Выбрать главу

»Ich bin jetzt kein Wächter«, antwortete ich.

Die Pistole zuckte, knallte, die Ladung rollte träge heran, die Hülsen flogen heraus. Die Kugeln schwirrten durch die Luft wie ein kleiner bissiger Hornissenschwarm.

Er schrie nur einmal, dann zerfetzten ihm zwei Kugeln den Schädel. Als die Pistole klickte und verstummte, wechselte ich automatisch mit bedächtigen Bewegungen das Magazin.

Der zerstückelte, verdrehte Körper lag vor mir. Er fing bereits an, aus dem Zwielicht auszutreten, und die Schminke des Dunkels zerlief auf dem jungen Gesicht.

Ich fuhr mit der Hand durch die Luft, zog ein diffuses Etwas herunter, presste dieses Ding zusammen, das durch den Raum waberte. Die oberste Schicht. Die Pause von der Gestalt des Dunklen Magiers.

Morgen würde man ihn finden. Einen guten, prachtvollen Jungen, den alle gemocht hatten. Auf viehische Weise ermordet. Wie viel Böses hatte ich in die Welt gesetzt? Wie viel Tränen, Verbitterung, blinden Hass? Welche Kette würde sich von hier in die Zukunft ziehen?

Und wie viel Böses hatte ich umgebracht? Wie viel Menschen würden länger und besser leben? Wie viel Tränen würden nicht fließen, wie viel Niedertracht nicht aufkommen, wie viel Hass nicht entstehen?

Vielleicht hatte ich jetzt die Barriere überschritten, die ich nie hätte nehmen dürfen.

Vielleicht hatte ich die nächste Grenze erkannt, die ich überwinden musste.

Ich steckte die Pistole ins Halfter und trat aus dem Zwielicht.

Der Fernsehturm in Ostankino bohrte sich wie eine Nadel in den Himmel.

»Spielen wir das Spiel also ohne Regeln«, sagte ich.»Ohne jede Regel.«

Es gelang mir sofort, ein Auto anzuhalten, sogar ohne beim Fahrer einen Anfall von Menschenfreundlichkeit heraufbeschwören zu müssen. Ob das daran lag, dass ich die Maske des toten Dunklen Magiers trug - diese sehr einnehmende Maske?

»Zum Fernsehturm«, bat ich, während ich in den ramponierten»Sechser«stieg.»Und zwar möglichst schnell, damit ich noch reinkomme.«

»Willst wohl noch ein bisschen Spaß haben?«, erkundigte sich der Mann hinterm Steuer lächelnd, ein etwas spröder Brillenträger, der irgendwie an den alt gewordenen Schurik aus den Komödien von einst erinnerte.

»Und wie«, erwiderte ich.»Und wie.«

Fünf

Der Fernsehturm war noch nicht geschlossen. Ich kaufte eine Eintrittskarte, zahlte einen Zuschlag, um ins Restaurant gehen zu dürfen, und überquerte die Grünfläche, die den Turm umgab. Die letzten fünfzig Meter des Wegs führten unter einem schlaffen Stoffdach entlang. Wozu das wohl diente? Ob von dem alten Bauwerk ab und an Beton herunterbröckelte?

Das Stoffdach endete an einer kleinen Bude, an der man kontrolliert wurde. Ich zeigte meinen Ausweis vor, trat durch den Rahmen mit dem Metalldetektor, der übrigens nicht funktionierte. Das waren alle Formalitäten, das also waren die Sicherheitsvorkehrungen dieses strategischen Objekts.

Jetzt packten mich Zweifel. Wie man es auch drehte und wendete, die Idee, hier herzukommen, blieb seltsam. Ich konnte nicht spüren, dass sich in der Nähe Dunkle zusammengezogen hatten. Falls doch, waren sie gut maskiert - was bedeutete, dass mir eine Auseinandersetzung mit Magiern zweiten oder dritten Grades bevorstand. Eine absolute Selbstmordaktion.

Der Stab. Der Einsatzstab der Tagwache, eingerichtet zur Koordination der Jagd, der Jagd auf mich. Wohin hätte sich ein unerfahrener Dunkler Magier sonst wenden können, um mitzuteilen, er habe die Beute gestellt?

Sollte ich mich zum Stab vorwagen, zu dem mindestens ein Dutzend Dunkler gehörten, darunter auch erfahrene Wachleute? Den Kopf freiwillig in die Schlinge zu stecken ist dumm, nicht heldenhaft, solange noch Chancen bestehen, mit heiler Haut davonzukommen. Und ich hoffte sehr, dass es diese Chancen noch gab.

Von unten, von den Betonblüten der Stützpfeiler aus, machte der Fernsehturm einen ungleich stärkeren Eindruck als aus der Ferne. Etliche Moskauer dürften die Aussichtsplattform allerdings noch nie im Leben erklommen haben, nahmen sie den Turm doch nur als obligatorische Silhouette am Himmel wahr, durchaus nützlich und symbolisch, aber gewiss kein Ort, an dem man seine Freizeit verbrachte. Wie in einer aerodynamischen Röhre von ausgeklügelter Konstruktion wehte hier ein Wind, gerade noch hörbar plagte sich ein kaum fassbarer lang gezogener Laut ab - die Stimme des Turms.

Ich blieb kurz stehen und sah nach oben, betrachtete die Gitter und Öffnungen im Mauerwerk, den von Lunkern zerfressenen Beton, sah auf die erstaunlich grazile, elastische Silhouette. Und elastisch war sie in der Tat, mit den Betonringen an gespannten Seilen. Denn in der Elastizität liegt die Kraft. Nur in ihr.

Dann trat ich durch die Glastür.

Komisch, ich hatte geglaubt, weit mehr Menschen würden den Wunsch verspüren, das nächtliche Moskau aus einer Höhe von dreihundertsiebenunddreißig Metern zu betrachten. Doch nein. Im Fahrstuhl fuhr ich allein nach oben, genauer gesagt zusammen mit einer Frau vom Service.

»Ich hatte mehr Leute erwartet«, sagte ich mit einem freundlichen Lächeln.»Ist es abends immer so leer?«

»Nein, normalerweise geht es hoch her.«Die Frau gab mir zwar Auskunft, ohne sich irgendwie über meine Frage zu wundern, doch einen Hauch von Irritation nahm ich in ihrer Stimme wahr. Sie drückte den Knopf, die Doppeltüren schlossen sich. Schon im nächsten Moment spürte ich einen Schmerz in den Ohren und wurde zu Boden gepresst, während der Fahrstuhl mit rasender Geschwindigkeit und dennoch verblüffend sanft nach oben schoss.»Vor zwei Stunden hat sich hier alles geleert.«

Vor zwei Stunden.

Kurz nach meiner Flucht aus dem Restaurant.

Wenn um diese Zeit der Einsatzstab im Turm eingerichtet worden war, wunderte es mich nicht mehr, dass Hunderte von Moskauern, die an einem klaren, warmen Frühlingsabend in dem Restaurant in den Wolken essen wollten, ihre Pläne von einer Minute auf die andere umgeworfen hatten. Selbst wenn uns die Menschen nicht sehen, spüren sie uns.

Und obwohl sie mit alledem nicht das Geringste zu tun hatten, waren sie klug genug, den Dunklen nicht in die Quere zu kommen.

Ich sah jetzt natürlich wie der Dunkle Magier aus. Blieb die Frage, ob diese Maskierung ausreichte. Der Wachmann würde mein Äußeres mit der Liste vergleichen, die seinem Gedächtnis übermittelt worden war, und alles würde passen. Außerdem würde er die Kraft spüren.

Würde er dann noch tiefer graben? Würde er das Kraftprofil überprüfen, klären, ob es sich bei mir um einen Dunklen oder einen Lichten handelte und welchen Rang ich innehatte?

Fünfzig zu fünfzig. Einerseits muss er das tun. Andererseits vernachlässigen Wachleute diese Pflicht immer und überall. Vielleicht langweilt er sich zu Tode, vielleicht ist er gerade zur Arbeit gekommen und platzt vor Eifer.

Aber am Ende nahmen sich fünfzig von hundert sehr gut aus im Vergleich zu den Chancen, mich auf Moskaus Straßen sicher vor der Tagwache zu verstecken.

Der Fahrstuhl hielt an. Noch nicht mal einen Plan hatte ich mir zurechtgelegt, das Ganze hatte nämlich nur zwanzig Sekunden gedauert. Wenn doch die Fahrstühle in normalen Hochhäusern genauso schnell wären.

»Wir sind da«, meinte die Frau fast heiter. Anscheinend war ich einer der letzten Besucher des Fernsehturms in Ostankino.

Ich betrat die Aussichtsplattform.

Normalerweise wimmelte es hier von Menschen. Neuankömmlinge lassen sich auf den ersten Blick von denjenigen unterscheiden, die schon ein Weilchen hier sind: durch ihre unsicheren Bewegungen, die komische Vorsicht, mit der sie an das runde Fenster herantreten, die Scheu, mit der sie um die in den Boden eingelassenen Scheiben aus Panzerglas schleichen und mit der Zehenspitze ängstlich ihre Stabilität prüfen.