»Anton!«
»Das ist mein völliger Ernst. Wir haben kein Recht, einen ehrlichen Dunklen Magier daran zu hindern, sich ein wenig zu amüsieren.«
Der Kellner brachte unser Essen, wir schwiegen. Swetlana aß ohne jeden Appetit.
»Und wie lange will die Wache so vor ihnen kriechen?«, fragte sie nach einer Weile patzig wie ein verwöhntes Kind.
»Vor den Dunklen?«
»Ja.«
»So lange, bis wir einen entscheidenden Vorteil errungen haben. So lange, wie die Menschen, die zu Anderen werden, auch nur den Bruchteil einer Sekunde zögern, was sie wählen sollen: das Licht oder das Dunkel. Solange die Dunklen nicht altersbedingt einer nach dem anderen wegsterben. So lange, bis sie die Menschen nicht mehr so leicht auf die Seite des Bösen treiben können wie jetzt.«
»Aber das kommt einer Kapitulation gleich, Anton!«
»Das bedeutet Neutralität. Status quo. Beide Seiten stehen unter Zeitdruck, da brauchen wir uns nichts vorzumachen.«
»Weißt du, der Wilde, der ganz allein diese Panik unter den Dunklen auslöst, ist mir weitaus sympathischer. Soll er doch gegen den Vertrag verstoßen, soll er uns doch unfreiwillig kompromittieren! Aber immerhin kämpft er gegen das Dunkel, verstehst du, er kämpft dagegen! Einer gegen alle!«
»Hast du dir nicht mal überlegt, warum er Dunkle umbringt, aber keinen Kontakt zu uns aufnimmt?«
»Nein.«
»Er sieht uns nicht, Swetlana. Für ihn sind wir Luft.«
»Er ist halt ein Autodidakt.«
»Stimmt. Ein begabter Autodidakt. Ein Anderer mit chaotisch hervorbrechenden Fähigkeiten. In der Lage, das Böse zu sehen. Aber nicht in der Lage, das Gute zu erkennen. Kommt dir das nicht komisch vor?«
»Nein«, sagte Swetlana verdrossen.»Tut mir Leid, aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst, Olga, entschuldige, Anton. Du sprichst schon genau wie sie.«
»Macht nichts.«
»Der Dunkle ist irgendwohin verschwunden«, bemerkte Swetlana, während sie über meine Schulter linste.»Um fremde Kräfte aufzusaugen, um böse Zauber zu wirken. Und wir unternehmen nichts.«
Ich drehte den Kopf ein wenig nach hinten. Erblickte den Dunklen - der äußerlich tatsächlich kaum wie dreißig wirkte. Er war geschmackvoll gekleidet, einnehmend. An seinem Tisch saßen noch eine junge Frau und zwei Kinder, ein Junge von ungefähr sieben Jahren und ein etwas jüngeres Mädchen.
»Austreten ist er gegangen, Sweta. Pinkeln. Seine Familie ist übrigens völlig normal. Hat keine Fähigkeiten. Willst du die etwa auch liquidieren?«
»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…«
»Sag das mal Garik. Sein Vater ist ein Dunkler Magier. Und lebt noch immer.«
»Es gibt Ausnahmen.«
»Das ganze Leben besteht aus Ausnahmen.«
Swetlana verstummte.
»Ich kenne diesen Drang, Sweta. Gutes zu tun, das Böse zu vertreiben. Ein für alle Mal. Ich bin genauso. Aber wenn du nicht einsiehst, dass das eine Sackgasse ist, endest du im Zwielicht. Und irgendjemand von uns wird gezwungen sein, deine irdische Existenz zu beenden.«
»Dafür werde ich aber etwas ausrichten.«
»Weißt du, wie deine Taten von außen aussehen würden? Eine Psychopathin, die blindwütig anständige Leute umbringt. In allen Zeitungen Artikel, die dir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Klangvolle Beinamen wie die Borgia von Moskau. Du würdest in den Herzen der Menschen so viel Böses wecken, wie es eine Brigade Dunkler Magier in einem Jahr nicht schafft.«
»Warum habt ihr immer auf alles eine Antwort parat?«, fragte Swetlana bitter.
»Weil wir unsere Lehrjahre hinter uns haben. Und überlebt haben. Die meisten zumindest!«
Ich rief den Kellner herbei und bat um die Speisekarte.
»Willst du einen Cocktail?«, fragte ich.»Und dann verschwinden wir von hier? Such dir was aus.«
Swetlana nickte und studierte die Getränkekarte. Der Kellner, ein dunkelhäutiger, groß gewachsener Ausländer, wartete. Er hatte schon viel gesehen, und zwei Frauen, von denen sich eine wie ein Mann benahm, brachten ihn wahrlich nicht in Verlegenheit.
»Alter ego«, sagte Swetlana.
Zweifelnd schüttelte ich den Kopf - das war einer der stärksten Cocktails. Doch ich wollte keinen Streit anfangen.»Zwei Cocktails und die Rechnung.«
Während der Barkeeper unsere Cocktails mixte und der Kellner sich mit der Rechnung abplagte, saßen wir da und schwiegen bedrückt.
»Gut, das mit den Dichtern hätten wir geklärt«, sagte Swetlana schließlich.»Sie sind potenzielle Andere. Aber was ist mit den Verbrechern? Mit Caligula, Hitler und irrsinnigen Mördern?«
»Das sind Menschen.«
»Alle?«
»In der Regel, ja. Wir haben unsere eigenen Übeltäter. Ihre Namen sagen den Menschen nichts, aber für euch fängt bald der Geschichtskurs an.«
Der Alter ego verdiente seinen Namen. Zwei schwere, unvermischte Schichten wogten in einem Glas, eine schwarze und eine weiße, süßer Sahnelikör und bitteres dunkles Bier.
Ich zahlte bar - elektronische Spuren hinterlasse ich möglichst selten - und hob das Glas.»Auf die Wache.«
»Auf die Wache«, schloss sich Swetlana an.»Und auf dein Glück, damit du aus dieser Geschichte mit heiler Haut davonkommst.«
Liebend gern hätte ich sie gebeten, auf Holz zu klopfen. Doch ich schwieg. Trank den Cocktail in zwei Schlucken, zunächst die zarte Süße, dann ein leicht bitterer Geschmack.
»Nicht übel«, sagte Swetlana.»Weißt du, mir gefällt es hier. Wollen wir nicht noch ein wenig bleiben?«
»In Moskau gibt es viele angenehme Bars. Lass uns irgendwo hingehen, wo kein schwarzer Magier verkehrt.«
Sweta nickte.»Er ist übrigens noch nicht wieder aufgetaucht«, meinte sie.
Ich schaute auf die Uhr. Hm, in dieser Zeit hätte er ein paar Eimer voll pinkeln können.
Am befremdlichsten war jedoch, dass die Familie des Magiers immer noch am Tisch saß. Und die Frau langsam echt nervös wurde.
»Sweta, ich geh mal wohin.«
»Vergiss nicht, wer du bist!«, flüsterte sie mir hinterher.
Völlig richtig. Dem Dunklen Magier in die Toilette nachzugehen würde in der Tat seltsam anmuten.
Trotzdem ging ich durchs Restaurant, wobei ich im Gehen durchs Zwielicht spähte. Jetzt hätte ich eigentlich die Aura des Magiers sehen müssen, doch um mich herum breitete sich nur graue Leere aus, gesprenkelt mit den Farbtupfern gewöhnlicher Auren, von zufriedenen, besorgten, sinnlichen, betrunkenen, fröhlichen Auren.
Er würde doch nicht durch die Kanalisation gesickert sein!
Einzig jenseits der Mauern des Gebäudes, in der Nähe der weißrussischen Botschaft, leuchtete ein schwaches kleines Feuer, die Aura eines Anderen. Jedoch nicht die des Dunklen Magiers, sondern eine viel schwächere mit anderer Einfärbung.
Wohin war er verschwunden?
In dem schmalen Gang, der zu zwei Türen führte, war niemand. Einen Augenblick zögerte ich - ach, was soll schon sein, vielleicht haben wir ihn einfach nicht bemerkt, vielleicht ist der Magier durchs Zwielicht verschwunden, vielleicht verfügt er über eine derartige Kraft, dass er zur Teleportation in der Lage ist. Dann öffnete ich die Tür zur Herrentoilette.
Hier war es sehr sauber, sehr hell, etwas eng und roch stark nach einem blumigen Frischluftspray.
Der Dunkle Magier lag mit ausgestreckten Armen direkt hinter der Tür, die sich deshalb noch nicht einmal richtig öffnen ließ. Auf seinem Gesicht spiegelte sich ein verstörter, verständnisloser Ausdruck wider. In der gespreizten Hand erblickte ich das Glitzern eines dünnen Kristallröhrchens. Er hatte nach seiner Waffe gegriffen, aber zu spät.