»Na, die Diebe«, sagte Sprotte und ging aus der Schusslinie. »Die kann man doch nicht erschießen, bloß weil sie was klauen wollen. Töten und klauen, das, das - das ist doch ein gewaltiger Unterschied!«
»Findest du?« Ihre Oma ließ die Waffe sinken und legte sie zurück in die Schachtel.
»Ja, find ich«, murmelte Sprotte und überlegte fieberhaft, was sie nun machen sollte. Musste sie den anderen von der Pistole erzählen? Aber dann halfen die ihr womöglich nicht. Allein konnte sie die Hühner unmöglich alle wegbringen ! Und wenn sie Mam um Hilfe bat? Nein. Die stritt sich zwar ständig mit Oma Slättberg, aber sonst ... Sie mochte Hühner nicht mal besonders. - Ich klau die Munition, dachte Sprotte. Genau. Das mach ich. Erleichtert atmete sie durch.
Aber auf dem Tisch war von Munition nichts zu entdecken. »Oma ...«, Sprotte versuchte ganz unschuldig zu klingen. »Wo ist denn die Munition? Kann ich mir die mal angucken?«
»Das könnte dir so passen«, antwortete Oma Slättberg. »Nein, nein. Die habe ich schon an einen sicheren Ort gelegt. Das hier ist schließlich kein Kinderspielzeug. Und jetzt geh an die Arbeit, sonst ist es dunkel, ehe du angefangen hast. Ich muss jetzt erst mal meine Brille suchen.« Die Brille. Sprotte wusste, wo die Brille war. Auf dem kleinen Telefontischchen lag sie. Unauffällig schlenderte Sprotte zum Telefon. Ohne Brille konnte O.S. die Anleitung nicht lesen. »Na, dann viel Glück beim Suchen«, sagte sie, während sie sich gegen das Tischchen ehnte und mit den Fingern nach der Brille tastete.
»Ja, ja!« Oma Slättberg guckte sich mit zusammengekniffenen Augen in der Küche um.
Sprotte aber ließ die Brille schnell in ihre Jackentasche gleiten, griff sich die Hacke und lief nach draußen. Die findest du heute bestimmt nicht wieder, dachte sie und versteckte die Brille hinter der Regentonne unter einem leeren Blumentopf. Beruhigt machte sie sich wieder an die Arbeit. Sie hackte das Kräuterbeet, sah nach, ob die Gründüngersaat noch feucht war, füllte die großen Gießkannen mit Regenwasser und sah einer Maus zu, die verstohlen ein paar Körner Hühnerfutter zu ihrem Loch schleppte. Kurz bevor es zu dämmern begann, brachte Sprotte die Gartengeräte in den Schuppen, wusch sich die Hände in der Regentonne und lief zum Haus, um sich zu verabschieden. Der Nebel war dichter geworden. Weiß wie Schornsteinrauch hing er in der kalten Luft. Sprotte wusste immer noch nicht, ob das nun gut oder schlecht war für ihr Vorhaben. »Ich muss los!«, rief sie in die Küche.
Oma Slä ttberg saß am Tisch und las die Gebrauchsanweisung für die Pistole mit ihrer großen Lupe. Sprotte blieb fast das Herz stehen.
»Diese Brille ist nicht aufzufinden«, murmelte O. S., ohne den Kopf zu heben. »Aber so geht es auch. Ist sowieso ein Kinderspiel, dieses Ding zu bedienen.« »Ah ja?«, murmelte Sprotte.
»Kein Problem.« Oma Slättberg hob den Kopf und sah sie an. »Du meine Güte. Du siehst ja aus wie Hühnerspucke. Leg dich zu Hause sofort ins Bett. Du wirst krank. Soll ich dir noch eine Milch mit Honig machen?« Sprotte schüttelte den Kopf.
»Na, dann nicht.« Ihre Großmutter wandte sich wieder der Gebrauchsanweisung zu. »Aber dass ich heute Abend nicht fernsehen kann«, murmelte sie, »das ärgert mich wirklich.« »Nicht fernsehen?«, fragte Sprotte mit schwacher Stimme. Das auch noch.
»Natürlich nicht«, antwortete Oma Slättberg barsch. »Ohne Brille kann ich mir genauso gut ein Hörspiel anhören.« »Ich - ich glaub, ich hab da draußen was gesehn!«, stieß Sprotte hervor, rannte raus und lief zur Regentonne. Hastig kippte sie den leeren Blumentopf um und lief mit der Brille zurück zum Haus. »Da«, sagte sie und legte die Brille auf den Küchentisch. »Sie lag bei der Regentonne. Muss dir rausgefallen sein aus der Schürze.«
Mit starrem Hühnerblick musterte ihre Großmutter sie. »Rausgefallen. So so. Du bist heute wirklich seltsam.« Kopfschüttelnd setzte sie sich die Brille auf. »Noch seltsamer als sonst, und das soll was heißen. Aber ich sag's ja. Du wirst krank. Mach, dass du ins Bett kommst. Ich werde deine Mutter anrufen. Sie soll heute nicht zu lange fahren und besser mal nach dir sehen.«
»Was? Nein, nein!«, rief Sprotte. »Mir geht's gut. Ehrlich. Ich muss los.«
Dann stolperte sie raus in den Garten, schnappte sich den voll gestopften Rucksack und schwang sich auf ihr Rad. Sie musste sich höllisch beeilen, wenn sie das Futter und die Netze noch vor Einbruch der Dunkelheit zum Wohnwagen bringen wollte. Ich kann's den ändern nicht sagen, dachte sie den ganzen Weg lang, während der Nebel um sie rumwaberte und der Himmel immer dunkler wurde. Ich kann's einfach nicht. Die Hühner sind tot, wenn die ändern mir nicht helfen. Aber sie fühlte sich wie eine heimtückische Verräterin.
13
Samstags um Viertel nach acht lief eine von Oma Slättbergs Lieblingssendungen. Davor guckte sie Tagesschau. Weil sie dabei so wunderbar auf alles und jeden schimpfen und behaupten konnte, früher wäre alles viel netter gewesen. »Die Welt war noch nie nett«, sagte Sprottes Mutter immer, wenn Oma Slättberg von den guten alten Zeiten schwärmte. Stundenlang konnten sie sich darüber streiten. Na ja. Melanie und Wilma warteten schon, als Sprotte angerast kam. Sie war völlig außer Atem, weil sie zu Hause vor dem Fernseher eingeschlafen war, aber das sagte sie den ändern natürlich nicht. Von Oma Slättbergs Päckche n erzählte sie auch kein Wort.
»Alles klar?«, fragte Melanie, spuckte ihr Kaugummi aus und schob sich ein neues zwischen die Zähne. »Oder ist der Fernseher von deiner Oma noch kaputtgegangen?« Melanie kaute immer Kaugummi, wenn sie aufgeregt war, bei Klassenarbeiten brachte sie es manchmal auf zwei Päckchen. »Nee, alles in Ordnung«, sagte Sprotte, ohne sie anzugucken. Sie war nicht gut im Lügen, erst recht nicht, wenn sie dabei jemandem ins Gesicht sehen musste. »Ich bin so aufgeregt!«, stöhnte Wilma. »Kotzübel ist mir. Als wir an einem Polizeiauto vorbeigefahren sind, bin ich denen vor Schreck fast in den Kotflügel gefahren.« »Stimmt!« Melanie kicherte. »Wilma sieht sich schon im Zuchthaus. Lebenslänglich, wegen heimtückischer Hühnerentführung. «
»Lach nic ht so blöd«, schniefte Wilma. »Wenn meine Mutter wüsste, was ich hier treibe, würd ich lebenslänglich Stubenarrest und Fernsehverbot bekommen.« Beleidigt prustete sie in ihr Taschentuch.
Trude bog in die Straße ein. Als sie ihr Fahrrad zu den ändern auf den Bürgersteig schob, sah sie sich nervös um. »Hallo«, flüsterte sie. »Ihr fallt vor den Tannen wirklich kaum auf.«
Der Nebel hatte sich etwas verzogen, aber im Schaumkrautweg standen zum Glück nur wenige Straßenlaternen, und weil die Hühner alle, wie verabredet, dunkle Kleidung trugen, waren nur die Rücklichter ihrer Fahrräder deutlich zu erkennen.
»Können wir Taschenlampen benutzen?«, fragte Trude und ließ ihre aufleuchten.
»Besser nicht«, raunte Sprotte. »Taschenlampen in der Dunkelheit sehen irgendwie verdächtig aus.« Schnell knipste Trude die Lampe wieder aus.
»He, Trude.« Wilma beugte sich vor und guckte ihr besorgt ins Gesicht. »Was ist mit dir los? Du hast ja ganz verheulte Augen.«
»Ach«, Trude schüttelte den Kopf und fuhr sich durch das kurze Haar. »Ich hab heute Vater-Tag gehabt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich mir wegen der Haare anhören musste!«
Vier Räder bogen in die schmale Straße ein.
»He, da stecken sie!«, rief Steve und raste Melanie fast in den Hinterreifen.
»Wie ein Haufen Verschwörer!«, spottete Torte. »Als wolltet ihr eine Bombe legen oder so was.«
»Könnt ihr vielleicht noch'n bisschen lauter rumschreien?«,
fauchte Sprotte, während Fred sein Fahrrad neben ihres schob.
»Ach, komm«, Willi stellte sich neben Melanie. »Ich denk, deine Oma ist schon scheintot. Die müsste Ohren wie 'ne Fledermaus haben, um uns hier zu hören.«