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Der Unterricht ging gerade zu Ende.

Heute hatten sie Alltagsmagie - erkannte ich in dem Moment, als ich neben der Schautafel Polina Wassil-jewna erblickte. Was ihr Äußeres angeht, ist sie eine der ältesten Mitarbeiterinnen der Wache, von ihrem eigentlichen Alter her jedoch keineswegs. Aber man hatte sie erst im Alter von dreiundsechzig Jahren entdeckt und initiiert. Wer hätte denn ahnen können, dass die Alte, die sich in den schlimmen Nachkriegsjahren etwas Geld mit Kartenlegen zuverdiente, tatsächlich über gewisse Fähigkeiten verfügt? Zudem ganz beachtliche, nur eben sehr spezielle.

»Und jetzt, wenn ihr mal in aller Schnelle eure Kleidung in Ordnung bringen müsst«, dozierte Polina Wassiljewna,»könnt ihr das in wenigen Minuten erledigen. Vergesst nur nicht, euch vorab zu vergewissern, wofür eure Kräfte reichen. Sonst blamiert ihr euch womöglich.«

»Und sobald es Mitternacht schlägt, verwandelt sich deine Kutsche in einen Kürbis«, sagte ein junger Mann laut, der neben Swetlana saß. Ich kannte ihn nicht, er studierte erst den zweiten oder dritten Tag hier, doch er war mir von vornherein unsympathisch.

»Ganz genau!«, erklärte Polina begeistert, die in jeder neuen Klasse mit derlei Geistesblitzen konfrontiert wurde.»Die Märchen lügen nicht weniger als die Statistiken! Trotzdem enthalten sie manchmal einen Funken Wahrheit.«

Sie nahm einen sorgfältig gebügelten, eleganten, wiewohl ein wenig altmodischen Smoking vom Tisch. In so einem hat sich wohl James Bond unter die Leute begeben.

»Wann verwandelt er sich wieder in Lumpen?«, fragte Swetlana sachlich.

»In zwei Stunden«, gab Polina ebenso knapp Auskunft. Sie hängte den Smoking auf einen Bügel und wandte sich wieder der Schautafel zu.»Ich habe mir keine große Mühe gegeben.«

»Und wie lange können Sie ihn in dieser präsentablen Form belassen? Maximal?«

»Etwa vierundzwanzig Stunden.«

Swetlana nickte und sah plötzlich in meine Richtung. Sie hatte etwas gespürt. Lächelnd winkte sie mir zu. Nun bemerkten mich alle.

»Nur herein, meine Dame.«Polina neigte den Kopf.»Das ist eine große Ehre für uns.«

Sie musste etwas über Olga wissen, das mir unbekannt war. Wir alle wussten nur einen Teil der Wahrheit über sie, nur der Chef wusste vermutlich alles.

Ich betrat den Raum und versuchte verzweifelt, nicht zu anmutig einherzuschreiten. Was rein gar nichts brachte. Swetlanas Nachbar, ein fünfzehnjähriger Bengel, der seit einem halben Jahr im Anfängerkurs für Magie auf der Stelle trat, und der hoch gewachsene dürre Koreaner, der vielleicht dreißig oder vierzig Jahre alt war - sie alle starrten mich an.

Eindeutig interessiert. Die ganze geheimnisvolle Atmosphäre, die Olga umgab, die Gerüchte und Mutmaßungen, nicht zu vergessen der Umstand, dass sie seit Jahr und Tag die Geliebte des Chefs war - all das löste beim männlichen Teil der Wache eine ganz bestimmte Reaktion aus.

»Guten Tag«, sagte ich.»Auch wenn ich nicht als Lehrerin komme, störe ich doch hoffentlich nicht?«

Da ich mich ausschließlich auf die richtige Verwendung der geschlechtsspezifischen Form konzentrierte, achtete ich nicht auf die Intonation. Die Folge davon war, dass die banalen Worte einen dunkelgeheimnisvollen Unterton gewannen und sich an jeden Einzelnen persönlich zu richten schienen. Das picklige Bübchen verschlang mich mit seinem Blick, der Typ neben Swetlana schluckte, und nur der Koreaner bewahrte so etwas wie Gelassenheit.

»Olga, möchten Sie unseren Studenten etwas mitteilen?«, wollte Polina wissen.

»Ich muss mit Sweta sprechen.«

»Der Unterricht ist für heute beendet«, erklärte die Alte.»Olga, wollen Sie nicht einmal in meinem Kurs

vorbeischauen? Meine Vorlesungen können Ihre Erfahrung nicht aufwiegen.«

»Gern«, versprach ich großzügig.»In drei Tagen etwa.«

Sollte sich doch Olga mit meinem Versprechen rumschlagen. Schließlich musste ich mich auch mit dem Sexappeal rumplagen, den sie sich zugelegt hatte.

Gemeinsam gingen Sweta und ich zum Ausgang. Drei gierige Augenpaare bohrten sich in meinen Rücken, genauer: nicht genau in den Rücken.

Ich wusste, dass sich zwischen Olga und Swetlana eine herzliche Freundschaft entwickelt hatte. Und zwar nach jener Nacht, als wir zwei ihr die Wahrheit über die Welt, die Anderen, die Lichten und die Dunklen, die Wachen und das Zwielicht eröffnet hatten, seit jener Morgenstunde, als sie an unserer Hand durch eine geschlossene Tür den Raum des Einsatzstabs der Nachtwache betreten hatte. Sicher, Swetlana und mich verband ein mystischer Faden, unsere Schicksale waren miteinander verflochten. Aber ich wusste - wusste es nur zu gut -, dass das nicht von Dauer sein würde. Swetlana würde mich weit hinter sich lassen, würde dorthin gehen, wohin ich nie gelangen konnte, selbst wenn ich ein Magier ersten Grades werden sollte. Uns hielt das Schicksal zusammen, fest zusammen, aber nur vorübergehend. Mit Olga hingegen hatte sich Swetlana einfach angefreundet, so skeptisch ich der Freundschaft zwischen zwei Frauen auch gegenüberstehen mochte. Keine Bestimmung hatte sie zusammengeführt. Sie waren frei.

»Olga, ich muss noch auf Anton warten.«Swetlana ergriff meine Hand. Das war nicht die Geste der kleinen Schwester, die bei der großen Unterstützung und Selbstbestätigung suchte. Sondern die Geste einer gleichberechtigten Frau. Und wenn Olga Swetlana eine gleichberechtigte Position einräumte, musste der jungen Frau in der Tat eine große Zukunft bevorstehen.

»Das brauchst du nicht«, sagte ich.»Wirklich nicht, Sweta.«

Schon wieder stimmte etwas mit meinem Satzbau oder meiner Intonation nicht. Diesmal war es Swetla-na, die mich irritiert anschaute - aber mit demselben Blick wie Garik.

»Ich werde dir alles erklären«, versicherte ich.»Aber nicht hier und jetzt. Sondern bei dir zu Hause.«

Der Schutz ihrer Wohnung ließ nichts zu wünschen übrig, zu viel Kraft hatte die Wache schon in ihre neue Mitarbeiterin investiert. Der Chef hatte noch nicht einmal mit mir darüber gestritten, ob ich mich Swetla-na anvertrauen dürfe, sondern lediglich eins verlangt: Es muss bei ihr zu Hause passieren.

»Gut.«Obwohl die Verwunderung nicht aus Swetlanas Augen wich, nickte sie zustimmend.»Bist du sicher, dass ich nicht auf Anton zu warten brauche?«

»Absolut«, erwiderte ich im Brustton der Überzeugung.»Nehmen wir das Auto?«

»Bist du heute zu Fuß gekommen?«

Blödmann!

Ich hatte völlig vergessen, dass Olga allen anderen Transportmitteln jenen Sportwagen vorzog, den ihr der Chef geschenkt hatte.

»Deshalb frag ich ja: Wollen wir fahren?«, erklärte ich, wobei mir klar war, dass ich wie ein Idiot dastand. Nein, schlimmer noch: wie eine Idiotin.

Sweta nickte. Die Irritation in ihrem Blick wuchs und wuchs.

Nur gut, dass ich fahren konnte. Nie hatte mich das zweifelhafte Verlangen gepackt, in dieser Riesenstadt mit ihren beschissenen Straßen ein Auto zu besitzen, doch unser Lehrplan sah vieles vor. Manches kriegen wir auf normale Weise beigebracht, manches wird durch Magie in unser Bewusstsein eingeprägt. Auto fahren hatte ich wie jeder gewöhnliche Mann gelernt, aber wenn mich der Zufall in das Cockpit eines Hubschraubers oder eines Flugzeugs verschlagen sollte, dann würden sich Fähigkeiten melden, von denen ich im Normalzustand nicht mal etwas ahnte. Müssten sich melden - theoretisch zumindest.

Die Autoschlüssel fand ich in der Handtasche. Der orangefarbene Wagen wartete auf dem Parkplatz vor dem Haus auf uns, unter den Argusaugen der Wachleute. Die Türen waren verschlossen, was angesichts des zurückgeklappten Dachs des Sportwagens einfach absurd wirkte.