Wortlos folgten die anderen Hühner ihr. Oben im Baumhaus war es wieder still, scheußlich still.
»Die können einem wirklich Leid tun«, sagte Wilma, als sie hintereinander durch den dunklen Wald stolperten. »So ein gutes Bandenquartier kriegen die doch nie wieder. Das Schwarz sah echt gut aus.«
»Mein Vater ist vor ein paar Tagen auch so ausgerastet«, murmelte Melanie. »Hat den Toaster aus dem Fenster geschmissen, den Eierkocher, das Radio. Weil wir in die kleinere Wohnung ziehen müssen.« »Hat er immer noch keine Arbeit?«, fragte Frieda.
Melanie schüttelte den Kopf.
»Nichts als Unglück, wohin man guckt«, murmelte Sprotte. Schweigend kämpften sie sich durch die Brombeerranken. Frieda legte Melanie den Arm um die Schultern. »Steve kann ja mal in seinen Karten nachlesen, wann der ganze Ärger endlich ein Ende hat«, schniefte Wilma und nieste in ihr zerfleddertes Taschentuch. »Wisst ihr, was das Schlimmste ist!« Melanie warf die Haare zurück. »Meine Mutter sagt, sie müssen mir das Taschengeld kürzen. Nicht mal die Hautreinigungscreme, von der ich gelesen hab, will sie mir kaufen. Sie gibt jetzt keine siebzig Mark für eine Tube Creme aus, sagt sie. Wie findet ihr das? Ist eine Tube Creme vielleicht zu viel verlangt, wo ich in der neuen Wohnung nicht mal ein eigenes Zimmer krieg, sondern mir eins mit meiner blöden großen Schwester teilen muss?«
Sprotte und Frieda wechselten einen Blick. Frieda zog ihren Arm von Melanies Schulter. »Siebzig Mark?«, fragte sie. »Siebzig Mark für Creme? Also weißt du, Melli, manchmal spinnst du wirklich. Davon können Kinder woanders ein ganzes Jahr leben.«
»Verdammt, jetzt spiel bloß nicht wieder die Heilige!«, fauchte Melanie. »Wir sind aber nicht woanders. Und die haben ja vielleicht auch keine Hautprobleme.« Darauf fiel Frieda nichts mehr ein. »Da vorne stehen unsere Räder«, sagte Wilma schnell. »Wollen wir nicht gleich nach Hause fahren? Das mit dem Draht können wir doch auch morgen noch erledigen, oder?« »Klar«, murmelte Sprotte und öffnete ihr Fahrradschloss. »Weißt du was, Melli?«, sagte sie, als sie sich auf den Sattel schwang. »Ich finde auch, du spinnst. Aber das mit Willi, das hast du klasse gemacht. Wirklich.« Mit steinerner Miene stieg Melanie auf ihr Fahrrad. »Wann treffen wir uns morgen?«, fragte sie spitz. »Wie war's mit gleich nach der Schule?«, schlug Sprotte vor. »Die Hausaufgaben können wir doch zusammen im Wohnwagen machen.«
»Okay«, Melanie nickte. Frieda und Wilma auch. »Ich muss aber meinen Bruder mitbringen«, sagte Frieda, während sie die dunkle Straße runterfuhren. »Ich bin morgen mit Babysitten dran.«
»Welchen musst du mitbringen, den Großen oder den Kleinen?«, fragte Sprotte, als sie an die hell beleuchtete Hauptstraße kamen. Hier trennten sich ihre Wege, Frieda und Sprotte mussten nach rechts, Melanie und Wilma links abbiegen.
Frieda grinste. »Den Kleinen natürlich.« »Na, ein Glück«, näselte Wilma. »Der wird uns höchstens in den Hausaufgaben rumkrickeln.« Grinsend stieß sie Melanie an. »Oder hättest du lieber den Großen dabei?« »Ach, lasst mich doch in Ruhe, ihr blöden Hühner!«, knurrte Melanie. Aber kichern musste sie trotzdem.
11
Am nächsten Tag fielen die letzten zwei Stunden aus, weil Frau Rose so erkältet war, dass sie nur noch krächzen konnte. Bloß die Pygmäen mussten nachsitzen, weil sie sich in der ersten großen Pause mit ein paar Jungs aus der Parallelklasse geprügelt hatten. Sie waren mit einer fürchterlichen Laune in die Schule gekommen, und nach der Prügelei sahen sie dann auch furchtbar aus. Die Hühner überlegten, ob sie Frau Rose von den Baggern erzählen sollten, aber als Frieda zu ihr gehen wollte, räumte Frau Rose gerade schniefend das Pult für Herrn Eisbrenner, und dem erzählte man besser überhaupt nichts von irgendwas.
Trude ließ den Jungs zum Trost zwei Schokoladenriegel da, und Melanie gab Willi eins von ihren Blumentaschentüchern für seine blutende Nase. Dann machte sie sich mit Sprotte auf den Weg zum Schrottplatz, wo sie so billig Maschendraht und Holzpfosten kauften, dass die Bandenkasse auch noch drei Tüten Chips und zwei Literflaschen Cola hergab. Frieda blieb noch in der Schule, um Plakate für eine Spendenaktion aufzuhängen. Wilma musste erst mal nach Hause, weil ihre Mutter ihr verboten hatte, die Schulaufgaben mit den ändern zusammen zu machen, und Trude - tja, die wollte nur noch schnell mit Paolo zu Mittag essen. Trotzdem - um zwei Uhr wollten sie sich alle am Wohnwagen treffen.
Als Melanie und Sprotte ihre schwer beladenen Räder vor dem Gatter abstellten, lehnte Trudes schon an der Hecke. Sie hatte Tee gekocht und den Wohnwagen geheizt. Es war ein kalter Tag, aber die Sonne schien, und der blaue Wagen sah noch schöner aus als am Tag zuvor.
»Sieht das gemütlich aus!«, seufzte Melanie, als sie hineinkletterten. Die Sonne fiel durch das Fenster herein, und feiner Staub tanzte wie Silberpulver in ihren Strahlen. »Können wir nicht erst mal Tee trinken, bevor wir schon wieder arbeiten?«
»Nee«, sagte Sprotte. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Stell den Tee aufs Stövchen, Trude.«
Als sie zu dritt die Drahtrolle zum Schuppen schleppten, kamen auch Wilma und Frieda - ohne kleinen Bruder. »Ich hab mit Titus getauscht!«, rief sie über die Wiese. »Er passt heute auf, und dafür geh ich morgen Abend mit dem Kurzen zum Laternenumzug.«
»Morgen Abend?«, rief Sprotte erschrocken. »Aber da wollen wir doch die Hühner kidnappen!«
»Ach, bis dahin ist der Umzug doch längst gelaufen«, sagte Frieda und stellte eine Werkzeugkiste neben Sprotte ins Gras. »Luki hätte uns heute in den Wahnsinn getrieben, ich sag es euch. Nicht einen Zaunpfahl hätten wir eingeschlagen, ohne dass er >Ich auch!< gebrüllt hätte. Luki schläft sogar mit seinem Plastikhammer, und wenn er den hier gesehen hätte ...«, sie zog einen schweren Fä ustel aus dem Koffer, »dann hätten wir ihm den pausenlos abjagen müssen.« »Na, okay.« Zusammen rollten sie den Draht aus und legten die Holzpfosten dorthin, wo sie eingeschlagen werden sollten.
»Meinst du, der Auslauf wird groß genug?«, fragte Frieda, als sie fertig waren. »Er ist viel kleiner als der von deiner Oma.« »Macht nichts. Halt mal.« Sprotte schlug den ersten Pfosten ein. »Ich hab gestern Bussarde überm Wald kreisen sehen. Deshalb sollten wir über den Auslauf besser Obstbaumnetze spannen, und so groß sind die nicht. Ich werd versuchen, bei O. S. welche zu klauen.«
»Habt ihr euch eigentlich schon bei mir für die zwei Freistunden bedankt?«, fragte Wilma, während sie einen Pfosten nach dem ändern setzten.
»Wieso? Au, verdammt!« Besorgt betrachtete Melanie ihre schwarz lackierten Fingernägel. »Jetzt hab ich mir den Nagel abgebrochen!«
»Keine Sorge, da werden noch mehr abbrechen«, sagte Sprotte und ließ sich beim Hämmern von Wilma ablösen. Melanie schnitt ihr eine Grimasse. »Ja, mir habt ihr die Freistunden zu verdanken!« Wilma haute mit dem Fäustel so fest auf den Pfosten, dass Trude erschrocken zurückzuckte. »Ich hab nämlich jede Menge von meinen gebrauchten Taschentüchern in den Papierkorb unterm Pult geworfen. Da konnten die kleinen Bazillen so richtig schön in Frau Roses Nase steigen.«
»Echt?« Sprotte grinste. »Hättest du das von Wilma gedacht, Melli?«
»Nie«, sagte Melanie und luschte sich einen Splitter aus dem Finger. »Sie sieht so unschuldig aus.«
»Wilmas Sternzeichen ist Zwilling«, meinte Trude. »Die haben alle zwei Gesichter. Deshalb ist sie auch so eine tolle Spionin. »Ich bin Waage. Ich kann nicht mal lügen.« »Ach ja?« Interessiert guckte Wilma sie an. »Dann erzähl uns doch mal, was zwischen deinem Cousin und dir ist.« Trude wurde rot.