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»Willst du einen Morgenmantel?«

»Was?«Ich verschluckte mich am Brötchen.

»Willst du hier etwa so rumlaufen? Du sprengst diese Jeans noch. Das ist doch unbequem.«

»Hast du vielleicht einen Trainingsanzug?«, fragte ich jammernd.

Swetlana schaute mich amüsiert an, lenkte dann aber ein.

»Wir werden was finden.«

Ehrlich gesagt, hätte ich es vorgezogen, jemand anderen in einem solchen Aufzug zu sehen. Swetlana zum Beispiel. Kurze weiße Shorts und eine Bluse. Perfekt fürs Tennis oder zum Joggen.

»Zieh dich um.«

»Sweta, ich glaube nicht, dass wir den ganzen Abend hier bleiben.«

»Trotzdem. Schaden kann das nicht, dann sehen wir gleich, ob die Größe stimmt. Zieh dich um, ich mach derweil Tee.«

Nachdem Swetlana hinausgegangen war, schlüpfte ich rasch aus den Jeans. Als ich die Bluse aufknöpfte, kam ich mit den unvertrauten, viel zu straff sitzenden Knöpfen durcheinander. Voller Hass betrachtete ich danach mein Spiegelbild.

Eine attraktive Frau, zweifelsohne. Wie geschaffen, um für ein Erotikmagazin fotografiert zu werden.

Hastig zog ich mir die anderen Sachen an und setzte mich aufs Sofa. Im Fernsehen lief eine Seifenoper - wer hätte gedacht, dass Sweta ausgerechnet dieses Programm sah. Freilich, die anderen Kanäle dürften kaum besser sein.

»Du siehst gut aus.«

»Sweta, muss das sein?«, fragte ich.»Mir ist auch so schon schlecht.«

»Gut, entschuldige«, stimmte sie ohne weiteres zu und setzte sich neben mich.»Was sollen wir tun?«

»Wir?«, hakte ich mit leichtem Nachdruck nach.

»Ja, Anton. Du bist doch nicht umsonst zu mir gekommen.«

»Ich musste dir einfach erzählen, in was für eine Sache ich da reingeraten bin.«

»Kann ja sein. Aber da der Chef…«Das Wort»Chef«ließ sie sich förmlich auf der Zunge zergehen, legte sowohl Respekt wie auch Ironie in es hinein.»… dir gestattet hat, dich mir zu erkennen zu geben, soll ich dir offensichtlich helfen. Und wenn es nur auf Geheiß des Schicksals ist«, konnte sie sich nicht verkneifen hinzuzufügen.

Ich kapitulierte.

»Ich darf nicht allein sein. Nicht eine Minute. Der ganze Plan basiert darauf, dass die Dunklen ihre Bauern bewusst opfern, indem sie sie entweder umbringen oder sterben lassen.«

»Wie damals?«

»Ja, genau. Und wenn sie es damit auf mich abgesehen haben, wird es einen weiteren Mord geben. Und zwar in dem Moment, wenn ich - ihrer Ansicht nach natürlich - kein Alibi habe.«

Swetlana sah mich an und stützte das Kinn in die Hände. Langsam schüttelte sie den Kopf.»Und dann, Anton, springst du aus diesem Körper heraus wie der Teufel aus der Schachtel. Also kannst du diese Serienmorde unmöglich begangen haben. Und der Feind ist blamiert.«

»Hm.«

»Du musst mich schon entschuldigen. Ich bin noch nicht lange bei der Wache, vielleicht verstehe ich da etwas nicht.«

Ich horchte auf. Ganz kurz zauderte Swetlana.

»Als das alles mit mir passiert ist…«, fuhr sie dann fort.»Wie war das denn damals? Die Dunklen versuchten, mich zu initiieren. Sie wussten, dass die Nachtwache das bemerken würde, und hatten sogar rausbekommen, dass du dich einmischen und mir helfen konntest.«

»Ja.«

»Deshalb wurde eine Kombination gespielt, bei der mehrere Figuren geopfert und einige falsche Kraftzentren geschaffen wurden. Zunächst ist die Nachtwache den Dunklen auch auf den Leim gegangen. Wenn der Chef nicht seinerseits sein Spiel durchgezogen hätte, wenn du nicht losgeprescht wärst, ohne dabei nach links und nach rechts zu schauen…«

»Dann wärst du jetzt meine Feindin«, sagte ich.»Und würdest von der Tagwache ausgebildet.«

»Das meine ich nicht, Anton. Ich bin dir dankbar, bin der ganzen Nachtwache dankbar, vor allem aber dir. Aber darum geht es nicht. Du musst doch einsehen, dass das, was du mir eben erzählt hast, genauso glaubhaft ist wie meine Geschichte. Hat da nicht auch eins zum andern gepasst? Das wildernde Vampirpärchen. Der Junge mit den ausgeprägten Fähigkeiten eines Anderen. Die Frau mit dem starken Fluch. Die globale Gefahr für die Stadt.«

Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. Während ich sie ansah, spürte ich, wie ich errötete. Eine junge Frau, die noch nicht einmal ein Drittel aller Kurse besucht hatte, eine Anfängerin in unserem Geschäft, legt mir die Situation so dar, wie ich sie ihr hätte darlegen sollen.

»Was passiert jetzt?«Swetlana bemerkte nicht, dass ich vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre.»Ein Serienmörder, der Dunkle vernichtet. Du stehst auf der Liste der Verdächtigen. Der Chef hat prompt einen raffinierten Schachzug auf Lager: Du tauschst mit Olga den Körper. Doch wie raffiniert ist dieser Zug tatsächlich? Soviel ich weiß, ist die Praxis des Körper-tauschs weit verbreitet. Boris Ignatjewitsch selbst hat erst vor kurzem auf sie zurückgegriffen, oder etwa nicht? Hat er früher schon mal versucht, den gleichen Trick zweimal hintereinander anzuwenden? Gegen ein und denselben Gegner?«

»Ich weiß es nicht, Sweta, in die Details der Operation bin ich nicht eingeweiht.«

»Dann benutz deinen eigenen Kopf! Und noch was: Ist Sebulon wirklich so ein kleinkrämerischer, rachsüchtiger Hysteriker? Er ist doch bereits Hunderte von Jahren alt, oder? Die Tagwache leitet er nicht erst seit gestern. Wenn dieser Verrückte…«

»Der Wilde.«

»Wenn dieser Wilde sich ungehindert in den Straßen Moskaus austoben durfte, um eine Intrige vorzubereiten, warum sollte der Leiter der Tagwache ihn dann für eine derartige Belanglosigkeit verschwenden? Entschuldige, Anton, aber du bist nun wirklich kein besonders großes Ziel.«

»Ist mir ja klar. Offiziell bin ich ein Magier fünften Grades. Aber der Chef hat gesagt, dass ich eigentlich auf den dritten Grad Anspruch erheben könnte.«

»Selbst dann nicht.«

Wir sahen einander an, und ich breitete die Arme aus.»Ich geb auf. Wahrscheinlich hast du Recht, Swetlana. Aber ich habe dir nur erzählt, was ich weiß. Und andere Varianten sehe ich nicht.«

»Das heißt, du wirst die Anordnungen befolgen? In einem Rock herumlaufen, keine Minute allein sein?«

»Als ich in die Wache eingetreten bin, wusste ich, dass ich einen Teil meiner Freiheit verliere.«

»Einen Teil.«Swetlana schnaubte.»Gut gesagt. Aber lassen wir das, du kannst das besser beurteilen. Wir bleiben die Nacht über also zusammen?«

»Ja«, nickte ich.»Aber nicht hier. Es wäre besser, wenn ich die ganze Zeit unter Leuten wären.«

»Und wann willst du schlafen?«

»Es ist nicht schwer, ein paar Tage nicht zu schlafen.«Ich zuckte mit den Schultern.»Ich glaube, Olgas Körper ist genauso gut in Form wie meiner. In den letzten Monaten hat sie sich permanent ins Nachtleben gestürzt.«

»Aber ich bin mit diesen Kunststückchen noch nicht vertraut, Anton. Wann soll ich schlafen?«

»Tagsüber. Im Unterricht.«

Sie verzog das Gesicht. Ich wusste, dass Swetlana zustimmen würde, sie konnte gar nicht anders. Ihr Charakter hätte es ihr nicht einmal gestattet, einer Zufallsbekanntschaft Hilfe zu verweigern - und eine Zufallsbekanntschaft war ich nun doch nicht.

»Gehen wir in den Maharadscha?«, schlug ich vor.

»Was ist das?«

»Ein indisches Restaurant, sehr anständig.«

»Hat es die ganze Nacht über auf?«

»Nein, leider nicht. Uns wird schon noch einfallen, wohin wir danach gehen können.«

Swetlana blickte mich so lange an, dass selbst das mir eigene dicke Fell nicht ausreichte. Was hatte ich jetzt schon wieder falsch gemacht?

»Ich danke dir, Anton«, sagte Swetlana voller Gefühl.»Aufrichtig. Du lädst mich in ein Restaurant ein. Darauf warte ich schon seit zwei Monaten.«