Blut war nirgends zu sehen. Nichts war zu sehen, selbst als ich noch einmal durchs Zwielicht spähte, vermochte ich nicht die geringste Spur von Magie festzustellen.
Als ob der Dunkle Magier an einem banalen Herzinfarkt oder Schlaganfall gestorben wäre, als ob er so hätte sterben können.
Doch es gab ein Detail, das dieser Version aufs Entschiedenste widersprach.
Ein kleiner Schnitt im Hemdkragen. Ein ganz feiner, wie von einer Rasierklinge. Als ob man ihm ein Messer in die Kehle gestoßen hätte und dabei am Stoff hängen geblieben wäre. Nur dass an der Haut keinerlei Spuren eines solchen Angriffs zu sehen waren.
»Dreckskerle!«, flüsterte ich, ohne zu wissen, gegen wen sich dieser Fluch richtete.»Dreckskerle!«
Man hätte sich kaum eine blödere Situation vorstellen können als die, in die ich geraten war. Den Körper zu tauschen, mit einer»Zeugin«in ein gut besuchtes Restaurant zu gehen - um dann völlig allein über der Leiche eines Dunklen Magiers zu stehen, der vom Wilden ermordet worden war.
»Gehen wir, Pawlik«, hörte ich es hinter mir sagen.
Ich drehte mich um: Die Frau vom Tisch des Dunklen Magiers kam in den Gang, ihren Sohn an der Hand.
»Ich will nicht, Mama!«, quengelte der Junge bockig.
»Du gehst da rein und sagst Papa, dass wir auf ihn warten«, verlangte die Frau geduldig. Im nächsten Moment hob sie den Kopf und erblickte mich.
»Holen Sie Hilfe!«, schrie ich verzweifelt.»Machen Sie schon! Dem Mann geht es nicht gut! Bringen Sie das Kind weg und holen Sie Hilfe!«
Offenbar hörten mich alle, denn Olga hatte eine kräftige Stimme. Sofort senkte sich Stille herab, die monotone traditionelle Musik dudelte zwar weiter, doch das Stimmengewirr verebbte.
Natürlich machte die Frau nicht, was ich verlangte. Sie schoss auf mich zu, stieß mich von der Tür weg, brach über dem Körper ihres Mannes zusammen und wehklagte - ja, wehklagte - mit einer Stimme, die bereits wusste, was geschehen war, während ihre Hände keine Ruhe gaben, den eingerissenen Hemdkragen aufknöpften und den reglosen Körper rüttelten. Schließlich ohrfeigte die Frau den Magier, als hoffe sie, er spiele ihr nur etwas vor oder sei lediglich ohnmächtig geworden.
»Mama, warum haust du Papa?«, rief der Junge mit dünner Stimme. Nicht erschrocken, sondern erstaunt, offensichtlich hatte er dergleichen noch nie erlebt. Eine liebevolle Familie.
Ich packte den Jungen bei der Schulter und führte ihn behutsam weg. Im Gang drängten sich bereits Menschen zusammen. Ich erblickte Sweta. Ihre Augen waren weit aufgerissen, sie hatte sofort alles begriffen.
»Bringen Sie das Kind weg«, bat ich den Kellner.»Offenbar ist hier jemand gestorben.«
»Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte der Kellner völlig ruhig. Ohne jenen Akzent, dessen er sich befleißigte, wenn er Gäste bediente.
»Ich.«
Der Kellner nickte, übergab den Jungen - der jetzt weinte, hatte er doch begriffen, dass in seiner kleinen heilen Welt etwas Schlimmes geschehen war - rasch einer der weiblichen Angestellten.
»Und was hatten Sie in der Herrentoilette zu suchen?«
»Die Tür stand offen, da habe ich ihn liegen sehen«, log ich, ohne darüber nachzudenken.
Der Kellner nickte und räumte damit die Möglichkeit eines solchen Hergangs ein. Gleichzeitig packte er mich jedoch fest am Ellbogen.
»Sie müssen auf die Miliz warten, meine Dame.«
Inzwischen hatte sich Swetlana zu uns durchgedrängelt und kniff die Augen zusammen, kaum hatte sie die letzten Worte aufgeschnappt. Das hatte noch gefehlt: dass sie den Umstehenden das Gedächtnis löschte!
»Natürlich, selbstverständlich.«Ich machte einen Schritt, worauf der Kellner unwillkürlich meine Hand freigab und hinter mir herkam.»Sweta, da ist etwas Fürchterliches geschehen. Eine Leiche.«
»Olga.«Swetlana reagierte richtig. Umarmte mich, bedachte den Kellner mit einem ungehaltenen Blick und wollte mich zu den Tischen zurückziehen.
In diesem Moment stürmte der Junge an uns vorbei, nachdem er sich seinen Weg durch die sensationslüsterne, neugierige Menge hindurch gebahnt hatte. Heulend stürzte er sich auf seine Mutter, die man gerade von der Leiche wegzog. Die Frau hatte die allgemeine Aufregung genutzt, um sich noch einmal neben ihren toten Mann fallen zu lassen und ihn zu rütteln.
»Steh auf! Gena, steh auf! Steh sofort auf!«
Ich spürte, wie Swetlana zusammenzuckte, als sie diese Szene beobachtete.
»Nun?«, flüsterte ich.»Sollen wir die Dunklen mit Feuer und Schwert ausrotten?«
»Warum hast du das getan? Ich hätte es auch so verstanden!«, zischte Swetlana böse zurück.
»Was?!«
Wir sahen einander an.
»Das warst nicht du?«, fragte Sweta unsicher.»Entschuldige, aber das hatte ich geglaubt.«
In dieser Sekunde begriff ich, dass ich wirklich in der Klemme saß.
Der Ermittler interessierte sich nicht sonderlich für mich. In seinen Augen las ich die bereits gefasste Meinung: natürlicher Tod. Ein schwaches Herz, Missbrauch von Drogen, das Übliche halt. Mit einem Mann, der in teuren Restaurants verkehrte, hatte er kein Mitleid - und brauchte es nicht zu haben.
»Die Leiche hat so gelegen?«
»Ja, so«, bestätigte ich müde.»Fürchterlich!«
Der Ermittler zuckte die Achseln. Etwas Fürchterliches konnte er an dieser Leiche nicht entdecken, sie schwamm ja noch nicht mal in Blut.
»Ja, ein schrecklicher Anblick«, entgegnete er trotz allem voller Großmut.»War jemand in der Nähe?«
»Nein. Später ist eine Frau aufgetaucht, die Ehefrau der Leiche, mit ihrem Sohn.«
Ein schiefes Lächeln belohnte mich für diese absichtlich wirre Rede.
»Vielen Dank, Olga. Möglicherweise werden wir uns noch einmal mit Ihnen in Verbindung setzen. Sie haben doch nicht vor, die Stadt zu verlassen?«
Eifrig bewegte ich den Kopf hin und her. Die Miliz beunruhigte mich nicht im Mindesten.
Der Chef, der bescheiden an einem Ecktisch saß, dagegen umso mehr.
Der Ermittler ließ mich in Ruhe und wandte sich der»Ehefrau der Leiche«zu. Boris Ignatjewitsch kam langsam auf unseren Tisch zu. Offensichtlich schirmte ihn ein leichter Ablenkungszauber ab, denn niemand achtete auf ihn.
»Reingefallen?«, fragte er bloß.
»Wir?«, präzisierte ich vorsichtshalber.
»Ja. Ihr. Genauer gesagt, du.«
»Ich habe mich genau an die Anweisungen gehalten, die mir gegeben wurden«, flüsterte ich hitzig.»Und diesen Magier nicht mit dem Finger angerührt!«
Der Chef seufzte.»Das bezweifle ich gar nicht. Aber wie konntest du, ein erfahrener Mitarbeiter der Wache, nur so dumm sein und dem Dunklen ganz allein an einen abgeschiedenen Ort nachstürzen, obwohl du über alles im Bilde bist?«
»Wer hätte denn so was voraussehen können?«, empörte ich mich.»Wer?«
»Du. Warum greifen wir denn zu solchen Maßnahmen, maskieren dich in einer Weise, die ohne Beispiel ist? Wie lauteten deine Anweisungen? Keine Minute solltest du allein bleiben! Keine Minute! Essen, schlafen - alles solltest du zusammen mit Swetlana machen. Ihr solltet zu zweit duschen! Gemeinsam zur Toilette gehen! Damit du für jeden, absolut jeden Moment ein…«Der Chef seufzte und verstummte.
»Boris Ignatjewitsch«, mischte sich Swetlana überraschend ins Gespräch ein.»Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Lassen Sie uns lieber überlegen, was wir nun machen können.«