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Sie stand auf, ging zum Schrank, öffnete ihn und blickte gedankenverloren auf die darin hängenden Kleidungsstücke.»In deiner Größe finde ich nichts Ordentliches«, meinte sie.»Du musst wieder die Jeans anziehen. Ob sie dich so ins Restaurant lassen?«

»Bestimmt«, sagte ich nicht sehr überzeugt. Schlimmstenfalls könnte ich ja immer noch eine leichte Manipulation des Personals vornehmen.

»Wenn es Probleme geben sollte, übe ich die Suggestion«, sagte Swetlana, als hätte sie meine Gedanken gelesen.»Ich werde sie zwingen, uns einzulassen. Das ist doch für eine gute Sache, oder?«

»Natürlich.«

»Weißt du was, Anton?«Swetlana nahm ein Kleid vom Bügel, hielt es sich an und schüttelte den Kopf. Daraufhin nahm sie ein beigefarbenes Kostüm heraus.»Mich erstaunt die Geschicklichkeit, mit der die Wächter der Nacht jede Manipulation der Wirklichkeit mit den Interessen des Guten und des Lichts erklären können.«

»Nicht jede!«, empörte ich mich.

»Jede, ganz bestimmt. Im Notfall ist selbst Raub eine gute Sache. Und Mord.«

»Nein.«

»Bist du da so sicher? Wie oft musstest du schon in das Bewusstsein anderer Menschen eindringen? Selbst unser Treffen: Du hast mich gezwungen zu glauben, dass wir alte Bekannte sind. Nutzt du deine Fähigkeiten als Anderer oft im Leben?«

»Ja. Aber…«

»Stell dir vor, du gehst eine Straße entlang. Vor deinen Augen schlägt ein Erwachsener ein Kind. Was machst du?«

»Wenn mein Limit für Interventionen noch nicht ausgeschöpft ist«- ich zuckte mit den Schultern -,»nehm ich eine Remoralisierung vor. Was sonst?«

»Und du wärst dir sicher, dass du das Richtige tust?

Du würdest nicht lange nachdenken, dich nicht näher damit befassen? Was ist, wenn das Kind für etwas bestraft wird? Wenn diese Strafe es in Zukunft vor größeren Unannehmlichkeiten bewahrt und es jetzt zum Mörder und Banditen heranwächst? Aber du nimmst erst mal eine Remoralisierung vor!«

»Sweta, du irrst dich.«

»Wieso denn?«

»Selbst wenn ich kein Limit für parapsychologische Manipulationen hätte, würde ich nicht einfach vorbeigehen.«

Swetlana schnaubte.»Aber du wärest überzeugt, das Richtige zu tun? Wo ist da die Grenze?«

»Die Grenze bestimmt jeder selbst. So ist das nun mal.«

Nachdenklich schaute sie mich an.»Anton, diese Fragen stellt doch jeder Neuling, oder?«

»Ja«, lächelte ich.

»Und du hast dich daran gewöhnt, sie zu beantworten, hast eine paar Antworten, Sophismen, Beispiele aus der Geschichte und Analogien in petto.«

»Nein, Sweta. So ist das nicht. Die Dunklen stellen diese Fragen überhaupt nicht.«

»Woher weißt du das?«

»Ein Dunkler Magier kann heilen, ein Lichter Magier kann töten«, sagte ich.»Das stimmt. Weißt du, worin der Unterschied zwischen dem Licht und dem Dunkel besteht?«

»Nein. Aus irgendeinem Grund erklärt man uns das nicht. Wahrscheinlich lässt sich das nur schwer in Worte fassen?«

»Überhaupt nicht. Wenn du in erster Linie an dich denkst, an deine Interessen, dann führt dein Weg zum Dunkel. Wenn du an andere denkst, zum Licht.«

»Und braucht man lange, um dorthin zu kommen? Zum Licht?«

»Ewig.«

»Das sind doch nur Worte, Anton. Nur ein Spiel mit Worten. Was sagt ein erfahrener Dunkler einem Neuling? Vielleicht auch so schöne und zutreffende Worte?«

»Ja. Über die Freiheit. Darüber, dass jeder im Leben den Platz einnimmt, den er verdient. Darüber, dass jede Form von Mitleid erniedrigend ist, dass echte Liebe blind, echte Güte hilflos macht, darüber, dass wirkliche Freiheit bedeutet, frei von allen anderen zu sein.«

»Und stimmt das nicht?«

»Doch.«Ich nickte.»Das ist auch ein Teil der Wahrheit. Sweta, wir können nicht die absolute Wahrheit wählen. Denn sie hat immer zwei Seiten. Alles, was wir haben, ist das Recht, uns derjenigen Lüge zu verweigern, die unangenehmer ist. Weißt du, was ich den Anfängern beim ersten Mal über das Zwielicht sage? Wir treten in es hinein, um Kraft zu bekommen. Und der Preis dafür ist der Verzicht auf den Teil der Wahrheit, den wir nicht akzeptieren wollen. Die Menschen haben es leichter. Millionenmal leichter, mit all ihren Nöten, Problemen und Sorgen, die für uns Andere überhaupt nicht existieren. Die Menschen stehen nicht vor der Wahclass="underline" Sie können gut und böse sein, alles hängt vom Augenblick ab, von der Umgebung, von einem am Abend zuvor gelesenen Buch oder vom Beefsteak, das sie zu Mittag gegessen haben. Darum sind

sie so leicht zu lenken, kann selbst der schlimmste Schuft leicht zum Licht gebracht und der gütigste und dankbarste Mensch zum Dunkel gedrängt werden. Wir sind es, die wählen müssen.«

»Das habe ich doch bereits getan, Anton. Schließlich bin ich schon ins Zwielicht eingetreten.«

»Stimmt.«

»Warum verstehe ich dann nicht, wo die Grenze ist, worin der Unterschied zwischen mir und irgendeiner Hexe besteht, die an schwarzen Messen teilnimmt? Warum stelle ich diese Fragen?«

»Du wirst sie immer stellen. Am Anfang laut. Später dir selbst. Das geht nicht vorbei, niemals. Wenn du diesen quälenden Fragen entkommen wolltest, hättest du die andere Seite wählen müssen.«

»Ich habe die gewählt, die ich wollte.«

»Ich weiß. Deshalb musst du das ertragen.«

»Das ganze Leben lang?«

»Ja. Und obwohl das lang sein wird, wirst du dich nie daran gewöhnen. Niemals wirst du der Frage entkommen, wie gerechtfertigt jeder einzelne Schritt ist, den du getan hast.«

Drei

Maxim mochte keine Restaurants. Aufgrund seiner Natur nicht. Bei weitem ungezwungener und entspannter fühlte er sich in Bars und Clubs, mitunter sogar in den teureren, wo man auf übertrieben gepflegtes Auftreten jedoch keinen Wert legte. Manche Gäste verhielten sich natürlich selbst in noblen Restaurants wie rote Kommissare während einer Verhandlung mit einem Bourgeois: ohne Manieren, ohne den geringsten Wunsch, sie sich anzueignen. Doch warum sollte er den neureichen Russen aus den Witzen nacheifern?

Die letzte Nacht musste jedoch wieder gutgemacht werden. Seine Frau glaubte entweder tatsächlich an das»wichtige Geschäftstreffen«oder tat zumindest so, als ob. Dennoch plagten ihn leichte Gewissensbisse. Wenn sie doch die Wahrheit wüsste! Wenn sie bloß ahnen würde, wer er eigentlich war und womit er sich befasste!

Maxim konnte ihr nichts sagen. Und musste die seltsame nächtliche Abwesenheit mit denselben Methoden wettmachen, zu denen jeder anständige Ehemann nach einer Nacht bei seiner Geliebten greift. Geschenke, Aufmerksamkeit, Ausgehen. Zum Beispiel in ein gutes, angesehenes Restaurant mit ausgesuchter exotischer Küche, ausländischem Personal, edler Innenausstattung und einer umfangreichen Weinkarte.

Ob Jelena ihn wirklich verdächtigte, sie letzte Nacht betrogen zu haben? Die Frage beschäftigte Maxim zwar, aber nicht in dem Maße, dass er sie laut gestellt hätte. Etwas muss man immer unausgesprochen lassen. Vielleicht würde sie eines Tages die Wahrheit erfahren. Und stolz auf ihn sein.

Vermutlich hegte er jedoch falsche Hoffnungen. Da machte er sich nichts vor. In einer Welt, in der die Ausgeburten des Bösen und des Dunkels hausten, war er der einzige Lichte Ritter, unendlich einsam, bar jeder Möglichkeit, mit jemandem die Wahrheit zu teilen, die sich ihm ab und zu offenbarte. Anfangs hatte Maxim noch darauf gehofft, jemandem zu begegnen, der war wie er: einem Sehenden im Land der Blinden, einem Wachhund, fähig, in der arglosen Herde den Wolf im Schafspelz zu wittern.