Выбрать главу

Einen Moment lang passierte gar nichts. Dann krümmte ich mich in einem Krampf, wand mich, vor meinen Augen verschwamm alles, wurde grau, als sei ich ins Zwielicht eingetaucht. Kurz sah ich die Metrostation - die gesamte, die mit Staub überzogenen bunten Mosaiken, den dreckigen Fußboden, die langsamen Bewegungen der Menschen, die Regenbögen der Auren und zwei Körper, die miteinander rangen, als wollten sie sich gegenseitig ans Kreuz schlagen.

Dann drückte mich etwas, presste mich, zwängte mich in die Körperhülle.

»Ah, ah, ah«, zischte ich, während ich zu Boden fiel, mich aber in letzter Sekunde mit den Händen abfangen konnte. Meine Muskeln krampften sich zusammen, in den Ohren klirrte es. Der Rücktausch gestaltete sich weitaus unbequemer, vielleicht weil ihn nicht der Chef durchgeführt hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Olga träge.»Verdammt, du bist doch ein altes Schwein.«

»Was?«Ich sah die junge Frau an.

Stirnrunzelnd stand Olga auf.»Pardon, aber hättest du nicht mal zur Toilette gehen können?«

»Nur mit Erlaubnis Sebulons.«

»Schon gut, schon vergessen. Wir haben noch eine Viertelstunde, Anton. Erzähl.«

»Was genau?«

»Das, was dir klar geworden ist. Mach schon. Du wolltest nicht einfach nur in deinen Körper zurück, du hast irgendeinen Plan.«

Ich nickte, streckte mich und rieb die dreckigen Hände gegeneinander. Klatschte mir auf die Schenkel, klopfte die Jeans ab. Unter meiner Achsel drückte das zu fest gezogene Halfter, das ich würde lockern müssen. In der Metro gab es jetzt nur noch wenige Menschen, die großen Ströme waren verebbt. Dafür hatten die Leute nun, da sie sich nicht mehr durch die Masse schlängeln mussten, Zeit zum Nachdenken. Die Regenbögen ihrer Auren flammten auf, der Nachhall fremder Emotionen wehte uns an.

Wie sehr musste man Olgas Fähigkeiten gestutzt haben! In ihrem Körper hatte ich mich anstrengen müssen, um die geheime Welt der menschlichen Gefühle zu sehen. Dabei ist das so leicht, leichter geht’s gar nicht. Noch nicht mal ein Grund, stolz zu sein.

»Die Tagwache braucht mich nicht, Olga. Absolut nicht. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Magier mit mittleren Fähigkeiten.«

Sie nickte.

»Aber sie machen Jagd auf mich. Daran gibt es keinen Zweifel. Folglich bin ich nicht die Beute, sondern der Köder. So wie Jegor den Köder spielte, als Sweta die Beute war.«

»Begreifst du das erst jetzt?«Olga schüttelte den Kopf.»Natürlich bist du der Köder.«

»Für Swetlana?«

Die Zauberin nickte.

»Das ist mir erst heute klar geworden«, gab ich zu.»Vor einer Stunde. Sweta wollte sich der Tagwache entgegenstellen und hat die fünfte Kraftstufe erklommen. Auf Anhieb. Wäre es zu einem Kampf gekommen, hätte man sie umgebracht. Wir sind doch auch ganz einfach zu lenken, Olga. Die Menschen kann man in unterschiedliche Richtungen treiben, zum Guten oder zum Bösen, die Dunklen bei ihrer Niedertracht packen, ihrer Selbstliebe und ihrer Gier nach Macht und Ruhm. Und uns bei unserer Liebe. Die lässt uns schutzlos wie Kinder dastehen.«

»Stimmt.«

»Weiß der Chef das alles?«, fragte ich.»Olga?«

»Ja.«

Sie presste das Wort heraus, als schnüre ihr jemand die Kehle zusammen. Nicht zu fassen! Lichten Magiern, die mehr als tausend Jahre gelebt haben, ist nichts peinlich. Sie haben die Welt so oft gerettet, dass sie alle ethischen Ausreden in- und auswendig kennen. Scham kennt eine Große Zauberin nicht - auch keine ehemalige. Zu oft wurde sie selbst verraten.

Ich lachte auf.»Habt ihr das sofort durchschaut, Olga? Gleich, als der Protest von den Dunklen kam? Dass man mich jagt - mit dem Ziel, Swetlana dazu zu bringen, sich in den Kampf zu stürzen?«

»Ja.«

»Ja, ja, ja! Und dann habt ihr weder sie noch mich gewarnt?«

»Swetlana muss erwachsen werden. Muss ein paar Stufen überspringen.«In Olgas Augen loderte ein Flämmchen auf.»Anton, du bist mein Freund. Ich rede ganz offen mit dir. Du musst verstehen, dass wir nicht die Zeit haben, eine Große angemessen aufzuziehen. Wir brauchen sie, dringender, als du dir das vorstellen kannst. Sie hat genug Kraft. Sie wird sich stählen, wird lernen, ihre Kraft zu sammeln und anzuwenden, und vor allem wird sie lernen, ihre Kraft zu mäßigen.«

»Und wenn ich sterbe… würde das nur ihren Willen stärken, ihren Hass auf die Dunklen schüren?«

»Ja. Aber du wirst nicht sterben, da bin ich sicher. Die Wache sucht den Wilden, es sind bereits alle mobilisiert. Wir präsentieren ihn den Dunklen, die Klage gegen dich wird zurückgezogen.«

»Dafür stirbt ein Lichter Magier, der nicht rechtzeitig initiiert worden ist. Ein unglücklicher, einsamer, zu Tode gehetzter Lichter, der davon überzeugt ist, allein auf weiter Flur gegen das Dunkel zu kämpfen.«

»Ja.«

»Du widersprichst mir ja heute gar nicht.«In meiner Stimme schwang keine Boshaftigkeit mit.»Olga, ist das, was ihr vorhabt, nicht gemein?«

»Nein.«In ihrer Stimme klang kein Zweifel. Es stand also viel auf dem Spiel.

»Wie lange muss ich durchhalten, Lichte?«

Sie zuckte zusammen.

Vor langer, vor sehr langer Zeit war dies einmal die übliche Form der Anrede bei der Wache gewesen. Lichter, Lichte. Warum nur hatten diese Worte ihre frühere Bedeutung verloren, warum wirkten sie heute so fehl am Platze, als redeten sich dreckige Penner vor einer Bierbude mit»Gentlemen«an?

»Wenigstens bis morgen früh.«

»Die Nacht - das ist nicht mehr unsere Zeit. Heute sind alle Dunklen auf den Straßen Moskaus. Und im Recht.«

»Nur so lange, bis wir den Wilden gefunden haben. Halte durch.«

»Olga.«Ich trat an sie heran, berührte mit der Hand

ihre Wangen und vergaß einen Moment lang völlig den ungeheuren Altersunterschied - was sind schon tausend Jahre im Vergleich zu einer endlosen Nacht -, vergaß das Ungleichgewicht unserer Kräfte, den Unterschied unserer Ränge.»Olga, glaubst du denn, dass ich morgen noch lebe?«

Die Zauberin schwieg.

Ich nickte. Es gab nichts mehr zu sagen.

Also ja, das hat doch was.

Sich im Morgengraun verlieren, Klopfen an die gläsernen

Immerzu verschlossnen Türen.

Ich drückte die Taste, um auf Zufallswahl umzuschalten. Nicht, weil das Lied nicht zu meiner Stimmung passte. Im Gegenteil.

Ich liebe die Metro bei Nacht. Warum, weiß ich selbst nicht. Es gibt nichts zu sehen außer der ekelhaften Reklame und den erschöpften, gleichförmigen Auren der Menschen. Es bleibt nur das Heulen des Motors, die Luft, die durch die nicht ganz geschlossenen Fenster hereinschwallt, das Gerumpel über die Schienen. Das stumpfsinnige Warten auf deine Station.

Trotzdem liebe ich sie.

Wir sind so leicht bei unserer Liebe zu fassen!

Ich erschauerte, erhob mich und ging zur Tür. Eigentlich hatte ich bis zum Ende der Linie fahren wollen.

»Rishskaja, nächste Station Alexejewskaja.«

Alle schweigen von demselben Angestrengt und überall,

Und der Klub für Pest und Aussatz

Hat Saisoneröffnungsball.

Das passt.

Schon als ich die Rolltreppe betrat, spürte ich von vorn einen leichten Hauch von Kraft. Ich schickte meinen Blick die mir entgegenkommende Rolltreppe hoch - und machte fast sofort den Dunklen aus.

Immerhin kein hoher Wächter des Tages, die haben andere Allüren. Ein kleiner Magier, vierter oder fünfter Grad, vermutlich eher fünfter: Er musste sich gewaltig anstrengen, um seine Umgebung zu scannen. Noch ganz jung, Anfang zwanzig, mit langen blonden Haaren, einer zerknautschten offenen Jacke, einem freundlichen, wenn auch angespannten Gesicht.