Die Hand des Magiers wurde feucht.
»Gehen wir«, sagte ich.»Wir wollen ein bisschen miteinander plaudern.«
»Du, du…«Er vermochte immer noch nicht zu glauben, was ihm gerade passierte.»Du! Anton! Bist ein Gesetzloser!«
»Schon möglich. Bringt dich das jetzt weiter?«
Er drehte den Kopf herum - im Zwielicht hatte sich sein Gesicht verändert, hatte seine Attraktivität und Gutmütigkeit verloren. Nein, noch hatte er seine endgültige Zwielicht-Gestalt nicht angenommen, wie das bei Sebulon der Fall war. Trotzdem war das Gesicht schon nicht mehr menschlich. Ein Kiefer, der viel zu weit herunterhing, ein breites Froschmaul, schmale trübe Äuglein.
»Was du für ein Monster bist, mein Freund.«Ich stieß ihm noch einmal die Pistole in den Rücken.»Das ist eine Pistole. Geladen mit Silberkugeln, auch wenn das nicht nötig wäre. In der Zwielicht-Welt funktioniert sie nicht schlechter als in der Menschenwelt, etwas langsamer zwar, aber das wird dich nicht retten. Im Gegenteil, du spürst genau, wie die Kugel deine Haut zerreißt, sich langsam durch die Muskelfasern frisst, die Knochen zermalmt, die Nerven zerfetzt.«
»Das wagst du nicht!«
»Warum nicht?«
»Damit verbaust du dir jeden Ausweg!«
»Ach ja? Noch habe ich also Chancen? Weißt du was? Ich kriege immer mehr Lust abzudrücken. Gehen wir, du Mistkerl!«
Mit einem Fußtritt half ich ein wenig nach, trieb den Magier in einen engen Durchgang zwischen zwei Buden. Blaues Moos bewucherte im Übermaß die Wände und fing jetzt an zu zucken. Liebend gern würde die Zwielicht-Flora unsere Gefühle kosten: meinen Zorn, seine Angst. Gleichzeitig haben selbst diese hirnlosen Pflanzen genug Selbsterhaltungsinstinkt.
Und der Dunkle Magier nicht minder.
»Was willst du eigentlich von mir?«, schrie er.»Wir haben eine Aufgabe zugeteilt bekommen, sollten dich suchen! Ich habe nur meinen Befehl ausgeführt! Ich achte den Vertrag, Wächter!«
»Ich bin kein Wächter mehr.«Mit einem Stoß knallte ich ihn an die Wand, in die zärtliche Umarmung des Mooses. Sollte es doch ruhig ein wenig von seiner Furcht aus ihm heraussaugen, sonst macht er den Mund nie auf.»Wer hat die Jagd befohlen?«
»Die Tagwache.«
»Wer konkret?«
»Der Vorgesetzte, seinen Namen kenne ich nicht.«
Das dürfte der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Ich kannte ihn übrigens.
»Hat man dich konkret zu dieser Station geschickt?«
Er zögerte.
»Sprich.«Ich richtete die Pistole auf den Bauch des Magiers.
»Ja.«
»Allein?«
»Ja.«
»Du lügst. Aber das macht nichts. Welchen Befehl hast du für den Fall, dass du mich entdeckst?«
»Dich zu observieren.«
»Du lügst. Und diesmal macht es was. Denk nach und beantworte die Frage noch einmal.«
Der Magier schwieg, offenbar hatte es das blaue Moos etwas übertrieben.
Ich feuerte einen Schuss ab, und die Kugel überwand mit fröhlichem Gesang den Meter, der uns beide voneinander trennte. Der Magier sah sie sogar - seine Augen weiteten sich, nahmen eine menschlichere Form an, er zuckte zusammen, doch es war schon zu spät.
»Im Moment ist das nur eine Wunde«, erklärte ich.»Die noch nicht mal tödlich ist.«
Unter Schmerzen wand er sich am Boden, presste die Hände auf die Schusswunde im Bauch. Im Zwielicht wirkte das Blut fast durchsichtig. Vielleicht war das eine Illusion, vielleicht aber auch eine Besonderheit dieses Magiers.
»Beantworte meine Frage!«
Indem ich den Arm schwang, steckte ich das blaue Moos um ihn herum in Brand. Mir reichte es, jetzt würden wir mit der Angst, dem Schmerz, der Verzweiflung spielen. Schluss mit Barmherzigkeit, mit Nachsicht, mit Reden.
Das ist das Dunkel.
»Wir haben den Befehl, Mitteilung zu machen und dich nach Möglichkeit zu liquidieren.«
»Nicht festzunehmen? Sondern zu liquidieren?«
»Ja.«
»Die Antwort ist akzeptiert. Das Kommunikationsmittel?«
»Per Handy, einfach per Handy.«
»Gib’s mir.«
»Es ist in der Tasche.«
»Wirf’s her.«
Unbeholfen kramte er in der Tasche herum - die Wunde war nicht tödlich, die Widerstandskraft des Magiers noch hoch, aber er litt höllische Schmerzen.
Wie er es verdient hatte.
»Die Nummer?«, fragte ich, während ich das Mobiltelefon auffing.
»Die Notfalltaste.«Ich schaute aufs Display.
Den ersten Ziffern nach zu urteilen, konnte das Telefon an jedem x-beliebigen Ort stehen. Ebenfalls ein Handy sein.
»Ist das der Einsatzstab? Wo sitzt er?«
»Ich weiß nicht…«Er verstummte, starrte auf die Pistole.
»Streng dein Gedächtnis ein bisschen an«, verlangte ich.
»Man hat mir gesagt, sie könnten in fünf Minuten bereits hier sein.«
Das war’s also!
Ich blickte mich nach hinten um, betrachtete die am Himmel brennende Nadel. Das passte, das passte nur zu gut.
Der Magier rührte sich.
Nein, ich hatte ihn nicht provozieren wollen, indem ich den Blick abgewandt hatte. Aber als er aus der Tasche den Stab zog - den groben, kurzen Stab, ganz offenkundig keine Handarbeit von ihm, sondern billig eingekauft -, durchströmte mich Erleichterung.
»Also?«, fragte ich, als er innehielt, sich nicht entscheiden konnte, die Waffe zu erheben.»Los!«
Der Kerl schwieg, rührte sich nicht.
Wenn er doch bloß versuchen würde, mich anzugreifen - ich würde mein Magazin in ihn hineinpfeffern. Das wäre dann schon fatal. Doch vermutlich bringt man denen bei, wie sie sich bei einem Konflikt mit den Lichten verhalten sollen. Ihm war völlig klar, dass ich ihn kaum umbringen würde, solange er unbewaffnet und völlig schutzlos dalag.
»Wehr dich«, sagte ich.»Kämpf! Du Hundesohn, du scherst dich doch sonst nicht darum, wenn du andere Schicksale zerstörst, wenn du hilflose Wesen überfällst. Also, was ist? Los!«
Der Magier leckte sich die Lippen - seine Zunge war lang und leicht gespalten. Mit einem Mal ging mir auf, welche Zwielicht-Gestalt er über kurz oder lang annehmen würde, und mir wurde übel.
»Ich liefere mich deiner Gnade aus, Wächter. Ich verlange Nachsicht und einen Prozess.«
»Ich brauchte nur weggehen, und du würdest dich mit deinen Leuten in Verbindung setzen«, sagte ich.»Oder aus den Menschen um uns herum genug Kraft ziehen, um zu erstarken und dich zu einem Telefon zu schleppen. Oder? Darüber sind wir uns doch wohl beide einig.«
Der Dunkle lächelte.»Ich verlange Nachsicht und einen Prozess, Wächter«, wiederholte er.
Ich fuchtelte mit der Pistole in den Händen herum, blickte in das grinsende Gesicht. Verlangen können sie immer. Geben nie.
»Ich hatte immer Schwierigkeiten damit, unsere eigene Doppelmoral zu begreifen«, sagte ich.»Das ist schwer und unangenehm. Kommt erst mit der Zeit, und die habe ich nicht mehr. Wenn man sich eine Rechtfertigung ausdenken muss. Wenn man nicht alle verteidigen kann. Wenn du weißt, dass in der Sonderabteilung jeden Tag Lizenzen unterschrieben werden, mit denen Menschen dem Dunkel ausgeliefert werden. Das ist unschön, oder?«
Das Lächeln stahl sich aus seinem Gesicht.»Ich verlange Nachsicht und einen Prozess, Wächter«, wiederholte er die Worte wie eine Beschwörungsformel.