Ihre Strafe hatte man aufgehoben. Wenn auch nur teilweise.
»Mir gefällt nicht, was hier passiert, Anton«, sagte der Chef, ohne sich umzudrehen.
Olga zuckte mit den Schultern und nickte - antworte du.
»Wie meinen Sie das, Boris Ignatjewitsch?«
»Mir gefällt der Protest nicht, den die Tagwache eingereicht hat.«
»Mir auch nicht.«
»Du verstehst das nicht. So wenig wie alle anderen, fürchte ich… Olga, ahnst wenigstens du, worum es geht?«
»Es ist höchst merkwürdig, dass die Tagwache im Laufe von ein paar Jahren nicht in der Lage ist, den Mörder zu finden.«
»Nicht wahr? Erinnerst du dich an Krakau?«
»Leider. Glaubst du, sie stellen uns eine Falle?«
»Ausgeschlossen ist es nicht…«Boris Ignatjewitsch trat vom Fenster weg.»Anton, hältst du diese Entwicklung für möglich?«
»Ich verstehe das noch nicht ganz«, murmelte ich.
»Anton, nehmen wir einmal an, in der Stadt lebt tatsächlich ein mordender Einzelgänger, unser Wilder. Er ist nicht initiiert. Ab und an brechen sich seine Fähigkeiten Bahn - dann macht er einen Dunklen aus und vernichtet ihn. Kann die Tagwache ihn finden? O ja, das könnte sie, davon kannst du ausgehen. Damit stellt sich die Frage, warum sie ihn noch nicht entdeckt
und aus dem Verkehr gezogen hat? Schließlich sterben hier Dunkle!«
»Es stirbt nur Fußvolk«, gab ich zu bedenken.
»Richtig. Die Bauern zu opfern gehört zur Tradition…«Der Chef hielt inne, als er meinen Blick auffing.»Zur Tradition der Wache.«
»Der Wachen«, sagte ich rachsüchtig.
»Der Wachen«, wiederholte der Chef müde.»Ich habe es nicht vergessen… Machen wir uns doch mal klar, was sich aus unseren bisherigen Überlegungen ergibt. Soll die gesamte Nachtwache der Fahrlässigkeit angeklagt werden? Das wäre lächerlich. Wir haben das Verhalten der Dunklen zu kontrollieren und darauf zu achten, dass die uns bekannten Lichten den Vertrag einhalten, müssen aber nicht irgendwelche geheimnisvollen Verrückten aufspüren. Hier trägt allein die Tagwache die Schuld…«
»Die Provokation zielt also auf jemanden Konkretes?«
»Sehr schön, Anton. Weißt du noch, was Julja gesagt hat? Diejenigen von uns, die so etwas hätten machen können, kannst du an einer Hand abzählen. Das ist bewiesen. Nehmen wir einmal an, die Tagwache möchte jemanden der Verletzung des Vertrags anklagen. Behauptet, dass ein fester Mitarbeiter, der den Vertrag genau kennt, Gericht spielt und auf eigene Faust mit den Dunklen abrechnet.«
»Aber das lässt sich doch leicht von der Hand weisen. Man braucht nur den Wilden zu finden…«
»Und wenn die Dunklen ihn vor uns finden? Darüber aber kein Wörtchen verlauten lassen?«
»Was ist mit einem Alibi?«
»Und wenn die Morde immer in Zeiten stattfanden, für die es kein Alibi gibt?«
»Dann kommt es zum Tribunal mit uneingeschränktem Verhör«, sagte ich finster. Sicher, es ist keine schöne Sache, wenn im Bewusstsein das Unterste zuoberst gekehrt wird.
»Ein starker Magier, und die Morde wurden von einem starken Magier begangen, kann sich selbst dem Tribunal verschließen. Er kann es nicht täuschen, aber sich verschließen. Mehr noch, Anton, bei einem Tribunal, an dem auch Dunkle teilnehmen, muss er das sogar. Der Feind gelangt sonst an zu viel Informationen. Aber ein Magier, der sich bei den Ermittlungen verschließt, gilt automatisch als schuldig. Mit allen daraus resultierenden Folgen… für ihn und für die Wache.«
»Ein düsteres Bild, Boris Ignatjewitsch«, räumte ich ein.»Ein sehr düsteres. Fast wie jenes, das Sie im Winter für mich entworfen haben, damals im Traum. Der kleine Andere mit den unglaublichen Kräften, ein Durchbruch des Infernos, der ganz Moskau in Schutt und Asche legt…«
»Schon gut. Aber ich lüge dich nicht an, Anton.«
»Was verlangen Sie von mir?«, wollte ich ohne Umschweife wissen.»Das ist doch überhaupt nicht mein Profil. Soll ich den Analytikern helfen? Wir werten auch so alles aus, was man uns vorsetzt.«
»Ich möchte, dass du herausbekommst, wer von uns in Gefahr schwebt, Anton. Wer hat ein Alibi für alle bekannten Fälle und wer nicht.«
Der Chef steckte die Hand in die Tasche seines Jacketts und holte eine DVD heraus.»Nimm das… Es sind die vollständigen Dossiers für die letzten drei Jah-
re. Von vier Personen, mich eingeschlossen.«
Ich schluckte und nahm die Scheibe.
»Die Passwörter sind gelöscht. Dir ist natürlich klar, dass diese Daten niemand sonst sehen darf. Du hast kein Recht, die Informationen zu kopieren. Verschlüssel deine Berichte und Graphiken… und geize nicht bei der Länge des Schlüssels.«
»Ich brauche einen Assistenten«, sagte ich unsicher. Ich sah Olga an. Doch was konnte sie mir schon für eine Hilfe sein: Ihre Computerkenntnisse beschränkten sich auf Spiele wie Heretic oder Hexen.
»Meine Daten überprüf selbst«, sagte der Chef zögernd.»Für die anderen kannst du Anatoli hinzuziehen. Abgemacht?«
»Aber welche Aufgabe habe ich dann?«, wollte Olga wissen.
»Du wirst das Gleiche tun, allerdings indem du die Leute persönlich befragst. Sie verhörst, um die Dinge beim Namen zu nennen. Mit mir fängst du an. Dann nimmst du dir die anderen drei vor.«
»Gut, Boris.«
»Mach dich an die Arbeit, Anton.«Der Chef nickte.»Fang gleich an. An die sonstigen Sachen setz deine Mädchen, die werden schon damit fertig.«
»Soll ich an den Daten auch herumbasteln?«, fragte ich.»Wenn jemand kein Alibi hat - ihm eins besorgen?«
Der Chef schüttelte den Kopf.»Nein. Darum geht es nicht. Ich will nicht, dass irgendwas gefälscht wird. Ich will mich davon überzeugen, dass niemand von uns etwas mit diesen Morden zu tun hat.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Ja. Denn es gibt nichts, was in dieser Welt unmöglich wäre. Was unsere Arbeit auszeichnet, Anton, ist, dass ich dich mit dieser Aufgabe betrauen kann. Und du sie ordentlich machst. Egal, um wen es sich dabei handelt.«
Obwohl mich etwas beunruhigte, nickte ich und ging zur Tür, die wertvolle Scheibe fest im Griff. Erst in letzter Sekunde vermochte ich meine Frage zu formulieren, sodass ich mich noch einmal umwandte.»Boris Ignatjewitsch…«
Der Chef und Olga wichen sofort auseinander.
»Boris Ignatjewitsch, Sie haben mir die Daten von vier Leuten gegeben.«
»Ja.«
»Von Ihnen, Ilja, Semjon…«
»Und von dir, Anton.«
»Warum?«, fragte ich begriffsstutzig.
»Während der Konfrontation auf dem Dach bist du für drei Minuten in die zweite Schicht des Zwielichts vorgedrungen. Anton… das ist die dritte Kraftstufe.«
»Das kann nicht sein«, entgegnete ich nur.
»Doch.«
»Boris Ignatjewitsch, Sie sagen selbst immer, dass ich nur ein durchschnittlicher Magier bin!«
»Vielleicht, weil ich einen hervorragenden Programmierer viel dringender brauche als einen weiteren guten Mann für den Außendienst.«
Unter anderen Umständen wäre ich stolz gewesen. Auch beleidigt, aber trotzdem stolz. Ich hatte immer vermutet, dass der vierte Grad für mich den Gipfel
dessen darstellt, was ich in der Magie erreichen kann - und selbst den würde ich nicht so bald erlangen. Aber jetzt überdeckte die Angst alles, diese unangenehme, klebrige, widerwärtige Angst. In fünf Jahren Arbeit in der Wache auf einem ruhigen Posten im Stab hatte ich es mir abgewöhnt, noch irgendwas zu fürchten: weder Behörden noch Banditen oder Krankheiten…