Ich überlegte kurz, ob ich nicht mein Wissen aus dem Illusionskurs hervorkramen und kurz in mein altes Äußeres zurückkehren sollte. Doch das war gar nicht nötig - der Junge glaubte mir. Vielleicht, weil er sich an die Transformationen des Chefs erinnerte.
»Was wollen Sie von mir?«
»Nichts. Ich warte hier auf eine Kollegin, der dieser Körper gehört. Wir beide haben uns nur zufällig getroffen.«
»Ich hasse eure Wachen!«, schrie Jegor.
»Das kannst du halten, wie du willst. Ich habe dich wirklich nicht verfolgt. Wenn du willst, geh.«
Das zu glauben fiel ihm bedeutend schwerer, als den Körpertausch hinzunehmen. Misstrauisch schaute der Junge sich um und zog die Augenbrauen zusammen.
Natürlich brachte er es nicht ohne weiteres fertig zu
gehen. Er hatte ein Geheimnis gelüftet, Kräfte gespürt, die jenseits der Menschenwelt lagen. Und auf diese Kräfte verzichtet, wenn auch nur vorläufig.
Doch ich ahnte, wie gern er das alles gelernt hätte - wenigstens ein paar Kleinigkeiten, Taschenspielertricks mit Pyrokinese und Telekinese, Suggestion, Heilen, Flüchen - keine Ahnung, was genau, aber wahrscheinlich wollte er genau das. Es nicht nur kennen, sondern beherrschen.
»Haben Sie mich wirklich nicht verfolgt?«, fragte er schließlich.
»Wirklich nicht. Wir können nicht lügen - nicht geradezu.«
»Und woher soll ich wissen, ob das nicht auch eine Lüge ist?«, brummte der Junge mit abgewandtem Blick. Was logisch war.
»Nirgendwoher«, räumte ich ein.»Wenn du willst, glaub es.«
»Das würde ich gern«, sagte der Junge, den Blick immer noch zu Boden gesenkt.»Aber ich erinnere mich daran, was geschehen ist, da auf dem Dach. Ich träume davon.«
»Du brauchst vor dieser Vampirin keine Angst mehr zu haben«, beruhigte ich ihn.»Sie ist ausgelöscht worden. Auf ein Urteil des Gerichts hin.«
»Ich weiß.«
»Woher?«, wunderte ich mich.
»Ihr Vorgesetzter hat mich angerufen. Der, der auch den Körper getauscht hatte.«
»Das wusste ich nicht.«
»Er hat einmal angerufen, als ich allein zu Hause war. Er hat gesagt, dass die Vampirin ihre Strafe bekommen hat. Und dann hat er noch gesagt, dass ich aus der Liste der Menschen gestrichen worden bin, weil ich ein potenzieller Anderer bin, auch wenn noch nicht klar ist, was für einer. Und das Los würde nie wieder auf mich fallen, ich brauchte also keine Angst mehr zu haben.«
»Natürlich nicht«, bestätigte ich.
»Ich habe ihn gefragt, ob meine Eltern weiter auf der Liste stehen.«
Darauf wusste ich nichts zu sagen. Mir war klar, wie die Antwort des Chefs gelautet hatte.
»Gut, ich geh jetzt.«Jegor trat einen Schritt zur Seite.»Ihre Zigarette ist ausgegangen.«
Ich schmiss die Kippe weg.»Woher kommst du jetzt?«, fragte ich.»Es ist schon spät.«
»Vom Training, ich schwimme. Aber sagen Sie, sind Sie das wirklich?«
»Erinnerst du dich noch an den Trick mit der zerbrochenen Tasse?«
Jegor rang sich ein Lächeln ab. Die billigsten Tricks beeindrucken die Menschen immer am meisten.
»Ja. Aber…«Er verstummte und starrte an mir vorbei.
Ich drehte mich um.
Es ist merkwürdig, sich von außen zu sehen. Ein Typ mit meinem Gesicht, meinem Gang, in meinen Jeans und meinem Sweatshirt kam auf uns zu, am Gürtel den MD-Player, in der Hand eine kleine Tasche. Ein angedeutetes, kaum zu erkennendes Lächeln, das ebenfalls mir gehörte. Selbst die Augen, dieser falsche
Spiegel, waren meine.
»Hallo Anton«, begrüßte mich Olga.»Guten Abend, Jegor.«
Dass der Junge hier war, wunderte sie nicht im Geringsten. Sie wirkte überhaupt sehr ruhig.
»Guten Abend.«Jegors Blick wanderte zwischen ihr und mir hin und her.»Ist Anton jetzt in Ihrem Körper?«
»Ganz genau.«
»Sie sind nett. Woher kennen Sie mich denn?«
»Ich habe dich gesehen, als ich in einem weniger netten Körper steckte. Aber jetzt musst du uns entschuldigen. Anton steckt in großen Schwierigkeiten, um die wir uns kümmern müssen.«
»Soll ich gehen?«Jegor hatte völlig vergessen, dass er das gerade eben noch aus freien Stücken tun wollte.
»Ja. Sei uns nicht böse, aber hier wird es gleich heiß werden, sehr heiß.«
Der Kleine sah mich an.
»Die Tagwache ist hinter mir her«, erklärte ich ihm.»Alle Dunklen Moskaus.«
»Warum?«
»Das ist eine lange Geschichte. Fahr jetzt lieber nach Hause.«
Das klang grob. Jegor nickte mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er schielte zum anderen Gleis hinüber - gerade kam ein Zug.
»Aber Ihre Leute verteidigen Sie doch?«Trotz allem bereitete es ihm Schwierigkeiten zu begreifen, wer von uns in welchem Körper steckte.»Die von Ihrer Wache?«
»Sie versuchen es«, antwortete Olga sanft.»Aber jetzt geh bitte. Das bisschen Zeit, das wir haben, läuft uns davon.«
»Auf Wiedersehen.«Jegor drehte sich um und rannte zum Zug. Mit dem dritten Schritt verließ er den Kreis, der ihn der Aufmerksamkeit seiner Umwelt entzog. Beinah hätte man ihn umgerannt.
»Wenn der Junge geblieben wäre, hätte ich geglaubt, dass er sich für unsere Seite entscheidet«, sagte Olga, während sie ihm nachblickte.»Zu gern würde ich wissen, welche Wahrscheinlichkeit es gab, dass ihr euch in der Metro begegnet.«
»Das war ein Zufall.«
»Es gibt keine Zufälle. Ach, Anton, vor langer Zeit habe ich die Realitätslinien so problemlos gelesen wie ein offenes Buch.«
»Ich hätte nichts gegen eine gute Prophezeiung einzuwenden.«
»Eine echte Prophezeiung kriegst du nicht auf Bestellung. Gut, kommen wir zur Sache. Du willst in deinen Körper zurück?«
»Ja. Gleich hier.«
»Wie du meinst.«Olga streckte die Arme - meine Arme - aus und packte mich bei der Schulter. Was ein idiotisches, ambivalentes Gefühl in mir hervorrief. Offenbar erging es ihr genauso.»Was musstest du auch so schnell in die Bredouille geraten, Anton?«, amüsierte sie sich.»Ich hatte für heute Abend so extravagante Dinge geplant.«
»Sollte ich dem Wilden vielleicht dankbar sein, dass er deine Pläne durchkreuzt hat?«
Olga konzentrierte sich, ihr Lächeln verschwand.»Gut. Also los.«
Wir stellten uns Rücken an Rücken und streckten die Arme seitlich aus, um ein Kreuz zu bilden. Ich berührte die Finger Olgas, die meine Finger waren.
»Gib mir meins«, sagte Olga.
»Gib mir meins«, wiederholte ich.
»Geser, wir geben dir deine Gabe zurück.«
Ich erschauerte, als mir klar wurde, dass sie den richtigen Namen des Chefs genannt hatte! Den aus den tibetanischen Sagen!
»Geser, wir geben dir deine Gabe zurück!«, wiederholte Olga in scharfem Ton.
»Geser, wir geben dir deine Gabe zurück!«
Olga wechselte in eine alte Sprache über, einen weichen Singsang, den sie vortrug, als sei er ihre Muttersprache. Doch voller Schmerzen spürte ich, wie viel Mühe sie diese magische Handlung kostete, die noch nicht einmal sehr bedeutend war, sondern nur die zweite Kraftstufe verlangte.
Beim Gestaltwechsel schnellt man hoch wie eine Sprungfeder. Unser jeweiliges Bewusstsein hielt sich nur dank der Energie, die Boris Ignatjewitsch Geser uns gegeben hatte, in dem fremden Körper. Wir brauchten nur auf seine Kraft zu verzichten, und schon nahmen wir wieder unsere eigene Gestalt an. Wenn einer von uns beiden ein Magier ersten Grades gewesen wäre, hätten wir noch nicht einmal Körperkontakt herstellen müssen, dann hätte sich der Tausch auch auf Distanz durchführen lassen.
Olgas Stimme schwang sich hoch: Sie sprach die Schlussformel des Verzichts.