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Dennoch lastete sie schwer auf ihm, der er keine überzogenen Ansprüche hatte.

Eins

An diesem Morgen merkte ich, dass der Frühling wirklich eingezogen war.

Noch am Abend hatte ein ganz anderer Himmel über der Stadt gehangen, waren Wolken über Moskau hinweggezogen, hatte es nach feuchtem modrigen Wind und ungefallenem Schnee gerochen. Man wollte sich tiefer in den Sessel hineinkuscheln, eine Videokassette mit irgendeinem grellen und stumpfsinnigen - also amerikanischen - Film einlegen, Kognak trinken und dabei einschlafen.

Am Morgen hatte sich alles geändert.

Mit der Geste eines erfahrenen Zauberkünstlers war ein hellblaues Tuch über die Stadt geworfen, durch Straßen und Plätze gezogen worden, als habe man damit die letzten Spuren des Winters weggewischt. Und selbst die Klumpen braunen Schnees, die sich noch in den Ecken und Rinnsteinen fanden, wirkten nicht, als habe der einziehende Frühling etwas übersehen, sondern wie ein unverzichtbares Element des Interieurs. Wie eine Erinnerung…

Lächelnd ging ich zur Metro.

Manchmal ist es sehr schön, ein Mensch zu sein. Bereits seit einer Woche führte ich jetzt dieses Leben: ging zur Arbeit, blieb aber immer im ersten Stock, kämpfte mit dem Server, der urplötzlich eine Reihe merkwürdiger Angewohnheiten an den Tag legte, installierte für die Mädchen aus der Buchhaltung neue Programme, von deren Notwendigkeit weder sie noch ich überzeugt waren. Abends ging ich ins Theater, zum Fußball, in kleine Bars oder Restaurants. Egal wohin, Hauptsache, es war laut und voller Menschen. Ein Mensch in der Menge zu sein ist noch viel interessanter, als einfach ein Mensch zu sein.

Im Büro der Nachtwache - untergebracht in einem alten dreistöckigen Gebäude, das wir bei unserer eigenen Tochterfirma angemietet hatten - fand man natürlich weit und breit keinen Menschen. Sogar die drei alten Putzfrauen waren Andere. Selbst die dreisten jungen Wachleute am Eingang, die kleine Banditen und Handelsreisende abschrecken sollten, verfügten über ein gewisses magisches Potenzial. Sogar der Klempner - ein Säufer, wie jeder anständige Klempner in Moskau - war ein Magier… und wäre gar kein schlechter Magier gewesen, wenn er nicht dem Alkohol verfallen wäre.

Wie allenthalben wirkten die beiden untersten Stockwerke absolut unauffällig. Bis hierhin durfte sich die Steuerpolizei vorwagen, aber auch unsere Geschäftspartner aus der Menschenwelt oder unsere Paten. Die Paten ihrerseits steuerte zwar der Chef persönlich - doch das ging das gemeine Fußvolk ja wohl kaum etwas an, oder?

Auch die Gespräche, die hier geführt wurden, waren ganz alltäglich. Politik, Steuern, Einkäufe, das Wetter, Liebesaffären von anderen und die eigenen amourösen Abenteuer. Die Frauen hechelten die Männer durch, wir blieben ihnen nichts schuldig. Man fing ein Techtelmechtel an, spann Intrigen, um am Stuhl der direkten Vorgesetzten zu sägen, und erörterte die Aussichten auf eine Prämie.

Bis nach Sokol brauchte ich eine halbe Stunde. Ich verließ die Metro. Hier draußen war es laut, die Luft vom Gestank der Autoabgase geschwängert. Und

trotzdem - es war Frühling.

Unser Büro liegt nicht im miesesten Bezirk Moskaus. Überhaupt nicht - wenn man ihn nicht gerade mit dem Sitz der Tagwache vergleicht. Doch wie man es auch dreht und wendet, der Kreml ist nichts für uns: Allzu deutlich sind die Spuren, die die Vergangenheit dem Roten Platz und den alten Ziegelmauern aufgedrückt hat. Vielleicht verschwinden sie irgendwann einmal. Doch bislang sieht es nicht danach aus… leider.

Von der Metro ging ich zu Fuß, denn ich hatte es nicht weit. Um mich herum nur fröhliche Gesichter, von Sonne und Frühling erwärmt. Dafür liebe ich diese Jahreszeit: Sie mindert das Gefühl der schwermütigen Ohnmacht. Und man wird weniger in Versuchung geführt…

Einer der Wachleute rauchte vorm Eingang. Er nickte mir freundlich zu, eine genaue Kontrolle gehörte nicht zu seinen Aufgaben. Von mir hingegen hing ab, ob der Computer in ihrer Kammer einen Zugang zum Internet kriegte und ein paar aktuelle Spiele installiert wurden oder ob man über ihn nur an interne Information und die Dossiers über die Mitarbeiter kam.

»Du bist spät dran, Anton«, bemerkte er leichthin.

Mit zweifelndem Blick sah ich auf die Uhr.

»Der Chef hat alle in den Konferenzraum beordert, sie suchen dich schon.«

Das war merkwürdig, da ich normalerweise nicht zu der morgendlichen Besprechung hinzugebeten wurde. Ob etwas mit dem Betriebssystem passiert war? Wohl kaum, denn dann hätte man mich aus dem Bett geklingelt und all das, es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Ich nickte und legte einen Zahn zu.

Im Haus gibt es zwar einen Fahrstuhl, doch der ist uralt, sodass ich es vorzog, in den dritten Stock zu sprinten. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock gab es einen weiteren Posten, der schon wichtiger war. Garik hatte Dienst. Als ich mich näherte, kniff er die Augen zusammen und sah durchs Zwielicht, um meine Aura zu scannen und alle die Zeichen zu überprüfen, die wir Wächter am Körper tragen. Erst danach sagte er freundlich:»Beeil dich.«

Die Tür zum Konferenzraum stand einen Spalt auf. Ich spähte hinein: Dreißig Mitarbeiter hatten sich versammelt, vor allem aus der operativen und der analytischen Abteilung. Der Chef ging vor einer Karte von Moskau auf und ab und nickte, während Witali Markowitsch, sein Stellvertreter für den kommerziellen Bereich, ein sehr schwacher Magier, dafür aber der geborene Geschäftsmann, sagte:»Auf diese Weise decken wir die laufenden Kosten in vollem Umfang ab, sodass keinerlei Notwendigkeit besteht, auf… äh… besondere Formen finanzieller Transaktionen zurückzugreifen. Wenn die Versammlung meine Vorschläge unterstützt, können wir die Besoldung unserer Mitarbeiter, in erster Linie selbstverständlich von denen aus der operativen Abteilung, geringfügig anheben. Auch die Zahlungen bei zeitweiliger Arbeitsunfähigkeit sowie die Renten für die Angehörigen Verstorbener sollten… äh… leicht erhöht werden. Wir könnten uns das leisten…«

Schon komisch, dass Magier, die in der Lage sind, Blei in Gold, Kohle in Diamanten und geschreddertes Papier in funkelnagelneue Kreditkarten zu verwandeln, wirtschaftlich aktiv werden. Doch im Grunde schlägt man damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen gibt man den Anderen eine Beschäftigung, deren Fähigkeiten so gering sind, dass sie nicht von ihnen leben könnten. Zum anderen verringert sich auf diese Weise das Risiko, das Gleichgewicht der Kräfte zu stören.

Bei meinem Erscheinen nickte Boris Ignatjewitsch mir zu.

»Witali, vielen Dank«, sagte er.»Ich glaube, die Situation ist klar und an eurer Tätigkeit nichts auszusetzen. Wollen wir abstimmen? Danke. Jetzt, wo alle da sind…«

Unter dem aufmerksamen Blick des Chefs schlich ich mich zu einem freien Sessel und nahm Platz.

»… können wir zur Hauptfrage kommen.«

Neben mir saß Semjon, der sich jetzt zu mir hinüberbeugte.»Die Hauptfrage ist die der Bezahlung der Parteibeiträge für März…«, flüsterte er mir zu.

Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ab und zu lugte aus Boris Ignatjewitsch in der Tat der alte Parteifunktionär heraus. Mich störte das weit weniger, als wenn er sich als mittelalterlicher Inquisitor oder General a. D. gebarte, aber möglicherweise beging ich da einen Fehler.

»Die Hauptfrage ist ein Protest der Tagwache, den ich vor zwei Stunden erhalten habe«, sagte der Chef.

Ich begriff ihn nicht sofort. Die Tag- und die Nachtwache kamen einander permanent in die Quere. Jede Woche einmal reichte man Protest ein, manches wurde auf regionaler Ebene geregelt, manches vors Tribunal in Bern gebracht.