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»Das war eine Intervention zweiten Grades…«

»Die Trennlinie ist hier sehr schmal, Anton. Möglicherweise bist du noch zu mehr fähig.«

»Aber wir haben mehr als ein Dutzend Magier dritten Grades. Warum gerate ich da in Verdacht?«

»Weil du Sebulon persönlich herausgefordert hast. Dem Leiter der Tagwache Moskaus ans Leder gegangen bist. Und er wäre durchaus imstande, eine Falle aufzustellen, die auf Anton Gorodezki persönlich zugeschnitten ist. Genauer gesagt, eine alte Falle, die er noch in petto hatte, entsprechend umzubauen.«

Ich schluckte und verließ den Raum, ohne eine weitere Frage zu stellen.

Unser Labor befindet sich ebenfalls im dritten Stock, jedoch in einem anderen Flügel. Schnellen Schrittes lief ich den Korridor hinunter, nickte allen, die mir entgegenkamen, zu, blieb aber bei niemandem stehen. Die Scheibe hielt ich fester als ein entflammter Teenager die Hand seiner Angebeteten.

Der Chef hatte mich doch nicht belogen?

Konnte dieser Schlag auf mich zielen?

Bestimmt hatte er nicht gelogen. Ich hatte ihm eine klare Frage gestellt und eine klare Antwort bekommen. Gewiss, im Laufe der Jahre legen sich auch die Lichtesten Magier einen gewissen Zynismus zu und lernen

es, mit Worten zu jonglieren. Doch die Folgen einer offenen Lüge wären selbst für Boris Ignatjewitsch zu heftig.

Der Vorraum war mit einem elektronischen Überwachungssystem ausgestattet. Ich weiß, dass sich alle Magier über Technik lustig machen, und Semjon hatte mir sogar mal gezeigt, wie leicht sich ein Stimmenana-lysator und ein Netzhautscanner täuschen lassen. Trotzdem hatte ich auf dem Kauf dieses teuren Spielzeugs bestanden. Selbst wenn es uns nicht gegen einen Anderen schützte. Doch ich hielt es keineswegs für ausgeschlossen, dass uns die Jungs vom Föderativen Sicherheitsdienst oder von der Mafia irgendwann mal auf den Zahn fühlen wollten.

»Eins, zwei, drei, vier, fünf…«, murmelte ich ins Mikrofon, während ich ins Objektiv der Kamera schaute. Die Elektronik brauchte ein paar Sekunden, dann leuchtete über der Tür das grüne Zutrittslämpchen auf.

Im ersten Zimmer herrschte gähnende Leere. Die Ventilatoren des Servers brummten, die in die Wände eingelassenen Klimaanlagen schnauften. Trotzdem war es heiß. Dabei hatte der Frühling gerade erst angefangen.

Ohne ins Labor der Sysops hineinzuschauen, ging ich gleich in mein eigenes Büro. Nun, nicht ganz mein eigenes - mein Stellvertreter Tolik hauste dort ebenfalls. Bisweilen sogar im wörtlichen Sinne, denn oft genug übernachtete er auf dem alten Ledersofa.

Jetzt saß er am Schreibtisch und betrachtete nachdenklich ein altes Motherboard.

»Hallo«, sagte ich und ließ mich aufs Sofa plumpsen.

Die Scheibe brannte mir in den Fingern.

»Die ist hinüber«, grummelte Tolik.

»Dann schmeiß sie weg.«

»Gleich, ich nehm nur die Prozessoren heraus…«In den langen Jahren, die Tolik an durch mickrige Staatsgelder finanzierten Forschungsinstituten verbracht hatte, war er zu einem eifrigen Anhänger der Vorratshaltung geworden. Und obwohl uns keine Finanzprobleme plagten, sammelte er sorgsam alle alten Computerelemente, auch wenn diese niemandem mehr nützten.»Stell dir vor, eine halbe Stunde schlag ich mich mit dem Ding schon rum, aber gebracht hat es nichts…«

»Es ist uralt, was willst du? Selbst in der Buchhaltung sind die Geräte neuer.«

»Man könnten es jemandem geben… Vielleicht könnte man den Cache ausbauen…«

»Tolik, wir haben einen Eilauftrag«, sagte ich.

»Ach?«

»Hm. Also…«Ich hielt die Scheibe hoch.»Hier sind die Dossiers… die vollständigen Dossiers von vier Mitarbeitern der Wache. Einschließlich des Chefs.«

Tolik zog die Schublade seines Schreibtischs auf, verstaute das Motherboard und richtete den Blick auf die DVD.

»Ganz genau. Ich werde drei überprüfen. Du den vierten - mich.«

»Und was soll ich überprüfen?«

»Folgendes.«Ich zeigte ihm den Ausdruck.»Es ist nicht auszuschließen, dass einer der Verdächtigen immer wieder Morde an Dunklen verübt hat. Nicht sanktionierte Morde. Hier sind alle uns bekannten Fälle aufgeführt. Wir sollen diese Möglichkeit ausschließen oder…«

»Und hast du sie denn ermordet?«, wollte Tolik wissen.»Entschuldige die Bosheit…«

»Nein. Aber du sollst mir nicht glauben. Also an die Arbeit.«

Die Informationen über mich schaute ich mir gar nicht erst an. Ich kopierte alle achthundert Megabyte auf Toliks Computer und nahm die Scheibe wieder an mich.

»Wenn ich auf was Interessantes stoße, soll ich’s dir dann sagen?«, fragte Tolik. Ich schielte zu ihm hinüber, während er sich die Textdateien ansah, an seinem linken Ohr fummelte und die Maus gleichmäßig hin und her bewegte.»Wie du willst.«

»Gut.«

Ich fing mit dem Dossier an, in dem das Material über den Chef gesammelt war. Zunächst kam der Formularkopf mit allgemeinen Angaben zur Person. Mit jeder gelesenen Zeile strömte mir der Schweiß stärker aus den Poren.

Natürlich wurde selbst in diesem Dossier der richtige Name und die Herkunft des Chefs nicht preisgegeben, für Andere seines Rangs werden derlei Fakten grundsätzlich nicht dokumentiert. Trotzdem entdeckte ich alle Augenblicke etwas Neues. Angefangen damit, dass der Chef viel älter war, als ich vermutet hatte. Mindestens anderthalb Jahrhunderte älter. Das hieß, er war dabei, als der Vertrag zwischen Lichten und Dunklen abgeschlossen wurde. Merkwürdig, alle Magier von damals, die noch am Leben sind, haben heute Posten in der Hauptverwaltung, statt auf der öden und eintönigen Stelle als Regionaldirektor zu hocken.

Darüber hinaus erfuhr ich einige Namen, unter denen der Chef bereits in die Geschichte der Wache eingegangen war, sowie seinen Geburtsort. Darüber spekulierten wir immer wieder, schlossen Wetten ab, brachten»unwiderlegliche«Beweise bei. Niemand hatte jedoch vermutet, dass Boris Ignatjewitsch aus Tibet stammte.

Und bei wem er schon alles Mentor gewesen ist, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt!

In Europa arbeitete der Chef seit dem 15. Jahrhundert. Aufgrund indirekter Hinweise schlussfolgerte ich, dass der Grund für diesen radikalen Wechsel des Wohnsitzes eine Frau gewesen war. Und ahnte sogar, welche.

Nachdem ich das Fenster mit den allgemeinen Angaben geschlossen hatte, schaute ich zu Tolik hinüber. Der sah sich gerade einen Videoausschnitt an - natürlich war meine Biografie bei weitem nicht so spannend wie die Vita des Chefs. Ich betrachtete das kleine bewegte Bild genauer - und wurde knallrot.

»Für den ersten Fall hast du ein einwandfreies Alibi«, sagte Tolik, ohne sich umzudrehen.

»Hör mal…«, setzte ich hilflos an.

»Schon gut. Geht mich ja nichts an. Ich spule vor, um die ganze Nacht zu checken…«

Ich stellte mir vor, wie der Film wohl im Schnelldurchlauf aussehen würde, und drehte mich wieder um. Ich hatte ja immer geahnt, dass die Leitung ihre Mitarbeiter kontrolliert, vor allem die jungen. Aber nicht auf eine derart zynische Weise!

»Das Alibi ist nicht wasserdicht«, sagte ich.»Gleich zieh ich mich an und geh.«

»Ich seh’s schon«, bestätigte Tolik.

»Anderthalb Stunden bin ich nicht zu sehen. Ich habe versucht, irgendwo Sekt aufzutreiben… und als ich welchen hatte, mich noch ein bisschen an der frischen Luft ausgenüchtert. Und überlegt, ob es sich überhaupt lohnt zurückzugehen.«

»Zerbrich dir nicht den Kopf«, sagte Tolik.»Guck dir lieber das Intimleben des Chefs an.«

Nach einer halben Stunde wurde mir klar, dass Tolik Recht hatte. Möglicherweise durfte ich die gnadenlose Beobachtung ja krumm nehmen. Doch dann hatte Boris Ignatjewitsch nicht weniger Grund zur Klage.