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Sie liebte ihn.

Liebte ihn und grollte ihm aus irgendeinem Grund, glaubte, dass er sie nicht mehr liebe, ertrug das aber, war sogar bereit, es auch in Zukunft zu ertragen.

Wenn ich der Spur dieser Frau folgte, würde ich den Wilden finden. Und ihn dem Tribunal übergeben - und damit dem sicheren Tod.

»N-nein«, sagte ich.

Der Chef sah mich voller Mitgefühl an.

»Die Frau trifft doch keine Schuld! Sie liebt ihn, das sehen Sie doch!«

In meinen Ohren heulte eine schwermütige Musik. Kein Mensch reagierte auf meinen Schrei. Ich könnte mich über den Boden wälzen, unter fremde Tische abtauchen - sie würden die Beine zurückziehen und weiter ihr indisches Essen verputzen.

Swetlana betrachtete uns. Sie hatte sich an die Aura erinnert, konnte sie aber nicht entziffern: Das erfordert bereits den sechsten Grad.

»Dann stirbst du«, sagte der Chef.

»Ich weiß, wofür.«

»Aber denkst du nicht an die, die dich lieben, Anton?«

»Dieses Recht habe ich nicht.«

Boris Ignatjewitsch setzte ein schiefes Grinsen auf.

»Ein Held! Ach, was sind wir doch alle für Helden! Unsere Hände sind sauber, die Herzen aus Gold, die Füße noch nie durch Scheiße gewatet. Hast du die Frau schon vergessen, die von ihrem Verwandten abgeholt worden ist? Oder die heulenden Kinder? Die sind doch keine Dunklen. Sondern einfache Menschen, die wir zu verteidigen versprochen haben. Wie sehr wägen wir jede geplante Operation ab? Warum kriegen die Analytiker, die ich zwar alle naselang verfluche, durch die Bank bereits mit fünfzig graue Haare?«

So wie ich vor kurzem noch Swetlana ins Gebet genommen hatte, ihr sicher und machtvoll die Leviten gelesen hatte, so knöpfte sich der Chef jetzt mich vor.

»Die Wache braucht dich, Anton! Braucht Sweta! Aber einen Psychopathen, auch wenn er ein guter ist, braucht niemand! Mit einem kleinen Dolch in der Hand in einem Tordurchgang oder auf der Toilette Dunklen aufzulauern ist einfach. An die Folgen denkt er nicht, seine Schuld sieht er nicht. Wo verläuft unsere Front, Anton?«

»Mitten durch die Menschen hindurch.«Ich senkte den Blick.

»Wen verteidigen wir?«

»Die Menschen.«

»Das Böse an sich gibt es nicht, das solltest du doch inzwischen begriffen haben! Unsere Wurzeln liegen hier, um uns herum, in dieser Herde, die sich eine Stunde nach einem Mord voll frisst und amüsiert! Für sie musst du kämpfen. Für die Menschen. Das Dunkel ist eine Hydra, und je mehr Köpfe du ihr abschneidest, desto mehr wachsen ihr! Eine Hydra muss man aushungern, nicht wahr? Bring hundert Dunkle um - und an ihrer Stelle erheben sich tausend. Darin besteht die Schuld des Wilden! Darum musst du, du und niemand sonst, ihn finden, Anton. Und ihn zwingen, vor Gericht zu erscheinen. Freiwillig oder unter Zwang.«

Plötzlich verstummte der Chef. Stand abrupt auf.»Gehen wir, Mädels.«

Ich bemerkte schon gar nicht mehr, wenn er mich als Frau ansprach. Aufstehen und meine Tasche zu schnappen - das war eine unwillkürliche, reflexartige Bewegung.

Der Chef würde nicht ohne Grund drängeln.

»Rasch!«

Mit einem Mal begriff ich, dass ich den Ort aufsuchen

musste, an dem der Tod den unglückseligen Dunklen Magier ereilt hatte. Aber ich traute mich noch nicht einmal, das auch nur anzudeuten. Wir eilten derart überstürzt zum Ausgang, dass uns die Wachleute garantiert aufgehalten hätten, wenn sie in der Lage gewesen wären, uns zu sehen.

»Zu spät«, sagte der Chef leise kurz vor der Tür.»Wir haben uns verquatscht.«

Drei Personen betraten das Restaurant, sickerten förmlich herein. Zwei kräftige Kerle und eine junge Frau.

Die Frau kannte ich. Alissa Donnikowa. Die kleine Hexe von der Tagwache. Sie riss die Augen auf, als sie den Chef erblickte.

Hinter ihr glitten zwei diffuse, unsichtbare Silhouetten durchs Zwielicht.

»Wenn Sie bitte noch bleiben wollen«, sagte Alissa heiser, als habe sie mit einem Mal eine ganz ausgedörrte Kehle.

»Aus dem Weg!«Der Chef fuchtelte leicht mit der Hand, worauf die Dunklen auseinander wichen, sich an die Wände drängten. Alissa krängte, als wolle sie sich gegen eine elastische Wand stemmen, doch die Kräfte waren nicht gleich verteilt.

»Sebulon, ich rufe dich!«, wimmerte sie.

Oho. Die kleine Hexe erwies sich als Liebling des Oberhaupts der Tagwache, wenn sie das Recht hatte, ihn herbeizurufen!

Aus dem Zwielicht tauchten zwei weitere Dunkle auf. Äußerlich wirkten sie wie Kampfmagier dritten oder vierten Grades. Sicher, mit dem Chef konnten sie sich nicht messen, außerdem konnte ich ihm noch helfen - aber wertvolle Zeit würden sie uns stehlen.

Der Chef sah das genauso.»Was wollt ihr?«, fragte er in herrischem Ton.»Das ist die Zeit der Nachtwache.«

»Ein Verbrechen wurde begangen.«Alissas Augen glühten.»Hier, erst vor kurzem. Einer von uns ist ermordet worden, ermordet worden von einem…«Ihr Blick bohrte sich abwechselnd in den Chef und mich.

»Von wem?«, fragte der Chef hoffnungsvoll. Die Hexe ließ sich nicht provozieren. Bei ihrem Status und zu dieser Zeit, die nicht die ihre war, hätte sie es nur wagen sollen, Boris Ignatjewitsch eine solche Anklage an den Kopf zu werfen - er hätte sie an der Wand zerquetscht.

Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob dieser Schritt gerechtfertigt war.

»Von einem Lichten!«

»Die Nachtwache kennt den Verbrecher nicht.«

»Wir bitten offiziell um Unterstützung.«

So. Nun gab es kein Entkommen mehr. Der anderen Wache die Unterstützung zu verweigern käme einer Kriegserklärung gleich.

»Sebulon, ich rufe dich!«, schrie die Hexe noch einmal. In mir keimte die zarte Hoffnung auf, das Haupt der Dunklen höre sie nicht oder sei anderweitig beschäftigt.

»Wir erklären unsere Kooperationsbereitschaft«, sagte der Chef. Mit einer Stimme wie Eis.

Ich ließ den Blick durch den Raum wandern, über die breiten Schultern der Magier hinweg - die Dunklen hatten uns inzwischen umzingelt und wollten uns offensichtlich an der Tür festhalten. Ja, im Restaurant geschahen unerhörte Dinge.

Das Volk fraß weiter.

Ein Schmatzen, so laut, als ob an den Tischen Schweine säßen. Stumpfe, gläserne Blicke, die Finger ums Besteck gepresst, schaufelte die Masse das Essen jedoch mit den Händen in sich hinein, würgte, schnaubte, spuckte. Ein distinguierter älterer Herr, der friedlich im Kreise von drei Bodyguards und einer jungen Schönheit speiste, schlürfte den Wein direkt aus der Flasche. Ein sympathischer junger Kerl, ohne Zweifel ein Yuppie, und seine liebreizende Freundin keilten sich um einen Teller und beschmadderten sich mit fetter orangefarbener Sauce. Die Kellner rasten von Tisch zu Tisch und knallten den Leuten Essensteller vor, Tassen, Flaschen, Warmhalteplatten, Schüsseln…

Die Dunklen haben ihre eigenen Methoden, um Außenstehende abzulenken.

»Wer von Ihnen war zur Zeit des Verbrechens im Restaurant?«, fragte die Hexe feierlich. Der Chef schwieg.

»Hm.«

»Wer?«

»Meine beiden Begleiterinnen.«

»Olga und Swetlana.«Die Hexe vernichtete uns förmlich mit ihrem Blick.»Und der Andere, der Mitarbeiter der Nachtwache, dessen menschlicher Name Anton Gorodezki ist, war nicht anwesend?«

»Außer uns waren keine anderen Mitarbeiter der Wache hier«, sagte Swetlana schnell. Gut, aber vielleicht ein bisschen zu schnell. Alissa runzelte die Stirn, merkte, dass sie ihre Frage etwas zu vage formuliert hatte.

»Eine ruhige Nacht, nicht wahr?«, klang es von der Tür zu uns herüber.

Sebulon war erschienen.