»Wärest du denn damit einverstanden?«, wollte Boris Ignatjewitsch wissen.
»Natürlich nicht. Darf ich etwas fragen?«
»Bitte.«
»Woher stammen alle diese Informationen? Woher kommen die Bilder und die Videoaufnahmen?«
Der Chef schwieg einen Augenblick.
»Das dachte ich mir. Du hast dir doch auch mein Dossier angesehen, Anton. Ist das vielleicht diskreter?«
»Nein, vermutlich nicht. Deshalb frage ich ja auch. Warum erlauben Sie es, dass solche Informationen zusammengetragen werden?«
»Ich kann es nicht verbieten. Die Kontrolle obliegt der Inquisition.«
Die idiotische Frage»Gibt es die denn wirklich?«konnte ich mir im letzten Moment verbeißen. Vermutlich sprach meine Miene aber Bände.
Der Chef sah mich unverwandt an, als erwarte er weitere Fragen, dann fuhr er fort:»Pass auf, Anton. Von jetzt an darfst du nicht mehr allein bleiben. Vielleicht gerade mal noch ohne Begleitung zur Toilette gehen, aber ansonsten hast du mit zwei oder drei Zeugen zusammen zu sein. Es besteht die Hoffnung, dass ein weiterer Mord geschieht.«
»Wenn sie es wirklich auf mich abgesehen haben, wird kein weiterer Mord geschehen, solange ich ein Alibi habe.«
»Und genau das wirst du nicht haben.«Der Chef schmunzelte.»Du solltest mich nicht für einen alten Idioten halten.«
Ich nickte, unsicher, denn noch hatte ich nicht begriffen, worauf er hinauswollte.
»Olga…«
In der Wand öffnete sich eine Tür, die ich bislang für eine Schranktür gehalten hatte. Olga trat ins Zimmer, strich sich übers Haar und lächelte. So eng wie die Jeans und die Bluse an ihrem Körper hafteten, musste sie gerade heiß geduscht haben. Hinter ihr machte ich einen riesigen Jacuzzi-Whirlpool aus sowie ein Panoramafenster, das die ganze Wand einnahm - und vermutlich nach außen verspiegelt war.
»Schaffst du das, Olga?«, erkundigte sich der Chef. Offenbar spielte er auf etwas an, worüber sie schon gesprochen hatten.
»Allein? Nein.«
»Ich meine das andere.«
»Das ja, natürlich.«
»Stellt euch Rücken an Rücken«, befahl der Chef.
Streiten wollte ich mich nicht. Obwohl mich ein mulmiges Gefühl beschlich. Doch ich ahnte, dass etwas sehr Ernstes bevorstand.
»Und öffnet euch«, verlangte Boris Ignatjewitsch.
Ich schloss die Augen bis auf einen Spalt und entspannte mich. Olgas Rücken war heiß und feucht, selbst durch die Bluse hindurch. Was für ein seltsames Gefühclass="underline" dazustehen und eine Frau zu berühren, die gerade erst Liebe gemacht hat - aber nicht mit dir.
Nein, ich war nicht die Spur von verliebt in sie. Vielleicht, weil ich mich daran erinnerte, wie sie in ihrem Vogelkörper aussah, vielleicht, weil wir sehr schnell Freunde und Partner geworden waren. Vielleicht wegen der Jahrhunderte, die uns voneinander trennten: Was heißt schon ein junger Körper, wenn du den Staub der Jahrhunderte auf den Augen anderer siehst. Wir blieben Freunde, mehr nicht.
Doch neben einer Frau zu stehen, deren Körper sich noch der Liebkosungen eines anderen erinnert, und sich an sie zu schmiegen ist ein seltsames Gefühl…
»Fangen wir an…«, sagte der Chef, vielleicht mit überflüssiger Schärfe in der Stimme. Dann sprach er einige Worte aus, deren Sinn ich nicht verstand, Wörter in einer alten Sprache, die vor Jahrtausenden auf der Welt erklungen ist.
Ein Flug.
Und zwar ein richtiger - als ob die Erde unter den Füßen wegkippte, als ob der Körper sein Gewicht verlöre. Ein Orgasmus in der Schwerelosigkeit, eine Dosis LSD direkt ins Blut, Elektroden an den Lustzentren unter der Großhirnrinde…
Mich überflutete eine Welle von solch irrsinniger und reiner, durch nichts gerechtfertigter Freude, dass die Welt ihre Bedeutung für mich verlor. Ich wäre gefallen, doch die Kraft, die aus den erhobenen Armen des Chefs strömte, hielt Olga und mich an unsichtbaren Fäden, nötigte uns Verrenkungen ab, presste uns aneinander.
Und dann verhedderten sich die Fäden.
»Du wirst entschuldigen, Anton«, sagte Boris Ignatje-witsch.»Aber uns blieb keine Zeit zum Zögern oder für Erklärungen.«
Ich schwieg. Schwieg dumm und betäubt vor mich hin, während ich auf dem Boden saß und meine Hände betrachtete, die schlanken Finger mit den beiden Silberringen, meine Beine, diese langen wohlgeformten Beine, die noch feucht waren nach dem Bad und an denen die zu engen Jeans klebten, und meine kleinen Füße, die in leuchtenden weiß-hellblauen Turnschuhen steckten.
»Das ist nicht für lange«, versicherte der Chef.
»Was ist das für…«Ich wollte schimpfen - und zuckte zusammen, schnellte hoch und verstummte bei den ersten Tönen meiner Stimme. Einer tiefen, weichen Frauenstimme.
»Anton, ganz ruhig.«Der junge Mann, der neben mir stand, streckte die Hand aus und half mir beim Aufstehen.
Ohne diesen Halt wäre ich vermutlich gefallen. Das Zentrum meines Gewichts hatte sich verschoben. Ich war jetzt kleiner, sah die Welt aus einem völligen anderen Blickwinkel…
»Olga?«, fragte ich, während ich in mein ehemaliges Gesicht schaute. Meine Partnerin und jetzt auch Bewohnerin meines Körpers nickte. Verzweifelt schaute ich ihr - mein - Gesicht an und bemerkte, dass ich mich heute Morgen schlecht rasiert hatte. Außerdem reifte auf meiner Stirn ein kleiner roter Pickel heran, der einem Jungen in der Pubertät alle Ehre gemacht hätte.
»Anton, ganz ruhig. Ich wechsle auch zum ersten Mal das Geschlecht.«
Aus irgendeinem Grund glaubte ich ihr. Ungeachtet ihres Alters brauchte Olga noch nie in eine derart delikate Situation gekommen sein.
»Hast du dich eingelebt?«, fragte der Chef.
Immer noch blickte ich an mir herab, hob mal die Hand zum Gesicht, erhaschte mal mein Spiegelbild in
den Glastüren der Vitrinen.
»Komm mit!«Olga packte mich beim Arm.»Boris, wir sind gleich wieder da…«Ihre Bewegungen waren genauso unsicher wie meine. Wenn nicht noch mehr.»Beim Licht und beim Dunklen, wie um alles geht ihr Männer bloß?«, rief sie unvermittelt aus.
Daraufhin platzte ich los; erkannte die Ironie des Ganzen. Mich, den die Dunklen provozieren wollten, verbarg man, indem man mich in einen Frauenkörper steckte! In den Körper der Geliebten des Chefs, die so alt war wie Notre-Dame von Paris!
Olga schubste mich förmlich ins Bad - unwillkürlich freute ich mich über meine eigene Kraft - und drückte mich über die Wanne. Dann spritzte sie mir einen Strahl kalten Wassers aus der Brause ins Gesicht, die sie zuvor in weiser Voraussicht auf die zart rosafarbenen Kacheln gelegt hatte.
Schnaubend befreite ich mich aus ihren Händen. Ich vermochte den Wunsch, sie - oder doch mich? - zu ohrfeigen, kaum zu unterdrücken. Allem Anschein nach wachten die motorischen Routinen des fremden Körpers langsam auf.
»Ich habe keinen hysterischen Anfall«, sagte ich verärgert.»Das ist wirklich komisch.«
»Bestimmt nicht?«Olga kniff die Augen zusammen und sah mich an. Ist das etwa mein Blick, wenn ich versuche, Wohlwollen auszudrücken, in das sich Zweifel mischt?
»Ganz bestimmt nicht.«
»Dann schau dich an.«
Ich ging zum Spiegel, der genauso groß und prachtvoll war, wie alles in diesem geheimen Badezimmer,
und sah mich an.
Das Ergebnis war seltsam. Während ich mein neues Aussehen betrachtete, beruhigte ich mich. Wahrscheinlich hätte es mich mehr schockiert, wenn ich in einem anderen männlichen Körper gelandet wäre. Aber so blieb nur das Gefühl einer gerade begonnenen Maskerade.
»Du manipulierst mich doch nicht?«, fragte ich.»Du oder der Chef?«
»Nein.«
»Dann hab ich starke Nerven.«