Meiner Schätzung nach belief sich die Zahl der Besucher auf etwa zwei Dutzend. Kinder waren nirgends zu sehen, und aus irgendeinem Grund malte ich mir in aller Deutlichkeit aus, wie sie plötzlich einen hysterischen Anfall bekamen, sobald sie sich dem Turm näherten, wie perplex und wütend ihre Eltern darauf reagierten. Kinder spüren Dunkle weitaus besser.
Auch die Besucher der Plattform wirkten verstört, niedergeschlagen. Sie fesselte nicht das Moskau, das sich unter ihnen erstreckte, in bunte Lichter getaucht, diese grelle, normalerweise so festliche Stadt, sei es auch ein Gelage in Zeiten der Pest, so doch ein schönes Gelage. Jetzt genoss niemand diesen Anblick. Der Atem des Dunkels herrschte über allem, unsichtbar selbst für mich, aber zu spüren, erstickend wie Grubengas, das keinen Geschmack hat, keine Farbe, keinen Geruch.
Ich schaute auf den Boden, fand meinen Schatten und trat in ihn hinein. Ein Wachmann stand in meiner Nähe, nur zwei Schritt von mir entfernt, neben einer in den Boden eingelassenen Scheibe. Mit freundlichem, jedoch leicht irritiertem Blick musterte er mich. Im Zwielicht bewegte er sich nicht sehr sicher, woraus ich schlussfolgerte, dass für die Sicherheit des Einsatzstabs längst nicht die besten Kräfte abgestellt worden waren. Ein kräftiger junger Mann in streng geschnittenem grauen Anzug und weißem Hemd, mit einer Krawatte in gedecktem Ton - ein Bankangestellter, aber kein Diener des Dunkels.
»Hallo, Anton«, sprach mich der Magier an.
Eine Moment lang stockte mir der Atem.
So dumm konnte ich doch nicht sein, oder? So grauenvoll, so fürchterlich naiv?
Man hatte mir aufgelauert, mich getäuscht, einen weiteren Bauern geopfert und sogar - wie auch immer - jemanden hinzugezogen, der schon vor Urzeiten ins Zwielicht eingegangen war.
»Was machst du denn hier?«
Mein Herzschlag setzte wieder ein und fand seinen Rhythmus. Alles war so einfach, so unendlich einfach.
Der ermordete Dunkle Magier war mein Namensvetter.
»Mir ist da was aufgefallen. Jetzt brauch ich neue Anweisungen.«
Der Wachmann runzelte die Stirn. Vermutlich stimmte meine Art zu sprechen nicht ganz. Trotzdem durchschaute er mich immer noch nicht.
»Deinen Ausweis, Anton. Sonst kann ich dich nicht durchlassen, das weißt du selbst.«
»Du bist verpflichtet, mich durchzulassen«, platzte ich auf gut Glück heraus. Bei uns in der Wache gelangt jeder zum Einsatzstab, der seinen Sitz kennt.
»Weshalb das?«Er lächelte, doch seine rechte Hand wanderte langsam nach unten.
Der Stab an seinem Gürtel war bis zum Anschlag aufgeladen. Ein beinerner Stab, kunstvoll aus einem Unterschenkelknochen geschnitzt, mit einem kleinen rubinroten Kristall an der Spitze. Ich brauchte nur herumzudrucksen, mich zu verschließen - und ein gewaltiger Kraftausstoß würde Panik unter allen Anderen um uns herum auslösen.
Ich nahm meinen Schatten vom Boden auf und trat in die zweite Schicht des Zwielichts.
Kälte.
Nebel wallte auf, genauer, nicht Nebel, sondern Wolken. Über der Erde hängende feuchte schwere Wolken. Den Fernsehturm von Ostankino gab es hier nicht mehr, diese Welt hatte die letzte Ähnlichkeit mit der menschlichen eingebüßt. Auf wattigen Wolken, über aufgequollene Tropfen ging ich weiter, einen unsichtbaren Weg entlang. Die Zeit dehnte sich dahin - eigentlich fiel ich nämlich nach unten, doch so langsam, dass es nicht zu merken war. Hoch im Himmel leuchteten drei Monde, die als trübe Flecken den Wolkenschleier durchbrachen, ein weißer, ein gelber und ein blutroter. Vor mir entstand ein Blitz, der anschwoll, spitze Geschosse spie, sich durch die Wolken bohrte, eine verzweigte Furche in sie einbrannte.
Ich trat an einen diffusen Schatten heran, der in quälendem Zeitlupentempo an seinen Gürtel griff, nach seinem Stab langte. Fing seine Hand ab, eine schwere, unnachgiebige Hand, kalt wie Eis. Die sich nicht aufhalten ließ. Ich musste mich losreißen, wieder rauf in die erste Schicht des Zwielichts und ein Handgemenge anfangen. Mit einigen Aussichten auf den Sieg.
Licht und Dunkel, ich bin doch bloß Programmierer! Ich habe mich nie darum gerissen, an vorderster Front zu kämpfen! Lasst mich meine Arbeit machen, die ich beherrsche und liebe!
Doch sowohl das Licht wie auch das Dunkel schwiegen, wie sie immer schweigen, wenn man sie anruft. Und nur eine amüsierte Stimme, die ab und an in jeder Seele erklingt, flüsterte:»Niemand hat dir eine saubere Arbeit versprochen.«
Ich sah auf den Boden. Mein Füße standen zehn Zentimeter unter denen des Dunklen Magiers. Ich fiel, hatte jeden Halt in dieser Realität verloren, hier gab es keinen Fernsehturm und keine Analogien für ihn - es gibt keine derart dünnen Felsen, noch derart hohe Bäume.
Wie gern hätte ich saubere Hände behalten, ein heißes Herz und einen kühlen Kopf. Doch aus irgendeinem Grund vertrugen sich diese drei Faktoren nicht. Unter keinen Umständen. Der Wolf, die Ziege und der
Kohlkopf - wo ist der wahnsinnige Fährmann, der sie zusammen ins Boot nimmt?
Und wo ist der Wolf, der, nachdem er die Ziege verschlungen hat, darauf verzichten würde, den Bootsmann zu kosten?
»Gott weiß es«, sagte ich. Meine Stimme verlor sich in den Wolken. Ich ließ die Hand los, griff nach dem Schatten des Dunklen Magiers, diesem feuchten Fetzen, der sich im Raum auflöste. Zog ihn hoch, warf ihn auf den Körper und stieß den Dunklen in die zweite Schicht des Zwielichts.
Er schrie auf, als die Welt ringsum den Anschein von Sicherheit verlor. Vermutlich hatte er noch nie die Gelegenheit gehabt, weiter als bis zur ersten Schicht ins Zwielicht einzutauchen. Die Energie für diesen Ausflug lieferte zwar ich, doch die Empfindungen waren ihm völlig neu.
Indem ich mich auf die Schultern des Dunklen stemmte, drückte ich ihn nach unten. Und hastete selbst hoch, indem ich erbarmungslos auf den gekrümmten Rücken trat.
Der Weg der Großen Magier nach oben führt immer über den Rücken anderer.
»Du Schweeeiiin! Anton, du Schwein!«
Selbst jetzt begriff der Dunkle nicht, wer ich war. Das würde er erst, wenn er den Kopf drehte - er, der er bereits ausgestreckt dalag und als Halt für meine Füße diente -, wenn er den Kopf drehte und mir ins Gesicht sah. Denn hier, in der zweiten Schicht des Zwielichts, brachte mir die grobe Maskierung natürlich gar nichts. Er riss die Augen auf, röchelte kurz, heulte auf und klammerte sich an meine Beine.
Aber noch immer verstand er nicht, was ich tat und wozu.
Ich schlug ihn mehrmals hintereinander, trat ihm mit den Absätzen auf die Finger und ins Gesicht. Für einen Anderen ist das nicht so schlimm, aber es ging mir ja nicht darum, ihm körperlichen Schaden zuzufügen. Runter, runter mit dir, fall, knalle durch alle Realitätsschichten hindurch, durch die Menschenwelt und das Zwielicht, durch das nachgiebige Gewebe des Raums. Ich habe weder die Zeit noch die Fähigkeiten, um mich mit dir auf ein richtiges Duell nach allen Gesetzen der Wachen einzulassen - nach jenen Regeln, die für junge Lichte und ihren Glauben an das Gute und das Böse, an die Unzerstörbarkeit der Dogmen, an die Notwendigkeit der Abrechnung erarbeitet worden sind…
Sobald ich der Ansicht war, der Dunkle sei weit genug nach unten gestampft worden, stieß ich mich von dem breitgetretenen Körper ab, sprang in den kalten schlierigen Nebel und zog mich aus dem Zwielicht.