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»Um jemandem von uns etwas anzuhängen.«

»Von allen Mitarbeitern der Wache hast nur du kein Alibi für die jeweilige Tatzeit, Anton. Wozu sollte die Tagwache Jagd auf dich machen?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Die Rache Sebulons?«Zweifelnd schüttelte der Chef den Kopf.»Nein. Du bist erst vor kurzem mit ihm zusammengestoßen. Dieser Schlag ist aber seit dreieinhalb Jahren geplant. Die Frage bleibt: Wozu?«

»Vielleicht ist Anton potenziell ein sehr mächtiger Magier?«, fragte Swetlana leise.»Und die Dunklen haben das erkannt. Da sie ihn nicht mehr auf ihre Seite herüberziehen konnten, haben sie beschlossen, ihn zu vernichten.«

»Anton ist stärker, als er glaubt«, antwortete der Chef in scharfem Ton.»Aber über den zweiten Grad

wird er nie hinauskommen.«

»Und wenn unsere Feinde die verschiedenen Realitätsvarianten weiter absehen können als wir?«Ich sah dem Chef in die Augen.

»Ja, und?«

»Ich kann ein schwacher Magier sein, ein mittlerer oder ein starker. Aber wenn ich bloß etwas zu tun bräuchte, um das Gleichgewicht der Kräfte zu stören? Irgendwas Einfaches, das nicht mit Magie verbunden ist? Boris Ignatjewitsch, die Dunklen haben doch versucht, mich von Swetlana fern zu halten, haben also einen Realitätsstrang gesehen, der mir die Möglichkeit bot, ihr zu helfen! Und wenn sie noch etwas sehen? In der Zukunft? Wenn sie weit vorausschauen können und sich seit langem darauf vorbereiten, mich zu neutralisieren? Was selbst den Kampf um Sweta nichtig erscheinen ließe?«

Am Anfang hörte der Chef noch aufmerksam zu. Dann runzelte er die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Du bist größenwahnsinnig, Anton. Entschuldige«, sagte er.»Ich habe mir die Linien aller Mitarbeiter der Wache angeschaut, angefangen bei denen in Schlüsselpositionen bis hin zu unserm klempnernden Onkel Schura. Nein, du musst verzeihen, solch große Taten hält die Zukunft nicht für dich bereit. In keiner einzigen Realitätslinie.«

»Sind Sie absolut sicher, dass Sie sich da nicht irren, Boris Ignatjewitsch?«

Trotz allem nahm ich ihm das übel.

»Nein, natürlich nicht. Ich bin niemals von etwas absolut überzeugt. Selbst von mir nicht. Aber die Chancen, dass du Recht hast, sind sehr, sehr gering. Glaub

mir das.«

Was ich tat.

Im Vergleich zum Chef tendieren meine Fähigkeiten gegen Null.

»Wir wissen also die Hauptsache nicht: den Grund?«

»Richtig. Der Schlag zielt auf dich, daran besteht kein Zweifel. Der Wilde wird auf sehr feine und geschickte Weise gelenkt. Er glaubt, dass er gegen das Böse kämpft, hängt aber seit langem schon wie eine Marionette an ihren Fäden. Heute haben die Dunklen ihn in das Restaurant geführt, das auch du besucht hast. Haben ihm ein Opfer präsentiert. Und du bist darauf hereingefallen.«

»Also, was machen wir jetzt?«

»Den Wilden suchen. Das ist unsere letzte Chance, Anton.«

»Was heißt, wir müssen ihn umbringen.«

»Nicht wir. Wir müssen ihn nur finden.«

»Egal. Wie schlecht er auch sein mag, wie sehr er auch irregeleitet worden ist, er ist einer von uns! Er kämpft so gut er kann gegen das Böse. Man muss ihm bloß alles erklären.«

»Dazu ist es zu spät, Anton. Viel zu spät. Wir haben sein Auftauchen nicht bemerkt. Jetzt zieht er eine derartige Spur hinter sich her… Erinnerst du dich noch, welches Ende die Vampirin genommen hat?«

Ich nickte.»Auslöschung.«

»Dabei hat sie viel weniger verbrochen, zumindest aus Sicht der Dunklen. Und ebenfalls nicht verstanden, was vor sich ging. Dennoch hat die Tagwache sie für schuldig befunden.«

»Ob das ein Zufall war?«, fragte Swetlana.»Oder sollte ein Präzedenzfall geschaffen werden?«

»Wer weiß? Anton, du musst den Wilden finden.«

Mein Blick traf auf seine Augen.

»Ihn finden und den Dunklen übergeben«, sagte der Chef in strengem Ton.

»Warum ich?«

»Weil nur du moralisch dazu in der Lage bist. Du bist in Gefahr. Also verteidigst du dich nur. Für jeden anderen von uns wäre es ein zu großer Schock, einen Lichten auszuliefern, selbst wenn er ein spontaner, irregeleiteter Autodidakt ist. Du dagegen wirst das aushalten.«

»Da bin ich mir nicht sicher.«

»Doch. Und bedenke eins, Anton. Du hast nur diese Nacht. Die Tagwache wird nicht länger fackeln, morgen wirst du offiziell angeklagt.«

»Boris Ignatjewitsch!«

»Erinner dich an alles! Erinnerst du dich, wer im Restaurant war? Wer dem Dunklen Magier zu den Toiletten gefolgt ist?«

»Niemand. Da bin ich mir sicher, ich habe die ganze Zeit darauf geachtet, ob er nicht herauskommt«, mischte sich Swetlana ein.

»Dann hat der Wilde dem Magier also in der Toilette aufgelauert. Aber herausgekommen sein muss er. Erinnert ihr euch daran? Sweta, Anton?«

Wir schwiegen. Ich erinnerte mich an nichts. Denn ich hatte versucht, den Dunklen Magier möglichst nicht anzusehen.

»Da kam ein Mann heraus«, sagte Swetlana.»So ein, nun…«Sie dachte nach.»Ein Niemand, ein absoluter Niemand. Ein Allerweltsmensch, als ob eine Million Gesichter zusammengemischt und zu einem einzigen geknetet worden seien. Ich habe ihn nur flüchtig angeguckt und sofort wieder vergessen.«

»Erinner dich daran«, verlangte der Chef.

»Das kann ich nicht, Boris Ignatjewitsch. Es war irgendein Mensch. Ein Mann. Mittleren Alters. Ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass er ein Anderer ist.«

»Er ist ein spontaner Anderer. Er tritt noch nicht mal ins Zwielicht ein, sondern balanciert an seinem Rand entlang. Erinner dich, Sweta! An das Gesicht oder irgendwelche besonderen Merkmale.«

Swetlana fuhr sich mit dem Finger über die Stirn.»Als er wieder herauskam, nahm er an einem Tisch Platz, an dem eine Frau saß. Eine schöne Frau mit hellbraunem Haar. Sie war geschminkt, mir fiel sogar auf, dass sie Produkte der Firma Lumenet benutzte, die ich auch ab und an verwende. Sie sind nicht sehr teuer, aber gut.«

Trotz allem musste ich lächeln.

»Und sie war unzufrieden«, fügte Sweta noch hinzu.»Sie lächelte, aber schief. Als ob sie noch ein wenig länger hier sitzen bleiben wollte, aber aufbrechen sollte.«

Sie dachte weiter nach.

»Die Aura der Frau!«, verlangte der Chef scharf.»Du erinnerst dich daran! Wirf mir den Abdruck zu!«

Er erhob die Stimme und änderte den Ton. Natürlich hörte niemand im Restaurant ihn. Doch die Mienen der Gäste verkrampften sich zu einer Grimasse, ein Kellner mit einem Tablett in der Hand stolperte, eine Weinflasche und zwei Kristallgläser fielen zu Boden.

Swetlanas Kopf schwankte hin und her - der Chef versetzte sie derart problemlos in Trance, als sei sie ein einfacher Mensch. Ich sah, wie sich ihre Pupillen erweiterten und sich ein zartes regenbogenfarbenes Band zwischen ihrem Gesicht und dem des Chefs spannte.

»Vielen Dank, Sweta«, sagte Boris Ignatjewitsch.

»Hat es geklappt?«, fragte sie verwundert.

»Ja. Du kannst dich als Magierin siebten Grades betrachten. Ich werde Mitteilung machen, dass ich die Prüfung selbst abgenommen habe. Anton!«

Jetzt sah ich in die Augen des Chefs.

Ein Impuls.

Dahinfließende Ströme einer Energie, die die Menschen nicht kannten.

Ein Bild.

Nein, das Gesicht der Freundin unseres Wilden sah ich nicht. Sondern ihre Aura, was weitaus bedeutender ist. Ineinander laufende bläuliche und grüne Schichten, wie bei einem Eisbecher, ein kleiner brauner Fleck, ein weißer Streifen. Eine recht komplizierte Aura, die man sich leicht merkte und die insgesamt Sympathie erweckte. Ich konnte es nicht fassen.