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Dann ging mir auf, dass ein Protest, der eine erweiterte Versammlung der Wache nach sich zog, kein gewöhnlicher sein konnte.

»Der Kern des Protests…«Der Chef knetete sich die Nasenwurzel.»Der Kern des Protests ist folgender: Heute Morgen wurde in der Gegend der Stoleschnikow-Gasse eine Dunkle ermordet. Hier eine kurze Beschreibung des Vorfalls.«

Auf meine Knie klatschten zwei Blatt Papier, Computerausdrucke. Alle anderen wurden ebenfalls mit diesem Geschenk bedacht. Ich überflog den Text:

Galina Rogowa, vierundzwanzig Jahre… Initiierung mit sieben Jahren, die Familie gehört nicht zu den Anderen. Erzogen unter dem Patronat der Dunklen… Mentorin Anna Tschernogorowa, Magierin vierten Grades… Mit acht Jahren wird Galina Rogowa als Pantherfrau bestimmt. Mittlere Fähigkeiten…

Mit gerunzelter Stirn blätterte ich das Dossier durch. Obwohl es im Prinzip keinen Grund gab, die Stirn zu runzeln. Rogowa war eine Dunkle, arbeitete aber nicht in der Tagwache. Die Bestimmungen des Vertrags hielt sie ein. Auf Menschen machte sie keine Jagd. Niemals. Selbst von den beiden Lizenzen, die ihr zur Volljährigkeit und zur Hochzeit ausgestellt worden waren, hatte sie keinen Gebrauch gemacht. Mit Magie hatte sie sich in der Baufirma Warmes Haus hochgearbeitet und den stellvertretenden Direktor geheiratet. Sie hatte ein Kind, einen Jungen, bei dem keine Fähigkeiten eines Anderen festgestellt worden waren. Ein paarmal hatte sie ihre Fähigkeiten als Andere zur Selbstverteidigung eingesetzt, einmal einen Angreifer getötet. Doch selbst dabei war sie nicht zur Menschenfresserin geworden.

»Von solchen Tiermenschen müsste es mehr geben, nicht wahr?«, fragte Semjon. Er blätterte die Seiten durch und schnalzte mit der Zunge. Neugierig geworden, nahm ich mir das Ende des Dokuments vor.

Aha. Das Protokoll der Autopsie. Ein Schnitt in der Bluse und im Jackett, vermutlich von einem dünnen Dolch. Einem manipulierten, denn mit gewöhnlichem Eisen brachte man einen Tiermenschen nicht um… Worüber wunderte sich Semjon also?

Ha, das war’s!

Am Körper waren keine sichtbaren Verletzungen festgestellt worden. Keine. Als Todesursache wurde der vollständige Verlust der Lebensenergie genannt.

»Alle Achtung«, sagte Semjon.»Ich kann mich noch erinnern, wie man mich während des Bürgerkriegs losgeschickt hat, um einen Tigermenschen aus dem Verkehr zu ziehen. Und dieser Dreckskerl war bei der Tscheka, und durchaus kein kleines Licht…«

»Haben sich alle mit dem Fall vertraut gemacht?«, wollte der Chef wissen.

»Darf ich was fragen?«Am anderen Ende des Raums erhob sich ein dünner Arm. Fast alle mussten lächeln.

Der Chef nickte.»Nur zu, Julja.«

Die jüngste Mitarbeiterin der Wache erhob sich und strich sich unsicher die Haare zurück. Ein liebes Mädchen, wenn auch noch ein wenig kindlich. Doch in die analytische Abteilung hatte man sie nicht ohne Grund aufgenommen.

»Boris Ignatjewitsch, meiner Ansicht nach haben wir es mit einer magischen Einwirkung zweiten Grades zu tun. Oder ersten?«

»Möglicherweise zweiten Grades«, bestätigte der Chef.

»Das heißt, das können nur Sie gemacht haben…«Julja schwieg einen Moment lang verlegen.»Oder Semjon… Ilja… oder Garik. Stimmt’s?«

»Garik hätte es nicht gekonnt«, erwiderte der Chef.»Ilja und Semjon vermutlich schon.«

Semjon grummelte etwas in der Art, auf das Kompliment könne er gern verzichten.

»Außerdem könnte den Mord noch ein Lichter verübt haben, der auf der Durchreise in Moskau ist«, dachte Julja laut.»Andererseits wäre ein Magier von solcher Kraft kaum unbemerkt in die Stadt gelangt, sie müssen ja alle zur Registrierung in die Tagwache. Das heißt also, dass wir drei Personen überprüfen müssen. Sollten alle ein Alibi haben, kann man uns doch wohl nichts vorwerfen?«

»Julenka«, meinte der Chef nickend,»uns wirft niemand dergleichen vor. Die Sache ist die, dass in Moskau ein Lichter Magier agiert, der nicht registriert ist und der den Vertrag nicht kennt.«

Was man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte…

»Oh, also dann…«, sagte Julja.»Verzeihen Sie bitte, Boris Ignatjewitsch.«

»Du hast alles richtig dargelegt.«Der Chef nickte.»Damit sind wir gleich beim Kern der Frage. Uns ist irgendjemand entgangen, Kinder. Wir haben ihn verpennt, uns durch die Finger gleiten lassen. Durch Moskau irrt ein Lichter Magier von großer Kraft. Der keine Ahnung hat - und Dunkle ermordet.«

»Ermordet?«, fragte jemand im Raum.

»Ja. Ich habe die Archive durchgestöbert. Vergleichbare Fälle hat es vor drei Jahren schon gegeben, im Herbst und im Frühjahr, und vor zwei Jahren im Herbst. Jedes Mal ließen sich am Körper keine Verletzungen entdecken, während in der Kleidung Schnitte festgestellt wurden. Die Tagwache hat in der Sache ermittelt, konnte aber nichts herausfinden. Offenbar hielten sie den Tod ihrer Leute für einen Zufall… wofür jetzt jemand von den Dunklen büßen wird.«

»Und von den Lichten?«

»Ebenfalls.«

Semjon räusperte sich.»Das ist eine seltsame Periodizität, Boris…«, sagte er leise.

»Vermutlich kennen wir nicht alle Fälle, Kinder. Wer auch immer dieser Magier sein mag, er hat stets Andere mit nicht sehr ausgeprägten Fähigkeiten getötet, die in ihrer Maskierung offenbar nachlässig gewesen sind. Es ist durchaus möglich, dass ihm weitere, nicht initiierte oder den Dunklen unbekannte Andere zum Opfer fielen. Deshalb schlage ich vor…«Der Chef ließ den Blick durch den Raum schweifen.»Die analytische Abteilung sammelt kriminalistische Informationen und sucht nach vergleichbaren Fällen. Denkt daran, dass sie womöglich nicht als Mord geführt werden, sondern als Tod unter ungeklärten Umständen. Geht die Obduktionsergebnisse durch, befragt die Mitarbeiter in den Leichenschauhäusern… Überlegt selbst, wie ihr an weitere Informationen kommt. Die wissenschaftliche Gruppe… schickt zwei oder drei Leute in die Tagwache, um die Leiche zu untersuchen. Ihr müsst herausfinden, wie er die Dunklen umbringt. Lasst ihn uns der Einfachheit halber den Wilden nennen. Die operative Gruppe… verstärkt die Streifen in den Straßen. Sucht ihn, Kinder.«

»Wir machen die ganze Zeit nichts anderes, als irgendjemanden zu suchen«, murrte Igor unzufrieden.»Ein starker Magier wär uns aufgefallen, Boris Ignatjewitsch! Mit Sicherheit!«

»Eventuell ist er nicht initiiert«, entgegnete der Chef.»Seine Fähigkeiten treten nur periodisch auf…«

»Im Frühling und im Herbst, wie bei jedem Irren…«

»Ja, Igor, völlig richtig. Im Frühling und im Herbst. Und jetzt, unmittelbar nach dem Mord, müsste die Magie irgendeinen Abdruck an ihm hinterlassen haben. Das ist eine Chance, eine kleine nur, aber immerhin. An die Arbeit.«

»Mit welchem Ziel, Boris?«, fragte Semjon neugierig.

Ein paar waren schon aufgestanden, blieben daraufhin aber noch.

»Das Ziel ist es, den Wilden vor den Dunklen zu finden. Ihn zu verteidigen, auszubilden und auf unsere Seite zu ziehen. Wie immer.«

»Alles klar.«Semjon erhob sich.

»Anton und Olga, ihr beide bleibt bitte noch«, meinte der Chef knapp und trat ans Fenster.

Alle anderen guckten mich beim Herausgehen neugierig an. Und auch ein bisschen neidisch. Eine Spezialaufgabe ist immer interessant. Ich schaute durch den Raum, erblickte Olga und lächelte ihr zu, aber nur mit den Lippen. Sie lächelte zurück.

Nichts an ihr erinnerte mehr an die barfüßige, verdreckte Frau, die im tiefsten Winter bei mir in der Küche Kognak getrunken hatte. Eine schicke Frisur, eine gesunde Hautfarbe, in den Augen - nein, die Selbstsicherheit hatte auch schon früher in ihnen gelegen, nicht aber die Koketterie und der Stolz, die jetzt in ihnen funkelten.