleibe ich hier noch ein Weilchen stehen«, sagte ich. Ich schloss die Augen, um zu spüren, wie die Schneeflocken sich flimmernd und zart auf meine Wangen legten.
»Wenn du wüsstest, wie oft ich schon so dagestanden habe«, sagte der Chef.»Genau so, um in den Himmel zu sehen und etwas zu erflehen… Mal einen Segen, mal einen Fluch.«
Ich antwortete nichts, denn ich wusste, dass ich vergebens warten würde.
»Anton, ich bin schon durchgefroren«, sagte der Chef.»Mir ist kalt. Wie einem Menschen kalt. Ich will einen Wodka trinken und mich unter der Decke verkriechen. Mich hinlegen und warten, bis du Swetlana geholfen hast… bis Olga mit dem Wirbel fertig geworden ist. Und dann Urlaub machen. Iljucha könnte meinen Platz einnehmen, schließlich ist der schon mal in meine Haut geschlüpft, und ich würde nach Samar-kand fahren. Warst du schon mal in Samarkand?«
»Nein.«
»Nicht sehr schön, wenn ich ehrlich sein soll. Vor allem jetzt. Es gibt dort nichts Schönes… bis auf die Erinnerungen. Doch die gehören nur mir. Also, was ist mit dir?«
»Gehen wir, Boris Ignatjewitsch.«
Ich wischte mir den Schnee vom Gesicht.
Jemand wartete auf mich.
Und das ist das Einzige, was uns daran hindert zu erfrieren.
Zweite Geschichte Der eigene Kreis
Prolog
Er hieß Maxim.
Kein ausgesprochen seltener Name, aber auch kein Allerweltsname wie Sergej, Andrej oder Dima. Wohlklingend. Ein gut russischer Name, auch wenn seine Wurzeln bis zu den Griechen, Warägern und Skythen zurückreichten.
Sein Äußeres stellte ihn ebenfalls zufrieden. Nicht die geleckte Schönheit der Schauspieler aus irgendeiner Serie, aber auch kein Durchschnitt, kein Niemandsgesicht. Ein schöner Mann, den man in der Menge ausmachte. Und auch hier: athletisch, aber kein Muskelprotz, keine hervortretenden Adern, kein Fanatismus, der ihn jeden Tag ins Sportstudio trieb.
Von Beruf Wirtschaftsprüfer in einer großen ausländischen Firma, mit einem Einkommen, das für alle Extravaganzen reichte, ohne dass er sich um Schutzgelderpresser Sorgen machen musste.