Wie bist du bloß ins Dunkel geraten? Was ist passiert, bevor du zum ersten Mal ins Zwielicht eingetreten bist? Hast du dich mit deiner Freundin verkracht? Mit deinen Eltern gestritten? Die Prüfungen an der Uni vergeigt oder in der Schule eine Fünf bekommen? Waren sie dir im Oberleitungsbus auf dem Fuß herumgetrampelt?
Am schrecklichsten ist allerdings, dass du dich nach außen nicht verändert hast. Oder höchstens zum Vorteil. Deine Freunde werden voller Verwunderung bemerkt haben, was sie jetzt mit dir für Spaß haben, dass ihnen alles gelingt, was sie zusammen mit dir machen. Deine Freundin wird in dir eine Unmenge bisher verborgener Qualitäten entdeckt haben. Deine Eltern können sich nicht genug über ihren Sohn freuen,
der so reif und klug geworden ist. Die Dozenten sind begeistert von dem talentierten Studenten.
Und niemand weiß, welchen Preis du von deiner Umwelt eintreibst. Womit sie deine Güte, deine Späße und dein Mitleid bezahlen.
Ich kniff die Augen etwas zusammen und stützte mich mit dem Ellbogen aufs Geländer. Ein müder, leicht betrunkener Mann, der auf nichts achtete und Musik hörte. Der Blick des Dunklen glitt über mich hinweg, wanderte weiter nach unten, erzitterte, hielt inne.
Zeit mich vorzubereiten, mein Äußeres zu ändern, meine Aura zu tarnen blieb mir nicht. Trotz allem hatte ich nicht erwartet, dass die Dunklen die Metro bereits absuchten.
Eine kalte Berührung, durchdringend wie eine Windböe. Der Junge verglich mich mit dem Bild, das vermutlich unter allen Dunklen in Moskau verteilt worden war. Ungeschickt machte er das, vergaß dabei seine Abschirmung und bemerkte nicht, wie mein Bewusstsein einen durchs Zwielicht geschlagenen Weg entlanghuschte und seine Gedanken berührte.
Freude. Begeisterung. Jubel. Gefunden. Die Beute. Sie überlassen mir einen Teil der Kraft der Beute. Werden mich loben. Befördern. Ruhm. Werden es anerkennen. Das haben sie mir nicht zugetraut! Jetzt sehen sie, was ich kann. Werden es honorieren.
Dennoch erwartete ich, dass wenigstens in einem Winkel seines Bewusstseins noch andere Gedanken auftauchten würden. Dass ich ein Feind bin, der sich den Dunklen entgegenstellt. Dass ich seinesgleichen getötet hatte.
Doch nein. Nichts. Er dachte nur an sich.
Bevor der junge Magier seine plumpen Fühler ausstreckte, fuhr ich meine aus. So. Über große Fähigkeiten verfügte er nicht, mit der Tagwache konnte er sich in der Metro nicht in Verbindung setzen. Was er aber auch gar nicht wollte. Für ihn war ich ein gehetztes Tier, noch dazu ein ungefährliches, ein Kaninchen, kein Wolf.
Also dann, Freundchen.
Ich verließ die Station, glitt von der Tür weg und suchte meinen Schatten. Die trübe Silhouette wölkte auf. Ich trat hinein.
Das Zwielicht.
Die Fußgänger wurden zu gespenstischem Dunst, die Autos krochen wie Schildkröten dahin, das Licht der Straßenlaternen verdunkelte sich, zerquetschte alles, lastete schwer. Stille, die Geräusche wichen einem dumpfen, kaum wahrnehmbaren Brummen.
Ich beeilte mich, denn noch hatte der Magier meine Spur nicht aufgenommen. In mir spürte ich eine Kraft, mit der ich bis zum Scheitel voll gepumpt war. Vermutlich Olgas Werk. In meiner Gestalt hatte sie die alten Fähigkeiten zurückerlangt und den Körper mit Energie aufgeladen, von der sie nicht einen Funken verbraucht hatte. Der Gedanke war ihr nicht einmal gekommen, so verlockend er auch sein mochte.
»Wo die Grenze ist, wirst du irgendwann selbst verstehen«, hatte ich Swetlana gesagt. Olga kannte diese Grenze seit langem. Und um einiges besser als ich.
Ich lief an der Wand entlang, spähte durch den Beton hindurch in den in die Tiefe gehenden Schacht, auf die Rolltreppen. Der dunkle Fleck kam nach oben.
Ziemlich schnell sogar: Der Magier rannte, flitzte über die Stufen, hatte die Menschenwelt aber trotzdem noch nicht verlassen. Haushaltete mit seinen Kräften. Nun komm schon, sieh zu.
Ich erstarrte.
Über den Boden glitt mir eine Wolke entgegen, die sich zusammenballte, ein Nebelklumpen, der die Züge einer menschlichen Gestalt annahm.
Ein Anderer. Ein ehemaliger Anderer.
Vielleicht gehörte er einst zu uns. Vielleicht aber auch nicht. Die Dunklen gehen ebenfalls nach dem Tod irgendwo ein. Bis jetzt war es einfach eine neblige, diffuse Wolke. Ein ewiger Pilger des Zwielichts.
»Friede sei mit dir, Gefallener«, sprach ich ihn an.»Wer auch immer du gewesen bist.«
Die aufwölkende Silhouette blieb vor mir stehen. Eine Nebelzunge schlängelte sich aus dem Körper heraus und streckte sich mir entgegen.
Was wollte er? Die Fälle, in denen die Bewohner des Zwielichts mit lebenden Anderen in Kontakt zu treten versuchen, kann man an fünf Fingern abzählen.
Die Hand - wenn man das denn Hand nennen kann - zitterte. Fahle Nebelfäden rissen sich los, lösten sich im Zwielicht auf und rieselten auf die Erde.
»Ich habe nur wenig Zeit«, sagte ich.»Gefallener, wer auch immer du im Leben gewesen bist, ein Dunkler oder ein Lichter, Friede sei mit dir. Was willst du von mir?«
Ein Windstoß schien die Wolken weißen Dunstes zu zerreißen. Der Geist drehte sich um und wies mit ausgestreckter Hand - jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, dass er mir die Hand entgegenstreckte - durchs Zwielicht nach Nordosten. Mein Blick folgte der Richtung: Der Gefallene zeigte auf eine dünne, nadelartige Silhouette, die am Himmel glomm.
»Der Turm, ja, das habe ich verstanden! Was soll das heißen?«
Der Nebel zerfloss langsam. Noch einen Moment - und das Zwielicht war wieder genauso leer wie immer.
Ein Zittern packte mich. Der Tote wollte mit mir kommunizieren. War er ein Freund oder ein Feind? Gab er mir einen Rat oder warnte er mich vor etwas?
Es war nicht zu verstehen.
Ich sah durch die Mauern des Metrogebäudes, durch die Erde - der Dunkle war fast oben angelangt, stand aber immer noch auf der Rolltreppe. Gut, versuche ich zu verstehen, was der Geist mir sagen wollte. Zum Turm wollte ich nicht gehen, ich hatte mir eine andere, riskante, aber überraschende Route überlegt. Es bestand also keine Notwendigkeit, mich vor dem Fernsehturm in Ostankino zu warnen.
War es also ein Hinweis? Aber von wem? Von einem Freund oder einem Feind, das war die entscheidende Frage. Man braucht nicht darauf zu hoffen, dass hinter der Grenze des Lebens die Unterschiede verwischt wären. Unsere Toten lassen uns in diesem Kampf nicht im Stich.
Ich musste eine Entscheidung treffen. Aber nicht jetzt.
Ich rannte zum Metroausgang und zog im Lauf die Pistole aus dem Achselhalfter.
Gerade noch rechtzeitig: Der Dunkle Magier kam aus der Tür heraus und kroch unverzüglich ins Zwielicht. Es würde recht einfach werden, jetzt, wo sich mir diese Möglichkeit bot. Fremde Auren loderten auf, dunkle Funken, die in alle Richtungen flogen.
Befände ich mich in der Menschenwelt, könnte ich beobachten, wie sich die Gesichter der Menschen verzerrten: wegen eines plötzlichen Schmerzes im Herzen oder wegen Herzschmerz, was ungleich schlimmer ist.
Der Dunkle Magier blickte sich um, suchte meine Spur. Aus seiner Umgebung vermochte er Kräfte zu ziehen, technisch war er jedoch nicht auf der Höhe.
»Ganz ruhig«, sagte ich und drückte dem Magier den Pistolenlauf in den Rücken.»Ganz ruhig. Du hast mich schon gefunden. Aber ob du dich darüber freuen solltest?«
Mit der anderen Hand packte ich sein Handgelenk und verhinderte somit, dass er seine Passes machen konnte. All diese dreisten jungen Magier greifen auf die Standardzauber zurück, die am einfachsten und effektivsten sind. Allerdings nach der makellosen Arbeit von zwei Händen verlangen.