Als ob sein Schutzengel ein für alle Mal beschlossen hätte. -»Dir soll es ein bisschen besser als den anderen gehen.«Ein bisschen nur, doch besser.
Das Wichtigste aber war, dass sich Maxim damit völlig zufrieden gab. Karriere machen, einem Luxusschlitten hinterherjagen, nach Einladungen für die Empfänge der High Society fiebern oder unbedingt eine riesige Wohnung in Beschlag nehmen - wozu? Das Leben an sich war schön - ganz ohne diese Güter, die man irgendwann mal erlangt. In diesem Sinne bedeutete das Leben das genaue Gegenteil vom Geld, das an sich nichts war.
Natürlich dachte Maxim nie so direkt über diese Dinge nach. Eine der Besonderheiten von Menschen, denen es gelungen ist, ihren Platz im Leben zu finden, besteht darin, dass sie das für völlig normal halten. Alles kommt so, wie es kommen muss. Und wenn jemand nicht das bekommt, was er möchte, ist es einzig und allein seine Schuld. Dann ist er faul und dumm gewesen. Oder hatte überzogene Ansprüche.
Maxim gefiel der Ausdruck»überzogene Ansprüche«ungemein. Er rückte alles an den rechten Ort. Erklärte beispielsweise, warum seine kluge und schöne Schwester mit einem Trinker als Mann in Tambow dahinvegetierte. Musste sie sich unbedingt etwas Besseres und Aussichtsreicheres suchen? Na, das hatte sie ja gefunden. Oder sein alter Schulfreund, der bereits den zweiten Monat mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus lag. Hatte der nicht sein Geschäft ausbauen wollen? Eben. Er konnte von Glück sagen, dass er mit dem Leben davongekommen war. Dass sich die Konkurrenten auf dem seit langem aufgeteilten Markt für Edelmetalle als Menschen mit guten Manieren herausgestellt hatten…
Und nur in einem Fall wandte Maxim den Ausdruck der»überzogenen Ansprüche«auf sich selbst an. Doch das war ein derart seltsamer und komplizierter Aspekt - über den er nicht einmal nachdenken wollte. Es war leichter, nicht darüber nachzudenken, leichter, sich mit diesem merkwürdigen Drang abzufinden, der ihn ab und zu im Frühling befiel, manchmal auch im Herbst und in seltenen Ausnahmen auch im Hochsommer, wenn eine unerträgliche Hitze herabschlug, die jede Vernunft, jede Wachsamkeit, jeden leichten Zweifel an der eigenen psychischen Gesundheit im Kopf wegätzte. Dabei hielt Maxim sich keineswegs für schizophren. Er hatte etliche Bücher gelesen und erfahrene Ärzte aufgesucht - denen gegenüber er natürlich nicht ins Detail gegangen war.
Nein, er war normal. Offensichtlich gab es in der Tat etwas, wovor der gesunde Menschenverstand passen musste, was sich mit den üblichen menschlichen Normen nicht fassen lässt. Überzogene Ansprüche - wie unschön. Doch waren sie das wirklich: überzogen?
Der Motor lief nicht, während Maxim im Auto saß, in seinem sauberen, gepflegten Toyota, nicht das teuerste und schickste Modell, aber weit besser als die meisten Wagen auf Moskaus Straßen. Im morgendlichen Halbdunkel konnte man ihn selbst aus einer Entfernung von nur wenigen Schritten nicht hinterm Steuer ausmachen. Die ganze Nacht hatte er so zugebracht, dem leisen Knacken des kalt gewordenen Motors lauschend, war halb erfroren, hatte sich aber dennoch nicht erlaubt, die Standheizung einzuschalten. Wie in solchen Fällen üblich, wollte er nicht schlafen. Rauchen auch nicht. Nichts wollte er, er genoss es einfach, so dazusitzen, bewegungslos, ein Schatten in einem am Straßenrand geparkten Auto, und zu warten. Das Einzige, was ihn ärgerte, war, dass seine Frau schon wieder dachte, er verbringe die Nacht bei einer Geliebten. Doch wie sollte er ihr beweisen, dass er keine Geliebte hatte, keine Dauerfreundin, und dass sämtliche Seitensprünge sich auf die üblichen Affären im Urlaub, Flirts auf der Arbeit und ein paar Nutten während einer Geschäftsreise beschränkten - Letztere noch nicht mal vom Familienbudget bezahlt, sondern von Kunden offeriert. Da konnte man ja nicht ablehnen, wollte man niemanden beleidigen. Oder für einen Schwulen gehalten werden, sodass man beim nächsten Mal Knaben vorgesetzt bekam…
Die grün leuchtenden Ziffern der Uhr sprangen um: fünf Uhr morgens. Bald würden die Hausmeister hervorgekrochen kommen, um sich an die Arbeit zu machen. Der Bezirk war alt, renommiert, hier achtete man auf Sauberkeit. Wie schön, dass es weder regnete noch schneite, der Winter hatte ein Ende, verreckt war das Scheusal und hatte dem Frühling Platz gemacht mit all seinen Problemen und überzogenen Ansprüchen…
Eine Haustür knallte. Eine junge Frau trat auf die Straße, blieb kurz stehen, rückte den Riemen der Tasche auf der Schulter zurecht, alles etwa zehn Meter vom Auto entfernt. Diese blöden Häuser ohne Höfe, hier arbeitete man nicht gern, hier lebte man bestimmt auch nicht gern: Was hatte man denn von all dem Renommée, wenn die Rohre verfaulten, die meterhohen Wände vor Schimmel starrten und vermutlich Gespenster umgingen.
Maxim lächelte leicht und stieg aus dem Auto. Sein Körper gehorchte ihm einwandfrei, die Muskeln waren über Nacht nicht eingeschlafen, sondern schienen sogar noch Kraft gesammelt zu haben. Ein gutes Zeichen.
Dennoch, interessieren würde es ihn schon einmaclass="underline" Ob es eigentlich Gespenster gibt?
»Galina!«, rief er.
Die Frau drehte sich zu ihm um. Auch das war ein sicheres Anzeichen, sonst wäre sie losgerannt, denn ein Mann, der dich in aller Herrgottsfrühe vor deinem Haus abpasst, ist doch verdächtig und gefährlich.
»Ich kenne Sie nicht«, sagte sie. Ruhig, neugierig.
»Stimmt«, bestätigte Maxim.»Dafür kenne ich Sie.«
»Wer sind Sie?«
»Der Richtherr!«
Diese Form gefiel ihm, diese archaische, gespreizte, feierliche Form. Richtherr! Derjenige, der das Recht hatte zu richten.
»Und über wen wollen Sie richten?«
»Über Sie, Galina.«Maxim war konzentriert und sachlich. Langsam wurde ihm dunkel vor Augen - auch das ein sicheres Anzeichen.
»Ach ja?«Als sie ihn mit einem raschen Blick musterte, bemerkte Maxim in den Pupillen ein gelbliches Feuer.»Aber ob Sie es schaffen werden?«
»Werd ich«, erwiderte Maxim und riss den Arm hoch. Der Dolch lag bereits in der Hand, eine schmale dünne Waffe aus Holz, das einst hell gewesen, doch in den letzten drei Jahren nachgedunkelt war, durchtränkt…
Die Frau gab keinen Laut von sich, als die Holzschneide unter ihrem Herz eindrang.
Wie stets verspürte Maxim einen Moment der Furcht, eine kurze und sengende Welle des Schreckens - ob er nicht doch einen Fehler begangen hatte? Trotz allem?
Mit der linken Hand berührte er das Kreuz, das schlichte Holzkreuz, das immer auf seiner Brust ruhte. So stand er da, in der einen Hand den Holzdolch, die andere fest um das Kreuz geballt, stand da, bis die Frau sich zu verändern begann…
Es ging schnell. Immer ging es schnelclass="underline" die Verwandlung in ein Tier und zurück in einen Menschen. Für ein paar Sekunden lag ein Tier auf dem Pflaster, ein
schwarzer Panther mit erstarrtem Blick und gebleckten Reißzähnen, ein Opfer der Jagd, gewandet in ein Kostüm von strengem Schnitt, mit einer Strumpfhose, die kleinen Füße beschuht. Dann lief der Prozess rückwärts, als schlage das Pendel zum letzten Mal.
Maxim wunderte sich weniger über diese rasche und in der Regel verspätet einsetzende Transformation als vielmehr darüber, dass die tote Frau keine Wunde zeigte. Der kurze Moment der Verwandlung hatte sie gereinigt, geheilt. Nur ein Schnitt in der Bluse und im Jackett war geblieben.
»Gelobt seist du, Herr«, flüsterte Maxim, während er auf die tote Tierfrau sah.»Gelobt seist du, Herr.«
Er hatte nichts gegen die Rolle einzuwenden, die ihm in diesem Leben zugedacht war.
Dennoch lastete sie schwer auf ihm, der er keine überzogenen Ansprüche hatte.