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»Nein. Sweta, hast du schon mal folgende Analogie

gehört: Die Liebe ist eine Blume?«

»Ja.«

»Blumen kann man züchten, Sweta. Man kann sie kaufen. Oder verschenken.«

»Anton hat mich gekauft?«

»Nein«, sagte ich - und sagte es womöglich zu scharf.»Er hat ein Geschenk bekommen. Vom Schicksal.«

»Und was folgt daraus? Wenn das Liebe ist?«

»Sweta, Schnittblumen sind schön. Aber sie halten sich nicht lange. Sie verwelken, selbst wenn du sie noch so beflissen in eine Kristallvase mit frischem Wasser stellst.«

»Er hat Angst, mich zu lieben«, sinnierte Swetlana.»Nicht wahr? Ich hatte keine Angst, weil ich das nicht wusste.«

Ich fuhr am Haus vor und zwängte mich zwischen den geparkten Autos hindurch. Vor allem Shigulis und Moskwitschs. Kein sehr vornehmer Bezirk.

»Warum erzähle ich dir das alles?«, fragte Swetlana.»Wozu verlange ich nach einer Antwort? Und woher weißt du die Antworten, Olga? Liegt es nur daran, dass du vierhundertdreiundvierzig Jahre alt bist?«

Als ich die Zahl hörte, zuckte ich zusammen. In der Tat, eine reiche Lebenserfahrung. Eine ungeheuer reiche.

Im nächsten Jahr würde Olga einen besonderen Geburtstag feiern.

Zu gern hätte ich geglaubt, dass mein Körper in einer derart hervorragenden physischen Verfassung sein würde, wenn ich auch nur ein Viertel dieses Alters er-

reicht hätte.

»Gehen wir.«

Das Auto ließ ich unbeaufsichtigt stehen. Einem menschlichen Wesen würde es ohnehin nicht in den Sinn kommen, es zu stehlen; die Schutzzauber sind zuverlässiger als jede Alarmanlage. Schweigend, sachlich gingen Swetlana und ich die halbe Treppe hoch und betraten ihre Wohnung.

Hier hatte sich natürlich einiges verändert. Swetlana hatte ihre Arbeit aufgegeben, doch das Stipendium und das»Handgeld«, das jedem Anderen bei der Initiierung gezahlt wurde, stellten die bescheidenen Einkünfte einer Ärztin weit in den Schatten. Den Fernseher hatte sie ausgetauscht, auch wenn nicht klar war, wann sie Zeit zum Gucken fand. Der neue Apparat war luxuriös, mit breitem Bildschirm, schon zu groß für ihre Wohnung. Es war komisch, diese sich unvermutet Bahn brechende Sehnsucht nach einem schönen Leben zu beobachten. Am Anfang tritt sie bei allen auf - möglicherweise als Abwehrreaktion. Wenn die Welt um dich herum zusammenbricht, wenn die alten Ängste und Sorgen verschwinden, an ihre Stelle aber neue treten, noch unverständliche und nebelhafte, fängt jeder an, sich ein paar Träume aus seinem alten Leben zu erfüllen, die ihm noch vor kurzem unrealistisch vorkamen. Der eine prasst im Restaurant, ein anderer kauft sich einen teuren Wagen, ein Dritter kleidet sich mit Haute Couture ein. Diese Phase dauert nicht lange, und zwar nicht deshalb, weil man in der Wache kein Millionär wird. Die Bedürfnisse, die noch gestern so drängten, lassen nach, rücken allmählich in die Vergangenheit. Für immer.

»Olga?«

Swetlana sah mir in die Augen.

Ich seufzte und nahm alle Kraft zusammen.»Ich bin nicht Olga.«

Schweigen.

»Wenn ich es dir früher gesagt hätte, hätte ich Idiot wer weiß was angerichtet. Ich musste warten, bis wir hier sind. Deine Wohnung ist gegen jede Beobachtung seitens der Dunklen geschützt.«

»Ich Idiot?«

Das Wesentliche hatte sie gleich erfasst.

»Ich Idiot«, wiederholte ich.»Das ist nur der Körper von Olga.«

»Anton?«

Ich nickte.

Wie absurd das war!

Nur gut, dass sich Swetlana bereits an Absurditäten gewöhnt hatte.

Sie glaubte mir sofort.»Schuft!«

Sie sprach das Wort auf eine Art aus, die eher der Aristokratin Olga alle Ehre gemacht hätte. Genau wie die Ohrfeige, die ich erhielt.

Die nicht wehtat, mich aber demütigte.

»Wofür?«, fragte ich.

»Dafür, dass du ein fremdes Gespräch belauscht hast!«, platzte Swetlana heraus.

Keine sehr durchdachte Formulierung, aber ich verstand sie. Inzwischen hatte Swetlana die andere Hand erhoben, doch in Missachtung des christlichen Gebots wich ich der zweiten Schelle aus.

»Sweta, ich habe versprochen, auf diesen Körper aufzupassen!«

»Ich nicht!«

Swetlana atmete tief durch und biss sich auf die Lippen. Ihre Augen brannten. Derart wütend hatte ich sie nie zuvor erlebt und noch nicht einmal geahnt, dass sie dazu überhaupt imstande war. Was hatte sie nur so aufgebracht?

»Du hast also Angst, Schnittblumen zu lieben?«Swetlana kam langsam auf mich zu.»Das ist es, ja?«

Dann begriff ich es. Wenn auch nicht auf Anhieb.

»Mach, dass du wegkommst! Mach, dass du von hier wegkommst!«

Ich wich zurück, berührte die Tür schon mit dem Rücken. Was mich zwang innezuhalten - so wie auch Swetlana innehielt. Sie wiegte den Kopf, fauchte:»Du solltest in diesem Körper bleiben! Der passt besser zu dir, denn du bist kein Mann, du Schlappschwanz!«

Ich schwieg. Schwieg, weil ich bereits sah, wie es weitergehen würde. Sah, wie vor uns die Wahrscheinlichkeitslinien schlingerten, wie ein spottlustiges Schicksal unsere Wege verflocht.

Und als Swetlana anfing zu weinen und damit auf einmal allen Kampfeseifer verlor, ihr Gesicht mit den Händen bedeckte, als ich sie in die Arme schloss und sie sich bereitwillig an meiner Schulter ausweinte, erfüllten mich Leere und Kälte. Eine schneidende Kälte, als stünde ich wieder im peitschenden Wind des Winters auf dem verschneiten Dach.

Swetlana war noch ein Mensch. In ihr gab es noch zu wenig von einem Anderen, sie verstand nicht, erkannte nicht, wie der Weg weiterging, der uns zu gehen bestimmt war. Und noch weniger bemerkte sie, wie dieser Weg sich gabelte.

Liebe ist Glück, aber nur dann, wenn man glaubt, dass sie ewig währt. Und selbst wenn sich das jedes Mal als Lüge erweist, verleiht doch allein dieser Glaube der Liebe ihre Kraft und ihre Freuden.

Aber Swetlana schluchzte an meiner Schulter.

Viel Wissen bedeutet viel Kummer. Wie sehr wünschte ich, nichts von der unausweichlichen Zukunft zu wissen! Nichts zu wissen - und zu lieben, ohne Rücksicht, wie ein einfacher sterblicher Mensch.

Und trotzdem - wie schade, jetzt nicht im eigenen Körper zu stecken.

Von außen hätte es so aussehen können, als hätten zwei gute Freundinnen beschlossen, einen ruhigen Abend vorm Fernseher zu verbringen, mit Tee und Marmelade, einem Fläschchen trockenen Weins und Gesprächen über die drei ewigen Themen: Alle Männer sind Schweine, ich habe nichts zum Anziehen und - das wichtigste überhaupt - wie nehme ich ab.

»Du magst Brötchen also wirklich?«, fragte Swetlana verwundert.

»Ja. Mit Butter und Marmelade«, grummelte ich.

»Wenn ich mich nicht irre, hat irgendjemand versprochen, gut auf diesen Körper aufzupassen.«

»Und was tu ich ihm Schlechtes an? Du kannst mir glauben, der Organismus ist absolut begeistert.«

»Nun ja«, erwiderte Swetlana unbestimmt.»Du solltest Olga fragen, wie sie auf ihre Figur achtet.«

Ich schwankte kurz, schnitt mir dann aber doch ein weiteres Brötchen auf und bestrich es üppig mit Marmelade.

»Und wer ist auf diese geniale Idee gekommen, dich in einem Frauenkörper zu verstecken?«

»Vermutlich der Chef.«

»Daran hab ich nicht gezweifelt.«

»Olga findet es auch gut.«

»Wie sollte es anders sein: Boris Ignatjewitsch ist ihr Zar und Gott.«

Diesbezüglich hegte ich zwar meine Zweifel, schwieg mich jedoch aus. Swetlana stand auf und ging zum Kleiderschrank. Öffnete ihn, um nachdenklich die Bügel zu betrachten.